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22.04.2009
 

Politikerkarrieren

Junkies im Rampenlicht

Von Christoph Schwennicke

Dauernd Termine, ständige Intrigen, ein Leben in der Ausnahmezone: Wer sich in die Höhen der Politik wagt, riskiert die Mutation vom Menschen zum Zombie der Macht. Schlimmer als die Droge ist nur ihr Entzug.

Es war auf einer dieser ungezählten Autobahnfahrten im gestreckten Galopp von Bremen nach Recklinghausen, an einem dieser Tage, an denen die Termine ineinanderfließen wie die Bäume und Büsche draußen vor dem Fenster bei Tempo 180 und man abends Mühe hat, sie wieder voneinander zu trennen. Franz Müntefering saß im Fond seines Wagens und unterbrach das Gespräch plötzlich, blickte für einige Augenblicke zum Fenster hinaus, vor dem die Landschaft nur so vorbeiflog. "Was fehlt", sagte er dann nachdenklich mehr zu sich als zu seinem Nachbarn, "das sind die Tankstellen."

Zu wenig Tankstellen. Das war keine Klage von Müntefering über das Raststättennetz auf deutschen Autobahnen, und natürlich hatte sein Fahrer, der da gerade wieder jemandem auf der Überholspur an der Stoßstange hing, den Audi A8 vor der Fahrt bis zum Stehkragen vollgetankt. Was Müntefering fehlte, war nicht Benzin für den Wagen. Was er meinte, war Zeit zum Nachdenken, ein Ort oder auch ein Mensch, der einem Spitzenpolitiker auf der Überholspur des Lebens Kraft gibt, Anregungen oder auch nur einen unverstellten Blick auf die Dinge. Abwechslung, Abstand, Erdung. Die Möglichkeit zum Auftanken eben. Eine Auszeit von dieser Hochgeschwindigkeitspolitik.

Doch nicht einmal auf dieser namenlosen Autobahn entkam Müntefering seinem eigenen Tun. Drahtlos jagten die Nachrichten hinter dem SPD-Chef her. Aus dem Fax in der Mittelkonsole des Wagens quoll das Thermopapier wie der Brei aus dem Topf im Märchen, und Müntefering wickelte sich jeweils nach einem guten Meter geschickt eine Doppelrolle daraus, die er mit beiden Händen wie eine antike Pergamentrolle vor sich hielt und scrollte.

Es gibt viele Berufe, in denen die Gefahren persönlicher Deformation lauern. Aber es gibt wohl keinen Beruf, in dem diese Gefahr so groß ist wie dem der Politik. Der langjährige SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann hat in seinem Buch über "Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker", wie sein Klassiker vom "Höhenrausch" im Untertitel heißt, eindringlich über die persönlichen Auswirkungen dieses permanenten Daseins in einer Ausnahmezone geschrieben, eines Bereichs, den Joschka Fischer nicht ohne Stolz einmal mit der sauerstoffarmen Todeszone von Himalaya-Expeditionen verglich. Die Frage ist: Kann dieser dauerhafte Sauerstoffmangel, der Mangel an Zwischenmenschlichkeit, ohne Folgen auf die Psyche, die Persönlichkeit und den Gemütszustand von Spitzenpolitikern bleiben? Leinemann zitiert Erhard Eppler, der sagt, Politik gehöre zum Schönsten, aber auch Gefährlichsten und Abgründigsten, worauf Menschen sich einlassen können. "Vielleicht", schrieb Eppler, "ist Politik an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne, um es biblisch zu sagen, Schaden zu nehmen an ihrer Seele."

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