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Suchmaschinen Wie aus Robert Lembke Google wurde

2. Teil: Herolds Suchmaschine aus Wiesbaden

Herolds Vorschlag war ein großes Versprechen an das linksliberale, technokratisch orientierte Lager der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit, das den Problemen des gesellschaftlichen Wandels mit wachsender Sorge und zunehmender Hilflosigkeit gegenüberstand. Von einer statistisch belegbaren Einsicht in die Muster der Devianz erhoffte man sich starke Argumente für die Verbrechensprävention. Gleichzeitig sollte sie für eine flexible Einsatzplanung der Polizei genutzt werden. Repression sollte durch Prävention ersetzt werden, Behauptung durch Dynamik, Befehl durch Steuerung, Erfahrung durch Sachlogik und Hypothesen durch Prognosen. Nach Herolds Dienstantritt wurde das BKA Schlag auf Schlag umorganisiert, die Personaldecke verstärkt und der Maschinenpark aufgerüstet. In Wiesbaden entstand eine Suchmaschine von bis dahin einmaliger Größe, die mit Dateien operierte, die sich indexieren und gegeneinander abgleichen ließen.

Weitab von der unterhaltungsindustriellen Betriebslogik der Fernsehanstalten und in sicherer Distanz zu den Aktenbergen bundesrepublikanischer Bürokratien skizzierte Edgar F. Codd 1969 im kalifornischen San José eine Suchmaschine von präzedenzloser Radikalität. Sein Ziel war die Entwicklung einer Datenbanktechnologie, mit der sich im Prinzip alle Datenbestände untereinander verknüpfen und alle denkbaren Zusammenhänge eruieren ließen. Dafür musste er sich auf die Suche nach einer allgemeinen Form sowohl für die Speicherung als auch für die Abfrage der Daten machen.

Codd versprach, mit einer relationalen Datenbankstruktur einen stark erweiterten, informationstechnisch inkompetenten, aber urteilssicheren Kreis von zukünftigen Nutzern zu bedienen - also Manager und Hausfrauen. Herkömmliche, hierarchisch aufgebaute Datenbanken hatten den Nachteil, dass die Zugangswege zur Information in ihren Speicherstrukturen vordefiniert waren und neue Abfragen sich gezwungenermaßen entlang dieser Pfade bewegen mussten. Codds Suchmaschine sollte im Vergleich dazu wesentlich ergebnisoffener funktionieren. Die Nutzer seiner Suchmaschine brauchten nicht zu wissen, wie der Datenraum aufgebaut, wie er strukturiert war und was er genau enthielt. Sie konnten die Datenbank als Black-Box behandeln. Indem Codd die Speicherung von Daten grundsätzlich von der Abfrage trennte, machte er den Nutzer vom Programmierer unabhängig.

REUTERS
Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Die Arbeit an der relationalen Datenbank erweckte alte Hoffnungen zu neuem Leben. Bereits in den sechziger Jahren hatten Unternehmensberater damit gerechnet, in absehbarer Zeit über ein leistungsfähiges "Management Information System" zu verfügen. In einem einzigen Topf sollten all jene Informationen gesammelt werden, die bisher aus einer Vielzahl verstreuter Berichte, Formulare und Memoranden mühsam zusammengesucht werden mussten. In den siebziger Jahren wurden die relationale Datenbank und die darauf aufbauenden spezialisierten Informationssysteme zu einem mächtigen Instrument des Managements in industriellen und staatlichen Bürokratien. Sie unterstützten deren politisch wie ökonomisch gestiegene Anforderungen an flexible Ressourcenallokation. Und sie markierten den Übergang von der gezielten Suche nach Einträgen hin zur Recherche als einer ergebnisoffenen Abfrage.

Lembkes Etikettierung und Zimmermanns Fernsehfahndung, Herolds Mustererkennung und Codds relationale Datenbank waren ganz unterschiedlich programmiert, adressierten völlig unterschiedliche Objekte und stellten sich in den Dienst unterschiedlicher Nutzer. Aber die Programme, die der Suche nach dem Normalen, dem Devianten und dem Muster dienten und dann bei Codd eine generalisierbare Form erhielten, trugen auf je eigene Weise dazu bei, dass programmiertes und technisiertes Suchen in den vergangenen vier Jahrzehnten den Status einer selbstverständlichen Praxis erhalten hat, ohne dabei etwas von seinem einstigen Variantenreichtum verloren zu haben. Im Zeitalter der Flexibilität waren pragmatische Szenarien, also Varianten von Übersichten, gefragt. Suchmaschinen gehören zu den operativen Grundvoraussetzungen einer Gesellschaft, die seit den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Modus der situativen Rekombination operiert.

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