Aus Wien berichtet Holger Dambeck
Max Wyss hat zwei Handys an seinem Gürtel. Das eine nutzt er wie jeder andere Mensch auch zum Telefonieren. Das andere klingelt, wenn irgendwo auf der Welt ein starkes Beben die Erde erschüttert hat. Die Nummer kennt nur ein Computer des Schweizerischen Erdbebenwarndienstes an der ETH in Zürich.
Vor zwei Wochen, am 6. April, läutete das Beben-Handy gegen 3.30 Uhr am Morgen. Wyss stand auf, setzte sich an den Computer und begann zu rechnen. Exakt 22 Minuten, nachdem Seismographen weltweit das schwere Beben in Mittelitalien registriert hatten, war er mit der Kalkulation fertig: 50 bis 500 Todesopfer lautete seine Prognose, die dann sofort per E-Mail an alle ging, die an Opferschätzungen des Erdbebenforschungsinstituts Wapmerr interessiert sind. Wyss leitet dieses in Genf beheimatete Institut.
Wyss liefert seit Jahren Prognosen nach Erdbeben
"Im Fernsehen hieß es zunächst, dass nur eine Handvoll Menschen gestorben sind", sagt Wyss auf dem Jahrestreffen der European Geosciences Union (EGU) in Wien. Dabei sei Geoforschern von Anfang an klar gewesen, dass die Opferzahl vermutlich dreistellig sein würde. Die relativ vage Angabe von 50 bis 500 begründet der Seismologe mit den anfänglich ungenauen Angaben zur Lage des Epizentrums. "Die Genauigkeit lag bei etwa zehn Kilometern", erklärt Wyss im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wenn man das Epizentrum um diese Distanz Richtung Berge verschiebe, sinke die Opferzahl, "wenn ich es zehn Kilometer Richtung L'Aquila lege, steigt die Zahl der Toten".
Schon seit mehreren Jahren liefern Wyss und seine Kollegen unmittelbar nach einem Erdbeben eine Prognose über die Opferzahl. Grundlage ist eine Software, die auf Daten wie Bevölkerungsdichte, Siedlungsstruktur und Gebäudestabilität zurückgreift und die es bereits in zweiter Generation gibt. QLARM heißt das Programm, mit dem die Seismologen vom Schweizer Wapmerr-Institut inzwischen Beben in Algerien, Peru und Pakistan analysieren und die Software so kalibrieren.
Mit der Prognose von 50 bis 500 Toten lag Wyss übrigens nahe an der tatsächlichen Opferzahl von knapp 300. Seit dem Frühjahr 2003 kalkuliert Wapmerr für alle Beben mit einer Magnitude größer als 6,0 die vermutliche Zahl der Toten und Verletzten. Die Ergebnisse lägen meist sehr nahe an den tatsächlichen Zahlen, sagt Wyss. Unmittelbar nach dem katastrophalen Sechuan-Beben im Mai 2008 hatte der Forscher sogar eine längere Diskussion mit chinesischen Seismologen per E-Mail, weil die genaue Magnitude zunächst nicht feststand. Etwa zwei Stunden, nachdem Seismographen weltweit Alarm geschlagen hatten, gab Wyss die Prognose von 20.000 bis 90.000 Toten ab - es waren schließlich etwa 85.000.
Je früher das Ausmaß bekannt ist, desto schneller die Hilfe
"Wir möchten sagen, wie schlimm es ist", erklärt der Seismologe. Je früher man über das ungefähre Ausmaß einer Katastrophe Bescheid wisse, umso besser könnten Hilfsorganisationen reagieren. Doch die Prognosen werden nicht immer ernst genommen, wie im Fall des Bebens im Norden Marokkos im Februar 2002. "Meine Schätzung war: 1000 Tote", berichtet Wyss. "Ich habe sofort Hilfsorganisationen in der Schweiz angerufen." Diese hätten Marokko dann auch sofort Unterstützung angeboten, doch das Land lehnte dies ab, weil die dortigen Behörden noch nichts von Hunderten eingestürzten Häusern wussten.
Und so passierte erst einmal stundenlang gar nichts. Verletzte, die unter den Trümmern ihrer Häuser lagen, konnten nicht gerettet werden, weil die Zivilverteidigung Marokkos zunächst nur von geringen Schäden ausging. "Erst 20 Stunden nach dem Beben hat die Region im Norden Marokkos um Hilfe gebeten", erinnert sich der Forscher. Die Rettungsspezialisten aus Deutschland und der Schweiz seien deshalb für viele Verletzte zu spät gekommen. Etwa 700 Tote waren am Ende zu beklagen.
Um Risiken und Opferzahlen von Erdbeben weltweit deutlich besser abzuschätzen zu können, haben Erdbebenforscher weltweit das Projekt Global Earthquake Model (GEM) gestartet. Beteiligt ist unter anderem das Geoforschungszentrum in Potsdam (GFZ). Es gehe darum, Risiken weltweit einheitlich und auf Grundlage neuester Forschungsergebnisse zu berechnen, sagt GFZ-Forscher Jochen Zschau. Drohende Schäden sollten möglichst präzise vorhergesagt werden. Dazu müssten jedoch weltweit Daten zu Geologie und Gebäudestabilität gesammelt werden. Ziel von GEM seien frei zugängliche Daten, die sich gleichermaßen an Regierungen, Hausbesitzer und Investoren richteten.
Schwere Beben müssen nicht automatisch viele Opfer fordern
Wenn die Informationen über Besiedlungsstruktur, Gebäudestabilität und Bebenrisiko erst einmal zusammengeführt sind, dann lassen sich damit auch die Häuser identifizieren, bei denen die größte Gefahr besteht, dass sie einstürzen und Menschen unter sich begraben.
Max Wyss führt solche Kalkulationen gerade im Auftrag der Regierung Perus durch. Es geht darum abzuschätzen, welche Folgen ein schweres Beben vor der Küste Limas hätte. "Wir haben sieben Szenarien entworfen und kommen auf Zehntausende Tote", sagt Wyss. "Wir möchten aber auch wissen, wo sich Schulen und Krankenhäuser befinden und wie sie gebaut sind." Allein in Lima müsse man je nach Lage des Epizentrums und Zeitpunkt des Bebens mit Tausenden toten Kindern rechnen, falls Schulgebäude massenhaft einstürzen sollten.
Die Wapmerr-Forscher wollen auch berechnen, wie sich Opferzahlen ändern, wenn man die am schlechtesten gebauten Schulgebäude verstärkt und so sicherer macht. "Wie viel kostet das?" fragt Wyss, "und wie viele Kinder retten wir dadurch?" Solche Berechnungen wolle man für viele Metropolen machen.
Dass selbst schwere Beben nicht automatisch Hunderte oder Tausende Tote zur Folge haben müssen, zeigt das Beispiel Japan. Weil Gebäude dort schon seit langem erdbebensicher gebaut werden, beträgt das Verhältnis von Verletzten zu Toten bei Beben circa 80. In Entwicklungsländern liegt diese Zahl hingegen noch bei fünf. Stabilere Gebäude könnten hier also noch sehr viele Menschenleben retten, weshalb GFZ-Forscher Zschau mit seiner Charakterisierung des Projekts GEM wohl auch richtig liegen könnte: "Es ist ein weltweites Bauprogramm."
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DAnn sollte man sich dochmal an Japans Architekten wenden,die sind darin Weltführend Erdbebensichere Häuser zu Bauen!Frage gelöst ich nenn es einfach vorbeugend Handeln also Bauen! mehr...
Gibt's dafuer auch sowas wie Beweise, links etc.? Mit dem ehernen Gesetz: "Fressen und gefressen werden!" Ich frohlocke! Das ist immerhin ein Anfang! Das alles geht auch "OHNE" Glauben! Schon mal [...] mehr...
Wenn man eine Großbank in der Nähe hat, egal ob gerade pleite gegangen oder immer noch reich, braucht man sich keine Sorgen machen. Die stürzt nicht ein. Flüchtet euch in Bankenkeller...... mehr...
Bravo! Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Aber nun schreiben Sie: Man kann sich an christlichen Werten orientieren, ohne ein "gläubiger" Christ zu sein. Und "bestimmte Vorstellungen" wie die eines Lebens [...] mehr...
Gegen vieles, was Sie da sagen, ist gar nichts einzuwenden. Man muß nicht an einen Gott glauben und kann doch ein mitfühlender Mensch sein. Darin stimme ich mit Ihnen voll und ganz überein. Sofern man sich aber auf christliche [...] mehr...
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