Von Veronika Hackenbroch
Die Deutschen gelten als Impfmuffel - und zwar zu Recht. Eine Untersuchung des renommierten Fachmagazins "The Lancet" brachte Anfang des Jahres ein blamables Ergebnis: Im Ranking der Masernfälle landete Deutschland auf Platz 26, in der Nähe von Usbekistan, Sambia und dem Tschad.
Und der aktuelle Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts (RKI) belegt, dass insbesondere die empfohlenen Zweitimpfungen gegen Masern, Mumps und Röteln, Auffrischungsimpfungen etwa gegen Diphtherie und Tetanus, sowie relativ neu eingeführte Impfungen wie die gegen Hepatitis B oft nicht durchgeführt werden. Die Folge: gefährliche Masernepidemien wie 2006 in Nordrhein-Westfalen, als zwei Kinder sogar an den Masern starben. Auch in diesem Jahr ist die Zahl der Masernfälle laut RKI besonders hoch: In Hamburg sind seit Anfang des Jahres offenbar schon mehr Fälle aufgetreten als in den vergangenen Jahren zusammen.
Doch warum sind die Deutschen solche Impfmuffel? Manchmal scheint es, als habe man hierzulande nur die Wahl zwischen zwei Seiten: auf der einen die fanatischen Impfgegner, die mit meist unhaltbaren pseudowissenschaftlichen Argumenten die Impfangst schüren und ihre Kinder stattdessen zwecks natürlicher Ansteckung lieber zu Masern-Partys schicken. Auf der anderen Seite steht die mächtige Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut in Berlin: Sie gibt jährlich die wegweisenden Empfehlungen zur Neueinführung von Impfungen ab, geriet jedoch in letzter Zeit im Zusammenhang mit der neuen Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs wegen ihrer Nähe zur Impfstoffindustrie massiv in die Kritik.
Ende vergangenen Jahres hatten 13 Wissenschaftler in einem Manifest eine Neubewertung dieser Impfung gefordert, da ihre Wirksamkeit nicht ausreichend nachgewiesen sei. In der Folge wurde die Entscheidung der Stiko, die Impfung einzuführen, in zahlreichen Medien wie der "Süddeutschen Zeitung", dem pharmakritischen "Arznei-Telegramm" oder der "Stuttgarter Zeitung" kritisiert und auf die Nähe der Stiko zur Impfstoffindustrie zurückgeführt. Tatsächlich haben viele Stiko-Mitglieder zum Beispiel als Berater, Gutachter, für Vorträge oder für die Durchführung von Studien Honorare von Impfstoffherstellern erhalten.
Stiko-Vorsitzender Friedrich Hofmann weist den Vorwurf zurück, dass die von ihm geführte Impfkommission zu sehr den Interessen der Industrie dient. "Wenn damit die Durchführung von Impfstoff-Zulassungsstudien gemeint sein sollte, dann frage ich mich, wer denn sonst solche Untersuchungen vornehmen sollte."
Um der deutschen Impfmüdigkeit zu begegnen, treffen sich diese Woche unter maßgeblicher Beteiligung von Stiko-Mitgliedern erstmals Wissenschaftler und Politiker zur Nationalen Impfkonferenz in Mainz, einer Tagung, zu der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) persönlich ein Grußwort beiträgt - während im Foyer fast sämtliche großen Impfstoffhersteller der Welt Informationsstände aufgebaut haben.
Fred Zepp, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Uni Mainz und Organisator der Nationalen Impfkonferenz, hält eine gewisse Nähe zur Pharmaherstellern zudem für unproblematisch. "Impfungen werden ja heute vor allem von der pharmazeutischen Industrie entwickelt", so Zepp gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Deshalb finde ich es sehr sinnvoll, sie bei Tagungen und Kongressen einzubinden." Man müsse "in einen zielgerichteten Dialog" mit der Industrie eintreten - "damit wir von ihr die Produkte bekommen, die wir brauchen".
Frage nach Verhältnis von Kosten und Nutzen
Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (Degam) holt nun zu einer in dieser Form bisher einmaligen Kritik aus: Der wissenschaftliche Fachverband veröffentlichte ein Thesenpapier zum Thema Impfen, in dem ein kritischer, wissenschaftlicher, transparenter und von der Pharmaindustrie unabhängiger Umgang mit dem Thema Impfen gefordert wird - und das auch Stellungnahmen zu Sinn und Unsinn mancher Impfungen enthält.
Unter anderem heißt es in dem Papier:
Reicht auch selteneres Impfen?
Ferner müsse die Stiko überprüfen, ob manchmal nicht weniger mehr ist. Denn manche Impfungen müssen offenbar bei weitem seltener aufgefrischt werden als von der Stiko empfohlen, heißt es im Degam-Thesenpapier. Statt alle zehn Jahre bis zum Lebensende eine neue Tetanusspritze zu bekommen, würden insgesamt drei Spritzen im Leben für einen sichern Schutz völlig ausreichen, sagte der Bremer Mediziner Günther Egidi, Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen und Mitautor des Degam-Katalogs. Er verweist auf Erfahrungen aus England und Skandinavien.
Die Entscheidungsfindung der Stiko über Impfempfehlungen müsse wissenschaftlich fundiert und nachvollziehbar sein, fordern die Allgemeinmediziner, die neben den Kinderärzten die wichtigsten Akteure bei Impfkampagnen sind. "Es geht darum, einen neuen Weg beim Impfen zu finden. Nicht den der Impfgegner und nicht den der derzeit unglaubwürdigen Stiko", sagt Egidi. Ziel der Initiative sei es, die Ständige Impfkommission wieder zu einer vertrauensvollen Instanz zu machen. Auch die Gesundheitspolitiker, fordert Egidi, sollten auf diesen neuen Kurs einschwenken. Die Degam-Ärzte hatten Ulla Schmidt zuvor vergebens aufgefordert, ihr Grußwort zur Nationalen Impfkonferenz zurückzuziehen.
Stiko-Chef weist Kritik zurück
Die allseits beklagte Impfmüdigkeit, so die Allgemeinmediziner, hänge auch damit zusammen, dass die Stiko in den vergangenen Jahren allzu viele Immunisierungen neu empfohlen habe. Allein für Kinder sind innerhalb kurzer Zeit drei neue Impfungen auf der Empfehlungsliste gelandet: gegen Pneumokokken, Meningokokken und Gebärmutterhalskrebs. Dabei hätten sich selbst die schon länger empfohlenen, gleichwohl immer noch neuen Impfungen gegen Hepatitis B und Windpocken bei Kindern noch lange nicht durchgesetzt, wie die Impfraten zeigten.
Stiko-Chef Hofmann kann nach eigener Aussage in dem Thesenpapier der Degam keine Kritik an der Impfkommission erkennen. Auch habe die Stiko keine Impfempfehlung übereilt eingeführt. Und wenn es die Impfmüdigkeit "tatsächlich als Phänomen gibt", so Hofmann, "dann vor allem auch deshalb, weil Impfungen in der Vergangenheit häufig so effektiv waren".
Auf anderen Social Networks posten:
Ok, wenn ich also einen 3 Monate alten Säugling anstecke, und der entwickelt eine Hirnhautentzündung, ist es also das Probblem dieses Kindes, dass es noch zu jung ist, um geimpft zu werden? Oder wollen sie alle Flaschenkinder [...] mehr...
Aber nur, wenn sie den bisher noch nicht entwickelten Impfstoff im keller mit dem kleinen Chemiebaukasten selber zusammenklöppeln. Als Anleitung müßte Folge 21 der 5. The Simpsons-Staffel genügen. Denn leider ist gegen B. [...] mehr...
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,612318,00.html Ich weiss schon, weshalb ich mich dagegen lieber doch impfen lassen möchte! mehr...
Tschüß. Ich denke und danke Ihnen, dass Sie damit auf viele (meiner) Fragen eine gute Antwort gegeben haben. mehr...
Sehen Sie, es sind die VERMUTETEN Auswirkungen! Versucht der Impfbefürworter aber, diverse Studien anzubringen, kommt gerne das Argument: jaja, die Pharmaindustrie ... usw. Es geht gar nicht um die Aufklärung, es geht - [...] mehr...
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