Plötzlich diese Übersicht. Milliarden von Internet-Seiten, in Sekundenbruchteilen durchsucht, als Trefferliste angezeigt, mit der größten Selbstverständlichkeit sortiert nach Rang und Namen. Die Suchmaschine Google bestimmt die Routinen des Alltags, ist fest in die Browser aller Rechner eingebaut und lässt sich kaum mehr aus dem Bewusstsein der Gegenwart wegdenken. Dennoch ist Google nicht die Suchmaschine schlechthin. Auch außerhalb des World Wide Web gibt es zahllose, technisch hochgerüstete Prozeduren des Suchens. Raketenbasen, Sturmtiefs oder Erdbebenzonen werden nicht vom Internet, sondern mit Satelliten, Sensoren und Simulationen geortet, Superstars, Spitzenpolitiker und Skandale von Fernsehsendern eingekreist. Manager und Wertpapiere, Antiquitäten und Ersatzteile lassen sich gerade dann am wirkungsvollsten aufspüren, wenn man über firmeneigene Datenbanken verfügt, in denen nicht die ganze Welt suchen darf.
Die Selbstverständlichkeit der einen Suchmaschine lässt uns aber auch leicht das Konfliktpotential von Suchmaschinen vergessen. Mit Suchmaschinen ließen sich schon immer Hoffnungen auf Fundamentaldemokratisierung, informationelle Emanzipation und vollständige Übersicht ebenso verbinden wie die Horrorvisionen eines Orwellschen Überwachungsstaats, der über ein technokratisches Wissensmonopol verfügt. Neue Suchprozeduren, und mit ihnen neue Möglichkeiten der Kombination und der Simulation, gingen stets mit neuen Handlungsmöglichkeiten und veränderten Zuständigkeiten einher.
Es gilt, den Voraussetzungsreichtum von Suchverfahren, die Debatten um ihre Implementierung und den Modus ihrer Routinen zu fokussieren. Bezugsrahmen hierfür ist die bundesrepublikanische Gesellschaft, die in den späten sechziger und den siebziger Jahren mit brüchig gewordenen Selbstbeschreibungen, politischer Unübersichtlichkeit, ökonomischer Flexibilisierung und soziokulturellen Verwerfungen umzugehen hatte. Die Tragweite der Entwicklung - weg von den als stabil betrachteten Bedingungen der Moderne, hin zu dem, was soziologische Diagnostiker "Zeitalter der Diskontinuität", "Postmoderne", "Wissensgesellschaft", "Spätkapitalismus" und "Kontrollgesellschaft" genannt haben - wird hier an vier exemplarischen Beispielen historisch konkretisiert.
Robert Lembkes Ratespiel "Was bin ich?" war eine Suchmaschine, die seit 1961 mit einer hohen Einschaltquote Zuweisungen zwischen einer Person und einem Beruf generierte. Das Verfahren war denkbar einfach. Der Gast, dessen Beruf es zu ermitteln galt, machte am Anfang der Sendung eine berufstypische Handbewegung, wählte ein Sparschwein aus und beantwortete die Fragen des vierköpfigen Rateteams so lange mit Ja oder Nein, bis sein Beruf feststand. Der Grund für die auffällige Popularität von "Was bin ich?" ist weder im Spektakulären noch im Skandalösen zu suchen. Vielmehr befriedigte die Sendung den Wunsch nach Erwartungssicherheit. Die Gewissheit, dass sich die Zuschreibung zwischen Person und Beruf nach Ablauf eines einfachen Programms überprüfen ließ, war faszinierend und beruhigend zugleich.
Für die Nachfrage nach einem Programm, das Erwartungssicherheit erzeugte, gab es gute zeithistorische Gründe. Es zählt zu den gewaltigen Integrationsleistungen der jungen Bundesrepublik, nach dem Zweiten Weltkrieg Identifikationsmerkmale gleich in millionenfacher Auflage unter hohem Zeitdruck angepasst, ersetzt oder repariert zu haben. Binnen weniger Jahre verwandelten sich Mitglieder der NSDAP in demokratische Stimmbürger, aus alleinerziehenden Trümmerfrauen wurden konsumierende Hausfrauen, aus Frontsoldaten wurden Berufsleute, aus Flüchtlingen gut integrierte Bewohner von Neubausiedlungen. Die massenhafte Entsorgung unbrauchbarer Adressen ging einher mit der massenhaften Beschaffung neuer Selbstbilder, Mitgliedschaften, Anschriften und Ausweise.
Diese Gesellschaft war darauf angewiesen, dass ihr die Stabilität und Verlässlichkeit der neuen Adressen demonstriert wurde. Lembkes Sendung versicherte einem Millionenpublikum auf spielerische Weise, dass der "Beruf", so wie er in den Personalpapieren stand, als stabiles Merkmal einer Personenbeschreibung dienen konnte.
Im Oktober 1967, nur wenige Jahre nach dem Start von "Was bin ich?", lancierte Eduard Zimmermann ebenfalls eine televisionäre Suchmaschine. Sie trug den bürokratisch-geheimnisvollen Titel "Aktenzeichen XY … ungelöst". Der Kontrast zum heiteren Beruferaten war enorm. Lembkes Sendung ging von der Person aus und nutzte die Evidenz der Handbewegung, um den dazugehörigen Beruf zu finden. Das Ergebnis dieser Prozedur war die Erwartungssicherheit gegenüber dem Normalen. Zimmermanns Fahndungssendung dagegen ging von der kriminellen Praxis aus und nutzte die Spuren des Verbrechens, um vom Publikum Indizien zum Täter zu erhalten. Das Ergebnis dieser Prozedur war die Erwartungssicherheit gegenüber dem Devianten.
Ein ganz anderes Programm hatte Horst Herold, der 1971 zum Präsidenten des Bundeskriminalamts ernannt wurde. Herold markierte den größtmöglichen Kontrast zur konservativen Exempelwirtschaft des Normalen bei Lembke und zur massenmedialen Verbrecherjagd mit ihrer denunziatorischen Hysterie bei Zimmermann. Herold wollte das BKA, das unter seinem Vorgänger Paul Dickopf von einer kafkaesken Amtsstubenroutine geprägt war, mit Hilfe der Elektronik "zum Großhirn der deutschen Polizei" machen. Statt Informationshüterei der Ämter sollte kriminologische Forschung über die Ursachen des Verbrechens betrieben werden. Sein Ziel war es, die Milliarden von Daten, auf denen die deutsche Polizei saß, zugänglich zu machen und per Computer so miteinander zu verknüpfen, dass man einen Einblick erhielt in die sozialen und geografischen Muster des Verbrechens.
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