Der Unterschied von Unwissenheit und absichtlicher Täuschung lässt sich mit Bezug auf Platons Dialoge über Homer und den Hollywood-Film Troja, besonders die Figuren Achilles und den listenreichen Odysseus verdeutlichen. Zahlreiche Theorien behandeln die Grundlagen von Kultur und Geschichte und die oft paradoxe Art und Weise unseres Bemühens, die Wahrheit zu fassen zu kriegen. Heraklit wollte "der Dunkle" sein - nicht um zu täuschen, sondern um enthüllend zu verbergen - wie die Natur, deren Wesen ihm zufolge darin besteht, zu verbergen und sich selbst zu verstecken. Muss man daraus den Schluss ziehen, dass die Dichter nicht mehr lügen, wenn sie Lügner beschreiben? Wenn dies die Wahrheit ist, so gibt es keinen Zweifel mehr: Der wahre Held Homers (falls der Dichter jemals existiert und die Ilias und Odyssee geschrieben hat) ist Odysseus, der lügenhafte Held, der kluge Stratege, der Erfindungs- und Listenreiche, der tausend Tricks kennt.
Der Lüge entgegen steht die Aufrichtigkeit, die der Wissenschaftler dem singulären Gegenstand entgegenzubringen hat. Die wissenschaftliche Praxis zwingt den Wissenschaftler, sich ein Grundgerüst universeller Werte aufzubauen. Kann aus Wissenschaft Ethik erwachsen? Ist diese Frage lächerlich? Vertritt Wissenschaft eine ethische Neutralität? Oder ist Wissenschaft ihrem Wesen nach ethisch? Wer behauptet, Wissenschaft sei ethisch neutral, stellt Wissenschaftler kurzerhand auf eine Stufe mit den Befürwortern des freien Verkaufs von Schusswaffen. Die Sprache und insbesondere das Geschichtenerzählen haben im Rahmen wissenschaftlicher Praxis eine große Bedeutung. Die Beziehung von Wissenschaft und Geschichtenerzählen wird evident an der Art und Weise, in der wir unser wichtigstes wissenschaftliches Werkzeug, das Auge, verwenden, so zeigt John Polanyi. Das Auge sucht nach Formen, es sucht nach einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Die Macht von Geschichten kann größer sein als die der Fakten. Und Geschichten mit ihren notwendigen moralischen Implikationen sind Hoffmanns Brücke zur Ethik.
Doch warum stellt die Wissenschaft die Schönheit von Ockhams Rasiermesser über den Erfindungsreichtum der Hypothese? Die Antwort lautet, dass Wissenschaftler sich vor "Just-so"-Geschichten fürchten. Mit dieser Anspielung auf Kipling sei auf eine uralte Antipathie der Wissenschaft verwiesen, auf die Abneigung gegen alles Teleologische. Gibt es unter den Wissenschaftlern, die sich ideologisch den unendlich paraphrasierbaren Universalbegriffen verpflichtet fühlen, ein Misstrauen gegenüber der Partikularität der Sprache? Anhand von Beispielen aus der Molekularbiologie (wo es um die Chemie und Funktionsweise des Ribosoms, einer "intelligenten Biomolekularfabrik", geht oder um die Paarung von Insekten und die Chemie der Pheromone) lässt sich die wissenschaftliche Bevorzugung des Einfachen gegenüber dem Komplexen hinterfragen. Immer wenn dem Menschen etwas Einfaches angeboten wird, greift er zu. Aber was, wenn die aufrichtige Erforschung der realen Welt Komplexität zutage fördert und damit das Einfache als Lüge entlarvt? Die Bedeutung des Geschichtenerzählens für die Wissenschaft ist somit eine psychologische Strategie zur Bewältigung von Komplexität.
Im Vergleich der verschiedenen literarischen Fassungen der Joseph-Legende zeigt sich die gesellschaftliche Wirkungskraft der Literatur. Die hebräische Bibel und der Koran erzählen die Geschichte von Jakobs Sohn Joseph, der nach Ägypten gebracht und an Potiphar, den Obersten der Leibwache des Pharaos, verkauft wurde. Später wurde er zum Objekt der Begierde der Frau seines Herrn und von dieser verraten. Die Geschichte handelt von der lügenhaften Sprache dieser namenlosen Frau, die behauptet, Joseph habe sie verführen wollen, nachdem dieser sich geweigert hat, ihr Begehren zu erfüllen. Die Versionen der Geschichte, wie sie die Bibel und der Koran erzählen, thematisieren den Zusammenhang von Lügen, Geschichtenerzählen und Moral, literarischer und theologischer Analyse und sind Ausweis der ethischen Dimension kulturellen Lebens. Zu den beiden religiösen Versionen der Geschichte tritt eine dritte: Thomas Manns Roman Joseph und seine Brüder.
Wodurch werden Geschichten kanonisch, und was bewirkt dieser kanonische Status? In der Version der Geschichte, wie sie die hebräische Bibel erzählt, ist Joseph nur ein Instrument, wie die anderen Bediensteten auch, und die lügenhafte Frau bedient sich der Argumente des Rassen- und Klassendenkens, um körperliche Erfüllung zu erlangen. Im Koran bedient sich die Frau gegenüber Joseph derselben Lüge und derselben List wie in der Genesis, aber die Geschichte nimmt eine andere Wendung. Außerdem tauchen in dieser Version auch noch andere Frauen als Akteurinnen auf, und als Potiphars liebeskranke Gattin handelt, tut sie es nicht, um Joseph zu diskreditieren oder ihm zu schaden oder um ihr Begehren zu leugnen, sondern um buchstäblich Sympathie zu wecken, Mitleiden am Begehren.

Betrachtet man die verschiedenen Versionen der Joseph-Geschichte im Kontext ihrer eigenen ästhetischen Prämissen, sind alle gleichermaßen literarisch brillant; und in allen hat die literarische Qualität immer auch eine ethische Dimension.
Diese Lesart einer kanonischen, auf einer Lüge der Sprache aufgebauten Geschichte postuliert letztlich, dass es bei der Beurteilung von literarischer Qualität, wie sie die westliche Kultur auch im Rahmen der Kanonbildung definiert, "nicht um das Gute oder Böse an sich geht, denn diese sind kulturell und historisch determiniert, sondern um moralische Nichtindifferenz" - und dieses Konzept sollten wir in der heutigen Gesellschaft, wo der Respekt vor der Differenz leicht mit Indifferenz verwechselt wird, nicht aus den Augen verlieren.
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