Sprache als Kommunikationsmedium bietet viele Funktionen und Möglichkeiten der Nutzung, die Sprache der Wissenschaft bildet dabei keine Ausnahme. Die ethische Fragestellung geht hier über konkrete Probleme wie Genmanipulation oder Stammzellenforschung hinaus und betrachtet stattdessen, wie Wissenschaftler Wissenschaft praktizieren und welches Verhältnis sie dabei zur Sprache und zur Wahrheit haben.
Wissenschaftler sind bis heute davon überzeugt, dass ihre wissenschaftliche Sprache wortgetreu und transparent ist. Den Gebrauch von Metaphern betrachten sie als Notlösung, die nur da statthaft ist, wo exakte wissenschaftliche Sprache nicht möglich ist - beispielsweise wenn eine wissenschaftliche Arbeit für das breitere Publikum übersetzt werden muss. Für die meisten Naturwissenschaftler verhalten sich Wissenschaft und Metapher zueinander wie Wahrheit und Dichtung, und Rhetorik ist für sie gleichbedeutend mit Lüge. Aber Wissenschaftler kommen ohne die Unschärfe, die eine solche Sprache erlaubt, gar nicht aus. Wer Sinn ins Unbekannte tragen will, tappt unvermeidlich im Dunkeln, und die Ungenauigkeit der bildhaften Sprache leistet dabei unentbehrliche Dienste. Sie motiviert, verleiht Macht und führt manchmal natürlich auch in die Irre.
Es stellt sich die Frage, wie man in der Wissenschaft produktive von unproduktiven Metaphern unterscheiden kann. Zunächst sind jene Wahrheiten zu nennen, die Wissenschaftler außerhalb ihres engsten Kreises verschweigen, so dass diese Wahrheiten die Funktion eigennütziger Lügen bekommen. Warum insistieren Wissenschaftler so offensichtlich auf dem Mythos, Wissenschaft sei das Gegenteil von Rhetorik? In der gängigen Vorstellung - von Wissenschaftlern und Laienpublikum gleichermaßen - strebt die Wissenschaft nach Wahrheit; ihr Ethos ist die Redlichkeit, und folglich ist auch ihre Sprache wahrhaftig. Rhetorik dagegen ist laut Oxford English Dictionary "die Kunst, die Sprache zu verwenden, um andere zu überzeugen oder zu beeinflussen". Welchen Stellenwert nimmt die Rhetorik in der Wissenschaft ein? Im idealtypischen Fall sprechen wissenschaftliche Daten für sich, und es gibt keinen Bedarf an der Kunst des eloquenten Überzeugens.
Selbstverständlich glaubt niemand ernsthaft an ein derart idealisiertes Bild der Wissenschaft, am wenigsten die Wissenschaftler selbst. Die Objekte, die wir z.B. in der Biologie dingfest zu machen versuchen, benötigen immer eine narrative Gestaltung.
Eine besonders interessante Metapher ist diejenige des Gens. Bis zum Jahr 1953 war der Terminus "Gen" ein Neologismus und bezog seine Kraft aus zwei selbständigen Metaphern, die in einem Spannungsverhältnis zueinander standen: Atom und Organismus. Der Begriff funktionierte gut und produktiv, bis im Jahr 1953 die DNA als das genetische Material und das Gen als eine spezifische Sequenz dieses Moleküls identifiziert wurde. Das Gen konnte nun nicht mehr länger Atom und Organismus zugleich sein. Es war etwas Definites geworden, und als solches verlor seine bisherige Erklärungskraft an Reichweite. Sobald das Gen konkret fassbar war, konnte man spezifische Fragen formulieren. Nach 1953 kam auch die stillschweigende Zuschreibung der Eigenschaften eines Organismus an das Gen einer nachweisbaren Unwahrheit gefährlich nahe.
Wissenschaftler halten mit vielen Wahrheiten ihres Standes, mit vielen Betriebsgeheimnissen gern hinterm Berg oder beschränken ihre Mitteilungen auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten, weil das populäre Bild der Wissenschaft für sie von Nutzen ist. Schließlich müssen Wissenschaftler überzeugen, sie müssen ihre Arbeit verkaufen, und es gibt Wahrheiten, die teuer zu stehen kommen.
Einen anderen Blick auf Sprache und besonders Lüge erlaubt der Bereich Film. Ein Beispiel ist der Actionfilm True Lies - Wahre Lügen von 1994, in dessen Mittelpunkt der damals noch singuläre Golfkrieg und Arnold Schwarzenegger, damals noch Schauspieler, stehen. Einige Szenen des Films entfalten im Nachhinein eine fast visionäre Kraft. Einmal kracht ein Flugzeug durch die Fensterscheiben eines Wolkenkratzers; ein andermal droht eine Terroristengruppe Amerika mit dem Dschihad, wenn es seine Truppen nicht aus dem Nahen Osten abzöge (im Film, also in der Fiktion, werden Massenvernichtungswaffen gefunden).
Für Nietzsche kann es nur "wahre Lügen" geben. Für ihn sind alle Lügen Notlügen, weil die Lüge das Wesen der Sprache ist. Folglich ist auch die Lust am Lügen eine künstlerische Lust, sagen wir doch die Wahrheit meist in Form der Unwahrheit. Im Kontext der Idee der Kunst als Quintessenz der Lüge schreibt Nietzsche: "Kunst behandelt also den Schein als Schein, will also gerade nicht täuschen, ist wahr", und er verweist auf den Traum als eine Variante der Fiktion. Erst sehr viel später wird Nietzsche erkennen, dass er einer neuen Form der "objektiven" Wahrheit nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat - der Wissenschaft nämlich, der zunächst bedingungslos vertraut wird. Es sei notwendig, schreibt Nietzsche, "die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen, die Kunst aber unter der des Lebens".
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