London - Sie sind schon lange in Verruf: Weil manche Computerspiele Gewalt angeblich verherrlichen, werden sie von Experten immer wieder als Erklärungsversuch für Amokläufe oder Gewaltexzesse unter Jugendlichen herangezogen. Doch offenbar haben Ego-Shooter-Spiele, bei denen der Spieler das Geschehen aus der Ego-Perspektive sieht und mit Waffen auf Gegner zielt, einen messbar positiven Effekt. Sie verbessern das Kontrastsehen der Spieler, wie US-Forscher jetzt im Fachjournal "Nature Neuroscience" online vorab berichten.
Die Augen erfahrener Spieler sind demnach empfindlicher für feine Kontraste als die von Nicht-Spielern, wie die Wissenschaftler um Daphne Bavelier von der Universität Rochester (US-Bundesstaat New York) Forscher herausgefunden haben. Für ihre Versuche rekrutierten sie 22 Studenten und teilten sie in zwei Gruppen auf: Die eine Gruppe spielte innerhalb von neun Wochen 50 Stunden die Actionspiele "Unreal Tournament 2004" oder "Call of Duty 2". Die andere Gruppe beschäftigte sich ebenso lang mit dem Spiel "The Sims 2", das zwar sehr komplex und farb- sowie kontrastreich gestaltet ist, vom Spieler jedoch nicht verlangt, sich ähnlich schnell und präzise zu bewegen oder auf andere Teilnehmer zu zielen wie bei einem Ego-Shooter.
Bei denjenigen, die mit den actionreichen Spielen trainierten, verbesserte sich die Kontrastempfindlichkeit der Augen - nicht sehr stark, aber doch signifikant und anhaltend: Ihre Augen waren rund anderthalbmal empfindlicher für feine Grauschattierungen. Das Strategie-Videospiel hatte diesen positiven Effekt dagegen nicht.
"Wenn man Actionspiele spielt, verändert sich der Wahrnehmungsweg im Gehirn, über den visuelle Informationen verarbeitet werden", sagt Daphne Bavelier. "Diese Spiele bringen das visuelle System des Menschen an seine Grenzen, und das Gehirn stellt sich darauf ein." Die positiven Effekte seien sogar noch zwei Jahre nach dem Computerspiel-Training nachweisbar gewesen, so Bavelier.
Kontrastsehen ist im Alltag besonders unter schlechten Sichtbedingungen - etwa in der Dämmerung oder beim nächtlichen Autofahren - wichtig. Die Kontrastempfindlichkeit gehört zudem zu den Eigenschaften des Auges, die durch Altern oder Krankheiten zuerst leiden. Eine Verbesserung ist bislang nur über Brillen, Kontaktlinsen oder einen chirurgischen Eingriff zu erreichen.
Die Forscher sehen Actionspiele bereits als ergänzende Technik zur Behandlung nachlassender Kontrastempfindlichkeit. Denn bislang sei - anders als für manche andere Fähigkeiten des Auges - keine Trainingstechnik für das Kontrastsehen bekannt.
Ego-Shooter-Spiele werden immer wieder als sogenannte Killerspiele bezeichnet, vor allem in der politischen Diskussion um das Verbot von Spielen, die Gewalt darstellen. Auch die Hinterbliebenen der Opfer des Amoklaufs von Winnenden forderten kürzlich in einem Brief an Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU): "Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden."
hei/dpa
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