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05.03.2009
 

Ausstellung Gerichtsmedizin

Deutschlands gruseligstes Museum

Von Frank Thadeusz

Küchenmesser oder Stromkabel? Im medizinhistorischen Museum der Charité Berlin zeigen Rechtsmediziner, wie sie Verbrechern vom Tatort ins Labor auf die Spur kommen. Mit "Quincy", "CSI" und Co. hat das wenig zu tun.

Berlin - Besucherfreundlichkeit hat im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité seine ganz eigene Bedeutung: Sämtliche Mitarbeiter mussten auf Anweisung ihres Chefs Thomas Schnalke einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Immer wieder kollabieren nämlich Gäste in Deutschlands womöglich gruseligstem Museum.

Die neue Ausstellung des Hauses, die am Freitag eröffnet wird, dürfte selbst weniger sensiblere Naturen auf die Probe stellen: "Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf" heißt die Schau. Es sind allesamt wahre Fälle aus dem Alltag der Berliner Gerichtsmediziner, die der Besucher zu sehen bekommt. Und rasch zeigt sich: Der gewaltsame Tod eines Menschen ist überaus schwer verdaulich, wenn er nicht als Teil einer gefälligen Spielfilmhandlung erlebt wird.

Eine Fülle von Beispielen bezeugt, auf welch bedrückende und elende Weise das Leben zu Ende gehen kann. Eine alte Dame etwa tötete sich mit einem abgegriffenen Küchenmesser durch einen Stich ins Herz. Rings um die Eintrittswunde ist die Haut zerschrammt und zerschnitten - die Frau hatte zunächst mehrere "Probestiche" angesetzt, um die richtige Stelle zu finden. In einem anderen Fall erschlug ein Mann seine Frau auf den Kacheln des Badezimmers. Die blutüberströmte Leiche ließ er auf dem Boden liegen. Danach wollte er sich die Pulsadern aufschneiden, doch der Versuch misslang. Dann soff der Mann sich regelrecht zu Tode; in seinem Blut wurden fünf Promille Alkohol festgestellt.

Darüber hinaus bebildern eine Reihe schauriger Artefakte diverse Dramen mit tödlichem Ausgang. Beispielsweise jenes mit Blutverkrustungen überzogene elektrische Brotmesser, das Kuratorin Navena Widulin neben andere Tatwerkzeuge in einen weißen Schrank hängen ließ. Mit dem Küchengerät hatte sich sein Besitzer die Pulsadern aufgeschnitten. "Da gibt es nichts, was es nicht gibt", kommentiert Michael Tsokos, Leiter der Rechtsmedizin an der Charité in Berlin, das Aufgebot des Grauens.

Kein Glamour wie bei Quincy

"Ich dachte erst, das Thema sei wohl zu hart für uns", sagt Museumschef Schnalke. Er besann er sich jedoch eines besseren. Die Klippe des Unzumutbaren hofft er mit einem Trick umschifft zu haben: "Wir zeigen nie die ganze Leiche", sagt Schnalke. "Da wird ein Kinn oder ein Brustkorb gezeigt, aber nicht der Mund oder Lippe". Auf diese Weise wollen die Ausstellungsmacher verhindern, dass der Betrachter sich allzu sehr mit dem Schicksal des Toten identifiziert.

Im Museum der Charité hat die Abbildung der grausamen Realität freilich Tradition. In der Dauerausstellung sind von Krebs zerfressene Lungen und missgestaltete Föten im Einmachglas zu sehen. Zum Fundus gehört überdies ein verstopfter Darm, der binnen weniger Wochen auf 60 Kilogramm Gewicht angewachsen war und seinen Besitzer - einen 32-jährigen Berliner - von innen zerquetscht hat.

Die aktuelle Präsentation soll nun den Zeitgeist korrigieren. Denn im Fernsehen ist der Zuschauer dem Reiz der Gerichtsmedizin längst erlegen. Die US-Serie "Quincy" etablierte vor gut dreißig Jahren den auf eigene Faust ermittelnden Rechtsmediziner, der nicht nur Leichen aufschneidet, sondern auch Täter überführt. In Deutschland entwickelte der Schauspieler Jan Josef Liefers als Tatort-Koryphäe Karl-Friedrich Boerne die Illusion vom Rechtsmediziner als kriminalistischem Universalgenie zur höchsten Blüte.

Boerne umtänzelt die Toten im Obduktionssaal zu Opernmusik und treibt seinen Kollegen, Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl), regelmäßig mit eigenen Recherchen an den Rand des Wahnsinns. Derlei Klamauk mochte Michael Tsokos nicht länger unkommentiert lassen.

Hell erleuchtete Friedhöfe

"Es läuft eben nicht so, wie es in den Serien suggeriert wird, dass uns die Leiche fünf bis sieben Tage begleitet - und immer, wenn man eine gute Idee hat, geht man in den Keller." Tatsächlich werde der Leichnam nach der Obduktion, die im Durchschnitt zwei bis drei Stunden dauert, ziemlich bald von der Staatsanwaltschaft für die Bestattung freigegeben.

Allergisch reagiert Tsokos auch, wenn im TV die Verwandten im Obduktionssaal auftauchen, um mit versteinerter Miene ihre Angehörigen zu identifizieren. "Wenn man die Hinterbliebenen in die Leichenhalle bitten müsste, hätten wir unsere Arbeit nicht richtig gemacht", sagt Tsokos.

Rund 900.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland. Nach Schätzung von Rechtsmedizinern kommen 30.000 von ihnen durch Unfall, Mord oder Selbstmord ums Leben. Viele dieser unnatürlichen Todesfälle blieben unerkannt, sagt Tsokos. Der Grund: "Während in angelsächsischen Ländern und den USA ein amtlich bestellter und speziell ausgebildeter Leichenbeschauer jeden Toten untersucht, bevor er bestattet wird, kann bei uns ein Arzt jeder Fachdisziplin die Leichenschau durchführen." Nur sei etwa ein Gynäkologe oder ein Orthopäde kaum in der Lage zu ermitteln, ob ein Verstorbener womöglich von seinen Verwandten vergiftet wurde, kritisiert Tsokos.

Unter Gerichtsmedizinern und Kriminalisten kursiert ein Spruch, der das Dilemma wie folgt zusammenfasst: "Wenn auf jedem Grab eines unentdeckt Ermordeten eine Kerze stünde, wären Deutschlands Friedhöfe hell erleuchtet".

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