Von Christoph Schwennicke
Politik macht süchtig, hatte Weinhofer vor bald 30 Jahren Leinemann gestanden. Ob diese Sucht einen Preis habe so wie der Alkoholismus einen gesundheitlichen? Das sei schwer zu sagen, sagt Weinhofer, "sicherlich: Die Familie ist draufgegangen dabei, und man musste sich da neu orientieren". Es klingt, gemessen an der Aussage, seltsam geschäftsmäßig, wie er das sagt.
Muss man Mitleid haben mit Spitzenpolitikern oder sie eher für selbst schuld erklären? Wollen sie es nicht genauso? Franz Müntefering quollen damals meterweise Faxe ins Auto, weil er in den Tagen zuvor die Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt und die Heuschrecke als gewissermaßen alttestamentarische Plage-Metapher für gesichtslose Konsortien erfunden hatte, die über gesunde Betriebe herfallen und sie kahlfressen. Er hatte seinen Vorstoß gezielt geplant, medial vorbereitet und fand sich also auch nicht unverschuldet im Sturm wieder. Es machte im Auto auch nicht den Eindruck, dass Müntefering unter dem Nachhall sonderlich litt. Er genoss ihn vielmehr erkennbar. Der Pressespiegel kannte nur ein Thema - sein Thema.
Ein Wort, das ihm Hans-Jochen Vogel mit auf den Weg gegeben hat, fiel Müntefering in diesem Zusammenhang noch ein. Vogel habe ihm einmal gesagt, Partei- und Fraktionsvorsitz gleichzeitig innezuhaben, das sei, als halte man einen Expander zwischen den Armen gespannt, "und du darfst nicht loslassen".
Loslassen. Jahre später hat sich eben jener Müntefering sehr viel öffentlichen Respekt damit verdient, dass er sein Amt als Arbeitsminister und seine Funktion als Vizekanzler der Großen Koalition für seine todkranke Frau Ankepetra aufgab, um sich deren Pflege zu widmen und schlicht und einfach die verbleibende Zeit mit ihr zu verbringen. Das ist honorig und respektabel. Aus der Beziehung zu dieser Frau zog Müntefering zeit seiner politischen Laufbahn enorme Kraft. Wann immer es ging, begleitete Ankepetra Müntefering ihren Mann auf Touren durchs Land und wurde nicht müde, diesen Veranstaltungen am Ende der Welt beizuwohnen. Es war eine Symbiose, die die beiden eingegangen waren. Sie gab ihm Kraft und stellte ihm nichts in den Weg, dafür genoss sie die Bedeutung ihres Mannes bei diesen Ausflügen in vollen Zügen. Von dieser Kraft wollte ihr Müntefering in der letzten Lebensphase etwas zurückgeben und zog sich dafür mit ihr zurück.
Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass er in diesen letzten Lebenswochen seiner Frau alles daran setzte, den glücklosen Kurt Beck vom SPD-Parteivorsitz zu verdrängen und dieses "schönste Amt nach dem Papst" wieder selbst einzunehmen. Er telefonierte mit Frank-Walter Steinmeier, Andrea Nahles und Peer Steinbrück, er schrieb Papiere auf seiner mechanischen Schreibmaschine, er arbeitete an einem Buch, das als Gegenentwurf zu Beck gedacht war, er tigerte in seinem Abgeordnetenbüro hin und her. Schon Monate bevor Beck schließlich im September 2008 aufgab, war Müntefering hinter den Kulissen wieder aktiv. Wie viel Anteil jenseits der schweren Krankheit seiner Frau vorher ebenjener Beck an seinem Rückzug hatte, mit dem er sich in einem Machtkampf verbissen hatte, den Beck schließlich auf dem Hamburger Parteitag im Oktober 2007 für sich entschied, wird wohl für immer Münteferings Geheimnis bleiben.
Man muss aufpassen, nicht selbst zum Aktendeckel zu werden
Von Gregor Gysi stammt das Bonmot, dass man im Berliner Politikbetrieb vor lauter Aktenfressen aufpassen müsse, nicht selbst zum Aktendeckel zu werden. Manche Politiker ziehen daraus den falschen Schluss, dass sie das, was sie für das wahre Leben halten, in grotesker Weise inszenieren.
Der frühere Verteidigungsminister und SPD-Chef Rudolf Scharping tat sich in dieser Hinsicht besonders schwer, Maß und Mitte zu halten. Einerseits gab es kaum einen Politiker zu seiner aktiven Zeit, der in höherem Maße der Sucht des Betriebs verfallen war. Scharping machte regelrechte Tests seiner Bedeutsamkeit. Einmal lud er als Verteidigungsminister den Tross der wehrpolitischen Berichterstatter ins Opernpalais Unter den Linden in Berlin, ohne bei diesem Hintergrundgespräch eine einzige nennenswerte Neuigkeit zu erzählen zu haben. Das war auch nicht der tiefere Sinn der Operation. Als Scharping den Raum betrat und sah, dass fast alle gekommen waren, pumpte er sich zufrieden auf. Du ziehst, sagte ihm der volle Saal. Er hatte harte Konkurrenz an dem Abend. Im Fernsehen gab es zur gleichen Zeit ein wichtiges Fußballspiel.
Ein anderes Mal reiste Scharping mit einigen Journalisten im Schlepptau in die Vereinigten Arabischen Emirate. Nur ein Abend stand zur freien Verfügung, und die Journalisten gingen früher als sonst ins Bett. Um 23.30 Uhr klingelte das Hoteltelefon, der Minister möchte Sie sehen, verkündete sein Sprecher. Um Mitternacht waren dann alle um ihn versammelt. Scharping hatte nichts zu erzählen, er las lediglich Zeitungen und Pressespiegel. Er konnte offenbar einfach nicht allein sein.
Später fehlte ihm jedes Gespür für den Einsatz des Privaten im Politischen. Während seine Soldaten zu einem Auslandseinsatz nach Mazedonien ausrückten, ließ sich Scharping am Pool in Mallorca mit seiner Lebensgefährtin Gräfin Pilati beim Turteln fotografieren. Diese exhibitionistische Eskapade markiert den Anfang vom Ende des Politikers Rudolf Scharping. Die höchsten Generäle waren geschockt und verloren jeden Respekt und Scharping jeden Rückhalt, der Kanzler ließ ihn schließlich fallen.
Die Gefahr besteht, dass Spitzenpolitiker in ihrer Geltungsgier das Gespür für sich verlieren. "Während ein Workaholic seine Befriedigung in einer durch nichts mehr unterbrochenen Arbeitswut sucht, giert der Politiker nach öffentlicher Wirkung", konstatiert Gerd Langguth. "Und während sich der Workaholic mit der Tugend des Fleißes tarnt, tarnt sich der Politiker mit seiner Bedeutung."
Der Entzug ist manchmal schlimmer als die Droge selbst. Nicht alle schaffen es wie Karl Weinhofer, davon wegzukommen. In keiner Politiker-Aussage kristallisiert sich das so wie in einem Ausruf von Heide Simonis nach ihrem Wahldebakel 2005 in Schleswig-Holstein. Von Fernseh-Plaudertasche Reinhold Beckmann wurde die Sozialdemokratin gefragt, warum sie nicht eine große Koalition mit CDU-Wahlsieger Peter Harry Carstensen ins Auge fasse.
"Ja, und wo bin ich dann?", entfuhr es der gescheiterten Ministerpräsidentin, die ihren Machtverlust und das damit einhergehende Trauma bis heute nicht verarbeitet hat. Der Satz wurde immer als Ausdruck von Egomanie und Machtgeilheit interpretiert.
Dabei ist viel erschütternder, in welche psychischen Abgründe hinter der Politikerfassade er blicken lässt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH