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10.05.2009
 

Vernetzte Menschheit

Kommunikation von Hirn zu Hirn

Ich bin erreichbar, also bin ich: Vernetzung macht die Gesellschaft der Zukunft aus, prognostiziert Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Chips im Körper werden direkte Hirn-zu-Hirn-Kommunikation ermöglichen - mit drastischen Folgen für die Menschheit.

In seinem Roman Heliopolis von 1949 hatte Ernst Jünger das Kommunikationsmedium "Phonophor" erdacht. Der Phonophor ist ein Allsprecher, der jeden mit jedem verbindet und damit das alte Ideal des pausenlosen Forums, der permanenten Tagung technisch implementiert. Er ermöglicht die planetarische Volksversammlung genauso wie die spontane Volksbefragung. Der Phonophor ersetzt den Personalausweis, Uhr und Kompass, er vermittelt die Programme aller Sender und Nachrichtenagenturen und gibt über ein Zentralarchiv Einblick in alle elektromagnetisch gespeicherten Texte. So dient er als Zeitung, Bibliothek und Lexikon.

Menschenmassen: In Netzwerken zeigen Menschen Eigenschaften, die sie nicht mit Wölfen sondern mit Insekten vergleichbar machen
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DPA

Menschenmassen: In Netzwerken zeigen Menschen Eigenschaften, die sie nicht mit Wölfen sondern mit Insekten vergleichbar machen

All das ist heute technische Wirklichkeit. Nach der Telekommunikation wird jetzt auch die Nahdistanzkommunikation revolutioniert, nämlich durch Personal Sensory Device Interfaces, also tragbare Sensoren und Computer. Die Menschen tragen Informationen über sich und ihre Arbeit, ihre Interessen und Vorlieben mit sich herum und können diese dann in Gruppensituationen ganz automatisch mit anderen austauschen.

Und auch die nächste Stufe in der Entwicklung des Interface-Design zeichnet sich bereits deutlich ab. Das sogenannte "neuromorphic engineering" arbeitet an den Möglichkeiten einer direkten Kontrolle von technischen Geräten durch absichtliche Hirnaktivitäten. Nur ein direktes Gehirn-Maschine-Interface könnte letztlich den Flaschenhals Mensch überwinden - also die ärgerliche Tatsache, dass Bedienungsknöpfe, Tasten und Bildschirme für den Nutzer groß genug sein müssen.

Der Computer wird zum Kleidungsstück

Das Gehirn wird diese Neuroprothesen einmal wie Sinnesorgane und nicht mehr wie Werkzeuge behandeln. Biokybernetische Kommunikationssysteme werden das Zentralnervensystem des Menschen und seinen Computer direkt verschalten, die Datenflüsse des Gehirns direkt steuern - Stichwort Biochip. Ein ins Gehirn implantierter Computer wird es dann auch ermöglichen, von Gehirn zu Gehirn zu kommunizieren - das war bisher den Engeln des Mittelalters vorbehalten.

Wie Kleider tragbare Computer, die als Informationsassistenten funktionieren, zeigen sehr schön den Paradigmenwechsel an, der die fortschreitende Digitalisierung unserer Lebensverhältnisse bestimmt. Der Computer wird von der Black Box zum Kleidungsstück und schließlich zum Implantat. Nanotechnologie sorgt dafür, dass der Computer weniger als Werkzeug denn vielmehr als eine Art Kleidung oder gar Haut erfahren wird. Nano-Biosensoren im Körper kontrollieren Gesundheit und Stresslevel. An das Global Positioning System (GPS) haben wir uns längst gewöhnt. Heute arbeitet man an seinem medizinischen Äquivalent: der permanenten Überwachung des biomedizinischen Status. Das ist übrigens ein Nebenprodukt der Weltraumforschung, die schon seit Jahrzehnten an biokompatiblen Sensoren auf Nanoebene arbeitet, mit denen der Gesundheitszustand der Astronauten permanent überwacht werden kann.

Von intelligenten Umwelten kann man genau dann sprechen, wenn Mikro-Computer in alle unsere Alltagsgegenstände eingedrungen sind: Schuhe, Kleider, Kühlschränke, Zimmerwände. Und prinzipiell ist es möglich, alle Alltagsobjekte zu vernetzen, um sie ständig unter Kontrolle zu haben. Nicht nur die Menschen sind dann "online", sondern auch ihre Geräte. Das setzt voraus, dass unsere gesamte Umwelt von Relais-Stationen durchdrungen ist. Das heute schon weltweite Netz ist dann allgegenwärtig und gerade deshalb unsichtbar - eine Art freundlicher "Matrix".

Was zählt ist Funktion, nicht Substanz

Das technische Netzwerk nährt die soziale Utopie. Heute versteht sich das Internet als Soziallabor, elektronisches Rathaus und virtuelles Parlament. Von der politischen Aufklärungsutopie zur Mystik der Vernetzung ist es dann nur noch ein Schritt. New-Age- und Gaia-Prophetenverheißen die Spiritualität des Cyberspace und zelebrieren Weltkommunikation als Religion. Zwischen den Extremen der kalten formalen Organisation der Mitglieder und der stallwarmen Solidargemeinschaft der "Brüder" bildet sich heute eine emanzipierte Gemeinschaft von Operatoren heraus, die weder ungesellig noch gesellig sind. So lässt sich die moderne Gesellschaft als Netzwerk hochselektiver Verknüpfungen darstellen, geprägt durch einen vernetzten Individualismus und eine fortschreitende Privatisierung der Geselligkeit.

Während die Nationalstaaten in der Weltgesellschaft zunehmend an Einfluss verlieren, formiert sich heute ein neues Mittelalter der Netzwerke. Von der Anarchie des Marktes unterscheidet sich ein Netzwerk durch gemeinsame Werte, und von der formalen Hierarchie unterscheidet es sich durch seinen informellen Charakter. In Netzwerken zeigen Menschen Eigenschaften, die sie nicht mit Wölfen sondern mit Insekten vergleichbar machen; hier machen sich die Überlebensvorteile extremer Vernetztheit bemerkbar. Wenn uns also die biologische Evolution den Vergleich des Menschen mit einem Wolf nahe legt, so präsentiert uns die soziale Evolution den Menschen als Insekt.

Nach den Etappen der archaischen Stammesgemeinschaft und der modernen "Entfremdung" stehen wir nun wieder vor einer neuen Gemeinschaftsform: der von elektronischen Netzwerken getragenen organisatorischen Nachbarschaft. Die eigentliche Bedeutung der Netzwerke liegt nämlich nicht in der Dimension der Informationsverarbeitung, sondern in der Bildung von Gemeinschaften. Damit verliert die Nation als identitätsbildende Instanz immer mehr an Bedeutung.

Die Netzverdichtung der Weltkommunikation durch technische Medien macht die Gesellschaft übrigens weitgehend unabhängig von der Bevölkerungszahl. Der Körper und seine Gegenwart werden für das Funktionieren unserer Gesellschaft immer unwichtiger. Was zählt ist Erreichbarkeit, nicht Anwesenheit; was zählt ist Funktion, nicht Substanz.

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insgesamt 72 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.10.2010 von kundrie: Drogenrausch

Surfsüchtig. Sponsucht, du liest dich wie die moderne Variante eines Opiumrauchers. Man kann übrigens seine motorische "Leitung" ganz gut trainieren, dafür sollte man ab und zu aber auch aus den virtuellen Weiten [...] mehr...

12.05.2009 von sponsucht: Peter Russel - Auf dem Weg zum globalen Gehirn

Ich würde sagen, diese Spekulationen waren so unsinnig nicht: http://de.wikipedia.org/wiki/Rotes_Telefon Auch wenn mir der hiesige Artikel nicht sehr gefällt, finde ich das Thema sehr spannend. Auch für mich ist das alles [...] mehr...

11.05.2009 von Neurovore: ...

Was "Medienwissenschaftler" á la Bolz angeht, leben wir ja praktisch schon in einem Insektenstaat: Mit einem chemischen Kniff schmuggeln sich die Raupen einer Schmetterlingsart in Ameisennester ein, um von den Ameisen [...] mehr...

11.05.2009 von Simon Friedrich: Ernst Jünger und Insektenstaat

Die Tatsachen der heutigen technischen Entwicklung stimmen mit dem was Ernst Jünger in Heliopolis vorgesehen hat. Aber später, in "Eumeswil", schreibt er daß der Mensch die Entwicklung zum Insektenstaat abgelehnt hat, [...] mehr...

11.05.2009 von Zuul: Ok

Nichts für ungut. Ich bin Ökonom. Für mich ist alles ökonomisch und das ist auch gut so. Der Bolz hat m.E. keine Ahnung von Ökonomie und Neurobiologie. Ich glaube, ich habe Sie missverstanden. Sorry dafür. Für den, wo das [...] mehr...

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Zum Autor

Norbert Bolz ist Medienwissenschaftler an der Technischen Universität Berlin. Er beschäftigt sich mit der Theorie der Massenmedien und Netzwerklogik. Mit seinem Buch "Das konsumistische Manifest" und der darin vertretenen Theorie, dass der Konsum als eine Art Ersatzreligion eine Gesellschaft vor Fanatismus schütze, sorgte Bolz im Jahr 2002 für Aufsehen.

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Die Internetzeitschrift "Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt. Jedes Jahr wird ihnen eine Frage gestellt. Dieser Beitrag entstand exklusiv für SPIEGEL ONLINE als Antwort auf die Frage: Was wird alles verändern?






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