Jaeggi: Viele Menschen fühlen sich in ihren gesellschaftlichen Rollen fremd, sind von ungewollten Wünschen beherrscht oder leiden unter der eigenen Indifferenz zu ihrer Umwelt. Ein Beispiel aus meinem Buch: Ein junger Wissenschaftler, ein begabter Mathematiker, tritt seine erste Stelle an. Gleichzeitig beschließen er und seine Freundin zu heiraten, schon wegen der Steuern. Dann kommt ein Baby. Die Familie zieht in einen Vorort, wo sich ein Haus mit Garten bezahlen lässt, auch schöner für das Kind.
Frage: Eine ganz normale Geschichte …
Jaeggi: Der Mann hat früher ein wildes Leben zwischen besessener Arbeit und exzessivem Nachtleben geführt, sich wochenlang von Fastfood ernährt und am Wochenende in Tankstellen eingekauft. Er hätte sich niemals vorstellen können, dass er eines Tages jeden Samstag mit dem Kombi ins Einkaufszentrum fährt, die Vorräte für die Woche in der Tiefkühltruhe verstaut, sich Abends bemüht, rechtzeitig von der Arbeit nach Hause zu kommen, weil der Rasen vor der Grillparty noch gemäht werden muss. Mit seiner Frau spricht er vor allem über Organisatorisches. Manchmal kommt ihm das unwirklich vor: Alles ist mit einer gewissen Zwangsläufigkeit geschehen, und trotzdem erscheint ihm sein Leben fremd, so als wäre es nicht sein eigenes.
Frage:
Wäre es nicht eine erwachsene Haltung zu akzeptieren, dass sich Lebensumstände ändern und man in seinen Zielen auch Kompromisse machen muss?
Jaeggi: Natürlich muss man auch Kompromisse eingehen, aber sie sollten bewusst getroffen werden. Und natürlich gibt es auch immer Konflikte. Aber diese müssen als solche überhaupt erst zugänglich werden. Gerade das ist in diesem Beispiel noch gar nicht der Fall. Das Problem des Mathematikers ist der Kontrollverlust. Man kann nicht wirklich sagen, dass er zu irgendetwas gezwungen wurde. Aber die Dinge haben eine Eigendynamik gewonnen, eines kommt zum anderen, und so schlittert er in diese neue Lebenssituation, die zugleich eigentümlich erstarrt ist: Ohne drastische Maßnahmen kommt er da nicht mehr raus. Nicht er lebt sein Leben, sondern das Leben lebt ihn. Für die Analyse solcher Erfahrungen eignet sich der Entfremdungsbegriff. Mir geht es dabei gerade nicht um die psychologische, sondern um die strukturelle Dimension dieses Geschehens.
Frage: Nimmt die Entfremdung in unserer Gesellschaft zu?
Jaeggi: Sie ist eine Grunderfahrung der Moderne, aber es gibt gegenläufige Trends. Entfremdungsprozesse sehe ich zum Beispiel in der zunehmenden Kommerzialisierung von Lebensbereichen, Entfremdungserfahrungen drohen auch bei bestimmten Weisen des Umgangs mit den Möglichkeiten der modernen Gentechnologie. Auch die Weltfinanzkrise könnte man als großes Entfremdungsgeschehen verstehen: Alle stehen da, keiner hat es gewollt, das Geschehen hat eine Eigendynamik gewonnen - völliger Kontrollverlust. Andererseits gibt es Bereiche im Arbeitsleben, wo es geradezu so erscheinen kann, als sei Entfremdung hier aufgehoben: Vor allem bei qualifizierten Arbeitsplätzen soll man heute ja die ganze Person einbringen, autonom arbeiten, ganze Projekte entwickeln.
Frage: Das klingt manchmal wie in der Utopie von Karl Marx, wo man abwechselnd Jäger, Fischer, Hirte oder "kritischer Kritiker" sein konnte.
Jaeggi: Ich bin allerdings skeptisch. Der moderne "Arbeitskraftunternehmer" soll nämlich auf einmal für alles selbst verantwortlich sein. Er muss dabei die externen Zwänge internalisieren und sich als komplettes "Projekt" verkaufen. Trotz aller Selbstverantwortlichkeit und Kreativität ist das möglicherweise eher ein besonderer Fall von Entfremdung, Das soll nicht ausschließen, dass es hier auch wirkliche Freiheitspotentiale gibt.
Frage: Wie sähe es denn nun aus, das gute und unentfremdete Leben?
Jaeggi: Nicht entfremdet zu sein, bezeichnet eine bestimmte Weise des Vollzugs des eigenen Lebens. Es wäre ein Leben, in dem man selbstbestimmt seine Projekte verfolgt, die man sich dabei zu eigen macht und mit denen man sich identifizieren kann. Nicht-Entfremdung ist weder ein harmonisch-konfliktfreier Zustand noch ist es identisch mit dem, was manche Menschen als "Glück" bezeichnen, aber vielleicht ist es das Einzige, was wir über das gute Leben sagen können oder sollten. Das könnte mehr sein, als man auf den ersten Blick denkt.
Frage: Das klingt wie die Arbeitsplatzbeschreibung für kreative Menschen in den Medien, der Kunst oder für freie Wissenschaftler. Was empfehlen Sie einem unqualifizierten Arbeiter?
Jaeggi: Ich würde die Menschen nicht unterschätzen! Zugleich zeigt sich hier wieder, dass das gute Leben auch eine gesellschaftliche Aufgabe ist: Genau darum geht es ja, Arbeit gesellschaftlich so zu organisieren, dass sie kein "bloßer Job" ist, und das nicht nur in bevorzugten Bereichen. Oder auch darum, Bildung so zu organisieren, schon die frühkindliche Bildung, dass bestimmte Gruppen davon nicht systematisch ausgeschlossen werden. Aber es ist nicht meine Aufgabe als Sozialphilosophin, fertige Reformpläne für eine weniger entfremdete Gesellschaft vorzulegen. Ich will mit meiner Arbeit nur die Sensibilität für bestimmte problematische Strukturen schärfen. Jetzt kann die Diskussion beginnen.
Frage: Worüber müssten wir noch reden?
Jaeggi: Wir sollten wieder mehr nachdenken über die grundsätzliche Organisation des Politischen in unserer Gesellschaft: Wie lässt sich die Ökonomie stärker politisch kontrollieren? Wie sollen öffentliche Räume aussehen, die sich die Menschen auch aneignen können? Wie schaffen wir Arbeitsverhältnisse, die mehr Identifikation ermöglichen? Es gibt unendlich viele Aufgaben. Vielleicht findet sich dann ja auch eine Lösung für das Problem, das Sie mit Ihrem Computer haben …
Das Gespräch führte Christian Weber
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH