SPIEGEL ONLINE: Am Montagabend werden Sie in der Talkshow "Beckmann" der ARD auftreten und über ihr Leben und ihr neues Buch sprechen*. Dafür haben Sie in der vergangenen Woche mit nur wenigen Vorkenntnissen fast perfektes Deutsch gelernt. Wie geht das?
Tammet: Ich hatte einen Sprachcoach an meiner Seite, der mir geholfen hat. Morgens haben wir zwei Stunden gelesen. Später sind wir durch die Stadt gelaufen, sind zum Beispiel ins Museum gegangen und haben uns einfach nur auf Deutsch unterhalten. Es ist sehr wichtig, beim Lernen keinen Stress zu haben. Mit Stress wird das Lernen sehr schwierig. Das Gehirn braucht Zeit, über das nachzudenken, was es gelernt hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie lernen extrem schnell. Isländisch haben Sie vor einigen Jahren in nur einer einzigen Woche gelernt - ohne vorher jemals etwas mit der Sprache zu tun gehabt zu haben. Was machen Sie anders als andere Menschen?
SPIEGEL ONLINE: Auf die Idee, Worte nach Formen zu sortieren, wären wir als Muttersprachler allerdings nie gekommen.
Tammet: Heute vielleicht nicht. Aber ich glaube, dass Sie Deutsch, als Sie jung waren, unbewusst genau auf diese Weise gelernt haben. Jeder, der als Kind seine erste Sprache lernt, denkt auf diese Weise. Wenn man später im Leben eine Sprache lernt, ist der Zugang dann allerdings ein anderer. Das Gehirn hat sich verändert. Plötzlich hält man fremde Sprachen für merkwürdig. Aber sie sind es nicht. Jede Sprache ist logisch, weil sie von menschlichen Gehirnen erdacht wurde. Es ist also vollkommen natürlich, nach der Logik einer Sprache zu suchen und diese Logik für das Lernen zu nutzen.
Tammet: Am Anfang lese ich vor allem Kinderbücher. Die sind einfach, haben Bilder und machen Spaß. Sie bringen mich zum Lachen. Danach lese ich Magazine, Zeitungen und Bücher für Erwachsene. Wichtig ist, dass mich die Texte interessieren. Sie dürfen nicht langweilig sein. Dann suche ich mir jemanden, der die Sprache spricht. Mit dem rede ich dann einfach den ganzen Tag.
SPIEGEL ONLINE: Das kann aber nicht das ganze Geheimnis Ihres Talents sein.
Tammet: Nein. Vor allem hilft mir, dass Regionen in meinem Gehirn auf ungewöhnliche Art miteinander verschaltet sind. Die meisten Menschen denken in isolierten Kategorien. Bei mir jedoch ist alles vernetzt. Wenn ich über Worte nachdenke, nutze ich Informationen aus allen Teilen meines Gehirns. Gefühle, Farben und Formen verbinden sich mit den Worten. Synästhesie lautet der Fachbegriff für diese Fähigkeit. Sie hilft mir, sehr schnell zu lernen.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie uns ein paar farbige Wörter nennen?
Tammet: Da ist zum Beispiel das Wort "Gras". Mir gefällt daran, dass der erste Buchstabe genau zum Gegenstand passt. Wörter mit "G" sind für mich nämlich grün. Oder Apfel: Dieses Wort wirkt auf mich rot. Das ist sehr hilfreich, weil Äpfel auch häufig rot sind. Solche Zusammenhänge helfen mir, mich gut zu erinnern. In fremden Sprachen bin ich immerfort auf der Suche nach interessanten Phrasen, Mustern und Zusammenhängen. Ich starte mit einem Wort, zum Beispiel "Hand", und bin dann gleich bei "Handy" und "Handel". Oder ich suche nach Verbindungen zwischen verschiedenen Sprachen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Muster, die alle Sprachen gemein haben?
Tammet: Ja, zum Beispiel der i-Klang für kleine Dinge: "Tiny" und "little" im Englischen, "petite" im Französischen, im Deutschen "klein". Zudem sind Wörter, die gebräuchlicher sind, häufig kürzer. "Socke" zum Beispiel ist ein kurzes Wort. Wir ziehen sie täglich an. Sandalen dagegen benutzen wir seltener. Und siehe da: das Wort hat drei Silben. Ähnlich ist es bei Tieren. Der Hund hat nur eine Silbe. Er ist ja auch ausgesprochen häufig. Das Wort "Elefant" dagegen ist länger. Zumindest in dieser Weltregion ist er auch seltener als der Hund.
SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch benutzen Sie das Wort Liebe, um Ihr Verhältnis zu Sprache zu beschreiben. Was raten Sie anderen Menschen, die sich eine ähnliche Leichtigkeit im Umgang mit Worten oder auch Zahlen wünschen?
Tammet: Sie sollten sich beim Lernen wieder mehr auf ihre Intuition verlassen. Ich glaube, dass alle Menschen mit einem Gefühl für Zahlen und Sprache geboren werden. Leider verlieren die meisten Leute dieses Gefühl schon als junge Menschen wieder, zum Teil, weil unser Gehirn sich sehr früh im Leben verändert, zum Teil aber auch, weil die Schulen schlecht sind. Gerade Sprachunterricht ist häufig ausgesprochen langweilig. Kein Wunder, dass die Kinder dabei kaum etwas lernen. Sie kommen nicht voran und denken dann, dass sie dumm sind. Dabei sollten sie sich beim lernen amüsieren.
Tammet: Ich mag Deutsch. Ich mag zum Beispiel, wie man Wörter zusammensetzen kann. So ein zusammengesetztes Wort muss man sich nur einmal anschauen, und schon kann man ahnen, was es bedeutet. Außerdem mag ich den Klang von Deutsch. Viele Leute sagen, dass Deutsch sehr viele harte Klänge hat. Das stimmt. Aber ich finde, dass die Sprache auch sehr poetisch ist, transparent und elegant. Es ist die Sprache von Goethe. Sie muss gut sein.
SPIEGEL ONLINE: Spiegelt sie den Charakter der Deutschen wider?
Tammet: Möglicherweise. Deutsch ist ein bisschen wie ein sehr sauberer, aufgeräumter Raum mit perfekt rechtwinkligen Ecken, nicht so unaufgeräumt wie beispielsweise Englisch. Englisch ist ein großer Schlamassel mit sehr vielen und komplexen Wörtern. Deutsch ist ganz geradeaus und hat einige sehr schöne Wörter. Nehmen Sie zum Beispiel "bisschen" oder "Löffelchen". Ich mag dieses angefügte "chen". Oder "strahlen", ein wunderbares Wort.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie eigentlich auch noch selbst über Ihre Fähigkeiten staunen?
Tammet: Ja, ich bin mir meiner Begabungen sehr bewusst. Wichtig ist mir jedoch, dass die Leute meine Fähigkeiten nicht als etwas Übernatürliches ansehen sondern als Teil des natürlichen menschlichen Spektrums. Es gibt Sportler, die können sehr schnell über 100 Meter sprinten. Niemand würde behaupten, dass sie magische Beine haben. Vielmehr sagen wir, dass sie mit günstigen biologischen Voraussetzungen geboren worden sind, dass sie hart trainieren, dass sie Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit haben und ihren Sport lieben. Alle diese Fähigkeiten zusammen ergeben ihre physische Überlegenheit. Intellektueller Genius lässt sich genauso erklären. Im Übrigen glaube ich, dass jeder besondere Fähigkeiten und Talente hat. Ich hoffe, dass meine Erfahrungen den Leuten helfen können, ihre eigenen Talente zu entdecken und zu fördern. Jeder kann seinen Verstand trainieren. Und Spaß macht es auch noch.
* Sendetermin bei "Beckmann": Montag, 2.3.2009, 22.45 Uhr, ARD
Das Interview führte Philip Bethge
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