• Drucken
  • Senden
  • Feedback
15.04.2009
 

Ex-Bergwerk Asse

Im maroden Atommülllager liegt auch Arsen

Von Christoph Seidler

Im Atommülllager Asse lagern nach "Stern"-Informationen größere Mengen giftiger Substanzen wie Arsen. Anwohner sind schockiert - und hoffen, dass die Sanierung des maroden Ex-Bergwerks nun nicht ins Stocken kommt.

Berlin - Wer am Mittwochvormittag in der Pressestelle des Bundesamtes für Strahlenschutz anrief, bekam beinahe reflexhafte Antworten. "Es ist nicht überraschend, dass es immer wieder neue Details zur Asse gibt", sagte Behördensprecher Florian Emrich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Wir haben keine Erkenntnisse, dass es neue Sicherheitsaspekte gibt." Auf die nächste Frage folgte freundlich - aber doch bestimmt - eine beinahe wortgleiche Antwort.

Was war passiert? In einer Vorabmeldung hatte das Magazin "Stern" berichtet, dass in der Asse hochgiftite Substanzen lagern, von deren Existenz bisher nichts bekannt war. So seien zum Beispiel hochgiftige Pflanzenschutzmittel aus Bayern in dem ehemaligen Bergwerk eingelagert worden. Insgesamt hätten 497 Kilogramm Arsen einen Weg dorthin gefunden, dazu eine nicht näher genannte Menge an Quecksilber und mehrere Tonnen Blei. Bei Kontakt mit Grundwasser könnten all diese Substanzen zu einer Gefahr werden.

Die Frage, die im Raum steht, ist simpel: Lagert unerlaubt Giftmüll in der Asse?

Beim Bundesamt für Strahlenschutz reagiert man ausweichend auf die Anfrage. "Radioaktive Abfälle beinhalten grundsätzlich auch chemisch-toxisches Material wie zum Beispiel Arsen, Quecksilber und Blei", sagt Sprecher Florian Emrich. Seine Äußerungen könnten so zu interpretieren sein, dass die im "Stern"-Artikel genannten Stoffe nur bereits bekannte Beimischungen in den Atommüllfässern sind. Doch dann spricht er wiederum von "eingelagerten arsenhaltigen Pflanzenschutzmitteln", was für eine gezielte Giftmülleinlagerung sprechen könnte. "Wir haben keine Erkenntnisse, dass es neue Sicherheitsaspekte gibt", sagt Emrich wieder. "Mit den heutigen Maßstäben an ein Endlager ist es aber nicht vereinbar, dass man dort auch Pflanzenschutzmittel einlagert."

Allein die bisher bekannten Inventarlisten der Asse sind brisant genug, wenn man bedenkt, dass die Standsicherheit des Atommülllagers durch unkontrollierten Grundwassereintritt massiv gefährdet ist. In den Kammern des Berges lagern 125.787 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll, darunter sechs bis acht Kilogramm Plutonium. Das ehemalige Bergwerk war von 1967 bis 1978 offiziell als Forschungs-Endlager genutzt worden, wo verschiedene Lagertechniken erprobt werden sollten. Auf direktem oder indirektem Wege landete so Müll aus quasi jedem westdeutschen Atomkraftwerk tief unter dem Boden Niedersachsens. Doch dabei war offenbar von Anfang an klar, dass die einmal eingebrachten Abfälle nicht wieder aus dem Berg entfernt werden sollen.

"Man sollte über einen Untersuchungsausschuss nachdenken"

Nun kommen die Erkenntnisse über möglichen Giftmüll dazu. "Ich bin überrascht und schockiert", sagt Udo Dettmann vom Asse-Koordinierungskreis im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Mitglieder der Bürgerinitiative hatten sich bisher vor allem auf die Gefahren durch die radioaktiven Stoffe in der Asse konzentriert. Dettmann und seine Mitstreiter haben Angst, dass die Diskussion über die angeblichen Giftmülleinlagerungen die Bemühungen zur Sicherung des maroden Bergwerks verzögern könnten. "Die Stabilisierung muss weiter mit Hochdruck realisiert werden", fordert Dettmann nun. Doch auch politisch müsse die Angelegenheit noch einmal thematisiert werden. "Man sollte über einen Untersuchungsausschuss auf Bundesebene nachdenken."

Bis Ende des Jahres soll das Bundesamt für Strahlenschutz einen neuen Vorschlag machen, wie ein Schließungskonzept für die Asse aussehen könnte. Prinzipiell gibt es drei Möglichkeiten: Das Verfüllen des maroden Gesteins mit Beton mit anschließender Flutung, die Umlagerung von Atommüll in tiefere und damit weniger gefährdete Teile des Bergwerks oder die Rückholung der strahlenden Fracht ans Tageslicht - mit späterer Einlagerung im benachbarten Endlager Schacht Konrad.

Was auch immer passieren wird, klar scheint, dass der Bund alleine auf den Milliardenkosten für die Sanierung der Asse sitzenbleiben dürfte. Die Atomindustrie hat eine Beteiligung kategorisch abgelehnt. Nur 20 Prozent des in dem früheren Bergwerk gelagerten Mülls stammten von den Stromversorgern, hatte der Geschäftsführer des Atomforums, Dieter Marx, Ende Februar erklärt. Dieser Anteil sei längst in Staatshand übergegangen: "Das ist alles abgegolten", so Marx.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), in dessen Wahlkreis die Asse liegt, hatte zuvor eine Sondersteuer auf Uran-Brennstoff ins Gespräch gebracht. Diese Erlöse in Höhe von zunächst 1,6 Milliarden Euro pro Jahr könnten dann vor allem für die Sanierung der Asse mitgenutzt werden. Gabriel hatte allerdings eingeräumt, dass die Steuer wegen des Widerstandes der Union nicht vor der Bundestagswahl im Herbst umgesetzt werden könne.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 3242 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.01.2010 von vantast: Der Müll gehört den Eigentümern

Jedes Stückchen Müll gehört jemandem, der Besitzer sollte es zurückbekommen, denn das Eigentumsrecht ist nach unserer Verfassung ein hohes Gut. Notfalls kann er ihn in der Garage oder im Vorgarten vergraben, dann würde ihm schnell [...] mehr...

26.01.2010 von ANDIEFUZZICH: Elektrolurch

Na klar, die Forschung wird's schon richten. Die Errungenschaften der Forschung sind einfach genial, von der Teflonpfanne bis hin zur Atombombe. Zugegeben, das L eben ohne Strahlen und ohne Mikrowelle würde auch nicht viel an [...] mehr...

16.01.2010 von mauskeu:

Deswegen hoffe ich, dass die Forschung und nicht zuletzt die in Cadarache aber auch in Deutschland etc. da Durchbrüche bringen wird. Immerhin sind wir doch erst am Anfang der AtomForschung und nicht am Ende, wie man uns [...] mehr...

16.01.2010 von Kapnix: n/a

Die Transmutation und die Kernfusion haben eine gewisse Ähnlichkeit. Sie verstehen was ich meine? mehr...

16.01.2010 von mauskeu:

Da darf ich Ihnen einmal zustimmen. Atomabfälle kann man besser "entsorgen" als man es heute noch tut. Darum sollte man sich einmal kümmern, als um Spekulationen über die nächsten 20.000 Jahre, wenn man kaum 5 [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP