Von Christoph Schwennicke
Politoholics - diesen Begriff hat der Politikwissenschaftler Gerd Langguth geprägt, und über die Folgen dieser veritablen Sucht hat Leinemann vor vielen, vielen Jahren, damals noch in Bonn als Gast der rheinland-pfälzischen Landesvertretung, geredet. "Politik als Sucht" hieß der Vortrag, und im Saal saßen lauter hochgradige Junkies wie Joschka Fischer und sein damaliger Intimus Hubert Kleinert. Leinemann erzählte offen von seiner eigenen, überwundenen Sucht, von seinen Versagensängsten und von einem Interview mit einem amerikanischen Senator, das beide volltrunken absolviert hätten - in diesen Zustand hatten sie sich gemeinsam vorher mit einer Flasche Wodka versetzt. Die Fischers und Kleinerts hingen an Leinemanns Lippen, beteiligten sich rege an der Debatte, beklagten eloquent die menschlichen Abgründe der Politik und den Umstand, dass sich viele angesichts dieses psychischen Drucks in den Alkohol flüchteten. Dann lud der Hausherr Karl-Heinz Klär zu einem gemütlichen Ausklang ein und alle stürzten sich auf den kühlen Pfälzer Weißwein und das Pils, das an einem aufgebauten Ausschank nahe des Eingangs schon gezapft wartete. Die Fischers und Kleinerts bedienten sich reichlich.
Leinemann berichtete damals auch von einem jungen und ambitionierten Bundestagsabgeordneten, den er in den frühen achtziger Jahren auf dessen ersten Schritten im Parlament und im Wahlkreis begleitete, über eine Wahlperiode hinweg und auch nach der Wiederwahl 1982. Die Geschichte des Bonner Hinterbänklers Karl Weinhofer, die als Dreiteiler im SPIEGEL erschien, ist bis heute ein erschütterndes Dokument einer Mutation vom Menschen zum politischen Zombie. Oberstudienrat Weinhofer hatte seine Freunde in seiner Stammkneipe, dem Eichstätter Peterskeller, inständig gebeten: "Sagt mir bitte, wenn ich mich verändere." Und er verändert sich, nimmt neun Kilo zu, raucht wieder 60 Zigaretten am Tag, wird schwermütig und verliert die Lebensfreude, geht nicht mehr fischen und Pilze suchen. Die Angler an der Altmühl, neben denen er früher stand, beneidet er um ihr sorgloses Tun. Die aber zeigen kein Mitleid: "Du hast es so gewollt."
In der Familie beginnt es zu kriseln, und seine Freunde in der Kneipe sagen: "Du bist kein Kumpel mehr. Hältst dich wohl für was Besseres." Der "Charly" bleibt fremd in Bonn und entfremdet sich von seiner Heimat. Der Volksvertreter hastet zwischen Wahlkreis und Bonn hin und her und bleibt dabei selbst auf der Strecke. Schon nach 70 Tagen Bonn sagt er das erste Mal: "Es ist alles beschissen."
Sein SPD-Fraktionskollege Hermann Scheer konnte als Ministerkandidat im Schattenkabinett Andrea Ypsilantis bei den hessischen Landtagswahlen 2008 den Zerfall einer politischen Identität aus nächster Nähe beobachten. Scheer ist überzeugt, dass man von der Politik "uminterpretiert" werde. Nichts sei mehr selbstverständlich. Es sei "schwieriger, derselbe zu bleiben, als sein Verhalten zu verändern und sich an die Erwartungen anzupassen".
"Menschliche Gefriermasse" nannte der Schriftsteller Dieter Lattmann das, was damals Bonn und heute Berlin aus Individuen macht.
Karl Weinhofer bewohnt einen schönen ausgebauten Dachstuhl in der Altstadt von Eichstätt, nicht weit vom Dom, mit ausladendem Blick auf die Hänge des Altmühltals, im gleichen Haus sind die Instanzen für wichtige Stationen eines Lebens untergebracht, das Standesamt und die Friedhofsverwaltung.
Aus dem jungen Hinterbänkler "Charly" Weinhofer ist ein älterer Herr von 66 Jahren geworden, freundlich, offen, mit wachen, etwas wässrigen Augen. Ein Zehntel seines Lebens hat er in der Bundespolitik zugebracht. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1987 hat er Übergangsgeld bekommen, ein Jahr lang ist er gereist, "Südamerika, China, mit dem Wohnmobil rumgefahren". Für kurze Zeit hat er es wieder an der Berufsschule in Nürnberg versucht, aber das ließ er bald bleiben, schied vorzeitig aus dem Schuldienst aus, machte und macht in Immobilien und Antiquitäten, seit sieben Jahren führt er Besucher durchs Automuseum von Audi in Ingolstadt, 15 Stunden die Woche. Für 76 Tage ging er 1990 als Nachrücker noch einmal in den Bundestag, die "Bild"-Zeitung titulierte ihn dafür als "teuersten Abgeordneten" des Landes.
"Ich habe meinen Abschied schon gut verkraftet", sagt Weinhofer, "sicherlich", fügt er hinzu, "man träumt ab und zu mal davon." Man träumt? Ja, sagt Weinhofer, "man sieht sich dann ab und zu in der Fraktion als Abgeordneter, wenn man spricht". Aber das lasse mehr und mehr nach. Obwohl: Am Anfang, räumt Weinhofer ein, habe er schon bei Bundestagsdebatten die ehemaligen Kollegen betrachtet und gedacht: Das könntest du aber ebenso gut. Mindestens. Eher besser.
Er angelt wieder ab und zu mit Tageskarten an der Altmühl, vor dem Fenster über dem Fluss taucht ein Kormoran auf, der mit schnellen Flügelschlägen flussaufwärts fliegt. Viele Aale, Karpfen, Zander und Hechte gebe es im Fluss. Die menschliche Gefriermasse taut offenbar nach und nach auch wieder auf, es dauert aber seine Zeit.
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