Von Markus Becker
Die Freie Universität Berlin prüfte den Fall und stellte "methodische Probleme" fest, die korrigiert werden müssten. Nach der Korrektur aber war der positive Effekt des Knoblauchpräparats nur noch bei Frauen statistisch signifikant. Die Charité kontrollierte den Vorgang ebenfalls und konnte immerhin keine vorsätzliche Datenmanipulation feststellen. Zu den Autoren des umstrittenen Fachbeitrags zählte neben Kiesewetter übrigens auch Reinhard Latza.
Nach der Knoblauch-Panne dauerte es kein Jahr, ehe es zum nächsten Vorfall um Kiesewetter kam: Im Frühjahr 2000, genau rechtzeitig zum Beginn der Heuschnupfensaison, sorgte die "Pollenschutzcreme Simaroline" für Furore. Hunderttausende Pollenopfer stürmten die Apotheken und kauften für knapp 20 Mark ein Fünf-Gramm-Döschen des angeblichen Wundermittels. Was sie sich in die Nase schmierten, war nach Angaben des "Arznei-Telegramms" nichts weiter als Vaseline.
Nasensalbe gegen Heuschnupfen
Maßgeblich verantwortlich für den Run auf die Nasensalbe: der "Arbeitskreis Immunologie" unter Leitung von Holger Kiesewetter. Eine Werbeagentur zitierte den Arbeitskreis mit mutigen Aussagen über die Wirkung der Salbe. Der Text ging an zahlreiche Redaktionen. Die ließen sich - "Plantagrar" lässt grüßen - offenbar vom Namen der Charité blenden und veröffentlichten die Meldung.
Ehe seriöse Experten die Salbe als wirkungslos und mitunter gar gefährlich bezeichneten, vergingen Wochen, in denen die Herstellerfirmen Phyt-Immun und Medipharma weit mehr als hunderttausend "Simaroline"-Packungen verkauften. "Wir hatten mit einer solchen Nachfrage nicht gerechnet", sagte ein Medipharma-Sprecher im April 2000 dem SPIEGEL. Viele Anrufer in der Firmenzentrale seien "in Panik gewesen, dass sie das Mittel nicht mehr kriegen".
Pikanterweise bietet Phyt-Immun bis heute angeblich antiallergisch wirkendes Schwarzkümmelöl an. Auch dafür hat Kiesewetter in der Vergangenheit Werbung gemacht. Noch im März 2006 verbreitete der "Arbeitskreis Immunologie" die Behauptung von der antiallergischen Wirkung des Schwarzkümmelöls - und priesen auch eine "rein physikalisch wirkende Nasensalbe" erneut an. Diesmal aber ließ die Pressemitteilung die Zeitungsredaktionen kalt.
Um Simaroline ist es inzwischen still geworden. Auf der salbeneigenen Website wurde noch bis mindestens Mai 2004 für das Anti-Allergie-Mittelchen geworben, zu besichtigen im Netz-Archiv "archive.org". Wer heute www.simaroline.de ansteuert, findet nur noch eine Standard-Website zum Parken von Domain-Namen.
Ob die Vorgänge um "Plantagrar" diesmal dienstrechtliche oder disziplinarische Konsequenzen für Kiesewetter haben werden, ist noch offen. "Die Aufklärung wird sorgfältig und umfassend erfolgen", so die Charité. "Nach dieser Klärung wird der Sachverhalt bewertet."
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