Der Umgang mit Kranken und Behinderten war in der Geschichte normalerweise nicht zimperlich: Oft wurden Menschen mit Gebrechen umgebracht, missgebildete Kinder in der Familie verschwiegen, Behinderte weggesperrt. Auch die Neandertaler gingen sicherlich nicht immer feinfühlig mit ihrer Umwelt um. Doch ein Knochenfund aus dem spanischen Atapuerca-Gebirge legt nun die Vermutung nahe, dass es auch Neandertaler gab, die sich fürsorglich um fehlgebildete Kinder kümmerten.
Der Schädel, das sogenannte Cranium 14, stammt vermutlich von einem Neandertaler-Kind und wurde schon vor mehreren Jahren in der Ausgrabungsstätte Sima de los Huesos in der nordspanischen Sierra de Atapuerca gefunden. Ein Forscherteam um Ana Gracia vom Zentrum für Evolution in Madrid hat nun untersucht, dass das Kind an einer seltenen, aber noch heute auftretenden Fehlbildung litt, der sogenannten Kraniosynostose. Dabei verknöchern die Nähte zwischen den Schädelplatten zu schnell und lassen dem Gehirn nicht ausreichend Platz. Kompensatorisch wächst der Knochen an anderer Stellen stärker, was zu einer Deformierung führt. Ist ein Kind heute von einer Kraniosynostose betroffen, wird es meist operiert.
Bei dem Knochen des auf fünf bis neun Jahre geschätzten Kindes sind die Deformierungen sowohl von außen als auch auf der Innenseite des Schädels sichtbar, wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" eindrücklich mit Bildern dokumentieren. Sie vermuten aufgrund des ausgeprägten Befundes, dass das Kind auffällig anders ausgesehen haben muss, und dass es vermutlich auch motorische und geistige Behinderungen hatte.
Daraus schließen die Forscher, dass sich die Neandertaler, die im Atapuerca-Gebirge lebten, auch um fehlgebildeten Nachwuchs kümmerten. Denn ohne Fürsorge wäre das Kind vermutlich nicht so alt geworden, schreiben Gracia und ihre Kollegen in "PNAS". "Es ist offensichtlich, dass die Hominiden von Sima de los Huesos abnormale oder kranke Individuen nicht bekämpft haben." Sie ordnen ihre Studienergebnisse damit einer Reihe von anderen Untersuchungen zu, die schon früher Hinweise darauf gefunden hatten, dass es des öfteren frühe Menschen gab, die sich Schwachen und Kranken gegenüber sozial verhielten.
Erst kürzlich hatten Forscher in Leipzig 60 Prozent des Neandertaler-Erbguts aus einem 38.000 Jahre alten Knochen entziffert. "Besonders interessant beim Genom-Vergleich von Mensch, Neandertaler und Schimpanse sind die genetischen Anlagen für das Sprachvermögen und die Gehirnentwicklung", sagte damals Studienleiter Svante Pääbo. Und ein Jazzkomponist hat versucht, die Gesänge der Frühmenschen nachzuempfinden - ein gewagtes musikalisches Experiment.
hei
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