Mittwoch, 10. Februar 2010

Wissenschaft



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19.04.2009
 

Entfremdung vom Ich

Ferngesteuert durchs eigene Leben

Jahrelang in einer Studentenbude gelebt, und plötzlich nur noch Rasenmähen und Grillen vorm Reihenhaus: Viele Menschen glauben, dass sie ihr Leben schon lange nicht mehr selbst steuern. Die Philosophin Rahel Jaeggi will dafür den alten Begriff der Entfremdung neu beleben.

Frage: Manchmal denke ich, ich sei meinem Notebook entfremdet: Es kann so viel, aber ich verstehe es nicht.

Jaeggi: Tatsächlich meinte schon Theodor Adorno, dass sich gesellschaftliche Pathologien bis in die feinsten Verästelungen des Alltags manifestieren, etwa in unserem Verhältnis zu Autos oder Kühlschränken. Es gibt also diese Dimension der Entfremdung. Andererseits habe ich eigentlich ein ganz gutes Verhältnis zu meinem Computer: Es gibt erstaunliche Identifikationspotentiale mit erstaunlich undurchsichtigen Dingen.

Haus, Rasenmäher, Grill: Mit einer gewissen Zwangsläufigkeit in ein fremdes Leben geschlittert
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Getty Images

Haus, Rasenmäher, Grill: Mit einer gewissen Zwangsläufigkeit in ein fremdes Leben geschlittert

Frage: Kann man sich nicht besser mit Dingen identifizieren, die man versteht?

Jaeggi: Mein Großvater hat seine Reiseschreibmaschine sicher besser verstanden als ich meinen Computer, aber ob er sich mehr mit ihr identifiziert hat? Das Kriterium der völligen Transparenz ist zu simpel, es führt zu einer unbefriedigenden Lobpreisung des einfachen Lebens. Die Frage sollte vielmehr sein: Ist etwas irgendwie anschlussfähig? Führt es zu neuen Formen der Aneignung? Ermöglicht es Erfahrungen oder behindert es diese?

Frage: Was meinen Sie damit?

Jaeggi: Diese neuen Geräte und Kommunikationstechnologien zum Beispiel schaffen ja auch ganz neue Möglichkeiten der Begegnung mit anderen Menschen. Natürlich kann man sagen, Postkarten seien schöner als E-Mails. Aber faktisch haben mir relativ wenige Menschen täglich Postkarten geschrieben, während ich mit nicht wenigen Menschen intensiven Mail-Kontakt habe. Dabei entwickeln sich neue Formen eines fortgesetzten Gesprächs. Ich würde das nicht als entfremdete Kommunikation beschreiben, so wie das manche kulturkritische Nostalgiker tun.

GEFUNDEN IN...

Süddeutsche Zeitung Wissen
Heft 5/2009
Frage: Wird nicht alles immer schlimmer ?

Jaeggi: Waren vormoderne Zustände wirklich welche, in denen die Individuen über ihr Leben in größerem Maße verfügt haben? Ich würde das bezweifeln. Kulturpessimistische Verfallsdiagnosen neigen dazu, den gerade vorhergegangenen Zustand zu idealisieren.

Frage: Dennoch versuchen Sie, den Begriff der Entfremdung wiederzubeleben, der eigentlich seit einigen Jahrzehnten als tot galt. Müssen nicht auch Sie Kriterien für eine gute Gesellschaft formulieren, also sagen: Entfremdung wovon?

Jaeggi: Nein, das ist ja gerade meine These: Man kann über Entfremdung reden, ohne dass man das wahre Ich definiert oder sagen muss, was die Natur des Menschen oder das richtige Leben ist. Es gibt diesen kulturkritischen Standardeinwand - von linker wie von konservativer Seite -, dass uns Bedürfnisse aufgeschwatzt werden, etwa von der Werbung. Dieser Paternalismus stört mich. Die Bedürfnisse des Menschen sind dynamisch und veränderbar. Man muss also versuchen, über "Entfremdung" zu sprechen, ohne dabei immer besser zu wissen als die Individuen selbst, was diese eigentlich wollen und was für sie gut ist.

Frage: Sie meinen: Über Geschmack lässt sich nicht streiten?

Jaeggi: Nein, das meine ich nicht. Diese Ansicht wäre das andere Extrem, das in der Tat die Vorstellung des liberalen Rechtsstaats prägt. Seit Kant gilt als ausgemacht, dass sich das Glück oder das gute Leben im Gegensatz zum moralisch Richtigen nicht bestimmen lässt. Ich aber glaube nicht, dass alle Präferenzen, die Menschen äußern, richtig sind - oder auch nur Ausdruck dessen, was sie wirklich wollen. Man sollte also das Projekt der Wunschkritik nicht aufgeben, man sollte hinterfragen, was wir wollen und brauchen. Und man muss die Frage nach der richtigen Lebensform öffentlich stellen. Es war ein Versäumnis, dass sich die akademische Philosophie lange Zeit von der sokratischen Frage "wie zu leben sei" zurückgezogen hatte. Und es ist ein Fehler, diese Fragen zu privatisieren.

Frage: Auf den Bestsellerlisten und in den Buchhandlungen finden die Menschen zahllose Gebrauchsanleitungen für das glückliche und gute Leben …

Jaeggi: … und da steht dann drin, sie sollten viel joggen, mehr Fisch essen, ihre Freundschaften pflegen, sich in Gelassenheit üben oder an Gott glauben.

Frage: Kann ja hilfreich sein.

Jaeggi: Schon. Das Problem an solchen Patentrezepten ist, dass sie häufig auf ominösen oder nicht ausgesprochenen Grundlagen beruhen, man weiß nicht, wie generalisierbar und begründbar sie sind. Mein größter Einwand ist aber ein anderer: All diese Ratgeber psychologisieren und individualisieren. Sie verkennen, dass Gesellschaften bestimmte Bedingungen erfüllen müssen, damit den Individuen ihr Leben gelingen kann, dass es also überindividuelle Bedingungen für das Gelingen des Lebens gibt. Immerhin erkennt derzeit die politische Philosophie und die Sozialwissenschaft, dass sie hier ein Defizit hat. Ich glaube nun, dass ein nichtessentialistischer Entfremdungsbegriff ein hilfreiches Instrument ist, um solche Voraussetzungen zu analysieren und entsprechende Defizite zu benennen.

Frage: Was hat man sich unter diesem Begriff vorzustellen?

Jaeggi: Nach meiner Theorie ist ein Mensch entfremdet, dessen Selbst- und Weltbezug gestört ist. Er fühlt sich fremd seinem eigenen Leben gegenüber, seinen Handlungen oder seinen Wünschen gegenüber, er ist beziehungslos gegenüber der sozialen, aber auch der dinglichen Welt, die ihn umgibt. Der entfremdete Mensch hat den Eindruck, dass nicht er selbst es ist, der autonom sein Leben steuert. Es geht also um eine eher formale Definition. Man sollte gar nicht erst danach fragen, wer man "wirklich ist", oder was man wirklich will in einer Art und Weise, die suggeriert, es gäbe da einen unhintergehbar "inneren Kern". Dennoch lassen sich in der Art und Weise, wie wir uns auf das, was wir tun, beziehen können, oder wie wir uns etwa in sozialen Rollen bewegen, und wie "anschlussfähig" und offen die Erfahrungen sind, die wir machen, Defizite erkennen. Entfremdung ist dann eine Störung von Aneignungsvollzügen.

Frage: Können Sie ein Beispiel geben?

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