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Die Macht der Rituale Spielregeln des Lebens

3. Teil: Signale der Brautwerbung

Aus ähnlichen Gründen würden Religionen, die ihren Mitgliedern besonders viele kostspielige Ansprüche abverlangen, attraktiv auf Sinnsucher wirken: Wer sich derart aufopfert, muss wohl die ewige Wahrheit gefunden haben. Eine Studie in den USA über 83 Gemeinden aus dem 19. Jahrhundert ergab, dass jene Gemeinden am längsten überlebten, die ihren Mitgliedern am meisten abverlangten: Dinge wie Alkohohl- und Fleischverzicht, Armut, begrenzte Kommunikation mit der Außenwelt, Vorschriften bei Haartracht und Kleidung. Entsprechend ließen sich auch die Lianensprünge von Pentecost als teure Signale der Brautwerbung interpretieren.

Auch wenn nicht alle Ritualtheoretiker Sosis zustimmen, so sind sie sich doch weitgehend darin einig, dass Rituale eine Theatralität brauchen, damit sie gut funktionieren. Zu den Zukunftsaufgaben der Forschung wird es gehören, diese "Grammatik der Rituale" zu entziffern, also der Frage nachzugehen, ob es womöglich sogar eine neuronal verankerte Tiefenstruktur der Rituale gibt. Vielleicht ist das menschliche Gehirn für bestimmte dramaturgische Mittel besonders empfänglich: Wiederholungen, Pausen, Höhepunkte, Gesten und Bewegungen der Akteure im Raum.

Henrik Jungaberle von der Medizinischen Psychologie der Universität Heidelberg misstraut deshalb den modischen Versuchen, religiöse Rituale einfach ins raum- und körperlose Internet zu transferieren. "Da klickt so ein vereinsamter Jugendlicher eine Kerze im Internet an, aber im Grund traut er sich nicht, in eine Gruppe mit realen Menschen zu gehen." Umgekehrt zeigt Jungaberles Forschung, welche Macht und Kontrolle starke Rituale ausüben können.

Ein Dienstagabend im März, eine Halle irgendwo in Deutschland. Ein paar Dutzend Menschen in blauer, uniformartiger Kleidung sitzen in Sternform um einen Altar, der geschmückt ist mit Doppelkreuz, Halbmond und Davidstern. Mit Inbrunst beginnen sie auf Portugiesisch zu singen, begleitet von zwei Gitarren:

Seis horas da manhã

Eu devo cantar

Para receber

A meu Pai Divinal

Zuvor haben sie ein "Vaterunser" gebetet und ein "Ave Maria", dann ein Glas des "Sakraments" getrunken. Vielleicht fünf, maximal zwölf Stunden wird es so weitergehen, drei- bis viermal werden sie während dieser "Trabalho" das Sakrament trinken. Für den Fall, dass einer sich erbrechen muss, stehen Helfer mit Eimern bereit. Wenn alles gut geht, werden die Gläubigen "den inneren Meister" gesehen haben.

So beschreibt Hajo Sander, Sprecher der deutschen Gemeinde der aus Brasilien stammenden Santo-Daime-Kirche, wie ein Gottesdienst bei ihnen abläuft: sehr stark ritualisiert.

Das Besondere daran ist, dass es sich bei dem Trank um Ayahuasca handelt, einen Tee, der aus einer Amazonas-Liane und den Blättern des Buschs Psychotria viridis gebraut wird. Ayahuasca ist eines der potentesten Halluzinogene überhaupt, stärker noch als LSD. Es ist umstritten, ob sein Konsum mit dem Betäubungsmittelgesetz vereinbar ist. Dass die kleine deutsche Daime-Gemeinde von der Polizei dennoch weitgehend in Ruhe gelassen wird, hat möglicherweise auch mit der Ritualforschung zu tun.

Seit sechs Jahren begleitet das Team von Jungaberle deutsche Santo-Daime-Mitglieder und ist zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: "Bislang haben diese Ayahuasca-Konsumenten keine nennenswerten Probleme - weder gesundheitlich noch in Beruf und Privatleben", resümiert Jungaberle. "Es scheint so zu sein, dass Rituale helfen, mit Drogen umzugehen. Vielleicht sollten wir überlegen, auch den Umgang mit anderen Drogen stärker zu ritualisieren und somit zu kultivieren." Wichtig sei das vor allem für Menschen, die häufig und orientierungslos "kiffen und kippen".

So könnten also auch agnostische Eltern guten Gewissens wieder Ostern feiern - und dabei nebenbei den Schokoladenkonsum ihrer Kinder in den Griff bekommen. Nur sollte es ein gutes Ritual werden: mit Ankündigung und Spannungsaufbau, die Eier sollten unbedingt gut versteckt werden, und natürlich sollte der Osterhase als Gast im Geiste mitspielen - auch wenn es den gar nicht gibt.

"Das ist doch das Schöne", sagt der Indologe Axel Michaels. "Rituale funktionieren auch, wenn man nicht an sie glaubt."


Mitarbeit: Jan Wehberg

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