Von Rainer Traub
Vielbeachtete Studien über den Ursprung der Moral haben in den letzten Jahren auch zwei US-Psychologen veröffentlicht - der in Harvard lehrende Marc Hauser ("Moral Minds") und Jonathan Haidt von der Universität Virginia ("The Happiness Hypothesis"). Beide kommen, mit verschiedenen Methoden und Forschungsansätzen, zu ähnlichen Schlüssen wie Frans de Waal über die Grundlagen des Moralgefühls.
Marc Hauser fand seine Ausgangshypothese in Analogie zum Theorem des Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky von einer mentalen "Universalgrammatik", die weithin als Basis der modernen Linguistik akzeptiert ist. "Wir erlernen die erste Sprache nicht", sagt Hauser, "wir erwerben sie vielmehr, wie uns ein Arm wächst. Bei der Moral ist es offenbar ähnlich. Es gibt auch hier eine Art Tiefengrammatik, die hilft, uns die jeweilige Moral unseres sozialen Umfelds strukturiert anzueignen." Er fand diese Auffassung bestätigt durch die Antworten auf Massentests mit Internet-Fragebögen voll kniffliger moralischer Zwickmühlen - darunter die Frage, ob man einen Menschen opfern darf, um fünf andere zu retten. Die Probanden kamen intuitiv zu übereinstimmenden Entscheidungen, die sie aber rational nicht begründen konnten.
Eine schöne Metapher für die neue Sicht auf die Moral hat Jonathan Haidt gefunden. Die traditionell dominierende Vorstellung von der Vernunft, die den rohen Instinkt bezähmt wie der Cowboy das Wildpferd, ersetzt er durch ein ganz anderes Bild: Wie ein mächtiger Elefant, auf dem ein kleiner Reiter sitzt, trägt darin die Intuition die Ratio.
Es ist ein sympathischer Gedanke, welche Kraft Gefühl und Vernunft in solcher Harmonie entwickeln könnten. Aber das evolutionstheoretische Modell für die Funktionsweise des Gehirns liefert keine Erklärung für die überwältigende Destruktivität unserer Spezies in Geschichte und Gesellschaft. Diese scheint im Gegenteil Pessimisten in der Tradition von Hobbes und Freud zu bestätigen (wenngleich die Hypothese des späten Freud, die Urgewalt der lebenshungrigen Libido werde von einem gleich mächtigen Todestrieb konterkariert, nie zu belegen war).
Dass wir wie unsere tierischen Verwandten von Natur aus gesellig und zum Mitgefühl befähigt sind, besagt demnach nichts über den Gebrauch, den wir von diesen Anlagen machen. Dies gilt umso mehr, weil das Resonanzbedürfnis mit einem anderen Erbe der Evolution rivalisiert: mit der tiefsitzenden Angst vor den Gefahren des Fremden, Unbekannten. Manche Fachleute sind überzeugt, auch das typische "Fremdeln", mit dem Kleinkinder um den achten Lebensmonat herum auf unbekannte Gesichter reagieren, sei ein Produkt der Evolution.
Soziale Moral heißt deshalb meist Loyalität zur Gruppe, der man unmittelbar angehört. Biografische und gesellschaftliche Erfahrungen und Bedingungen beginnen von klein auf, die genetischen Anlagen zur Empathie zu modifizieren. Die angeborenen Instinkte können verkümmern oder sogar ins Zerstörerische umschlagen. So versagt die Deutungskraft naturwissenschaftlicher Modelle angesichts der Untaten, deren der Mensch gegen seinesgleichen fähig ist. Die kollektive Tötung der eigenen Art ist ohne Beispiel im Tierreich.
Die Massenpsychologie sucht seit Ende des 19. Jahrhunderts nach Antworten auf die Rätsel, die der Mensch als Herdentier aufgibt. Doch bis heute haben Sozialwissenschaftler allenfalls Bruchstücke des Puzzles zusammengetragen. Warum ist die Geschichte eine Abfolge von Gewaltausbrüchen? Wie werden Menschen zu Terroristen, Amokläufern, Massenmördern?
Nach Nationalsozialismus und Holocaust haben zahllose Forscher Merkmale gesucht, die den Urhebern der Verbrechen gemeinsam sind. Sie wollten bestimmte Eigenschaften, Verhaltenszüge oder genetische Besonderheiten identifizieren. Wäre das gelungen, hätte man einschlägig Auffällige vielleicht erkennen und, so die Hoffnung, die Wiederholung der Geschichte verhindern können. Bekanntlich fand man statt der erwarteten Monster überwiegend Bürger, die folgsam ihre Arbeit taten. Hannah Arendts Verdikt von der "Banalität des Bösen" war auf Adolf Eichmann, den Organisator der "Endlösung", gemünzt.
Der Sozialpsychologe Harald Welzer, der an der Universität Witten/Herdecke lehrt, spricht sogar von der "Rationalität des Bösen". Er hat neben dem Holocaust genozidale Akte in Vietnam, Ruanda und Jugoslawien untersucht und das Buch "Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" veröffentlicht. Die beklemmende Studie rückt Menschen ins Bild, die nach den eigenen Maßstäben absolut rational handelten und vom Bedürfnis nach Übereinstimmung mit ihrer sozialen Umwelt getrieben wurden. Auch wenn etwa den Angehörigen der "Einsatzgruppen" an der Ostfront ihr Soll an täglichen Massenerschießungen zur Last fiel, wollten sie doch keinesfalls aus der Reihe tanzen.
So katastrophal kann Anpassungsfähigkeit, diese "evolutionär hervorragendste Eigenschaft der menschlichen Spezies" (Welzer) wirken. Bedingung ist offenbar nur eine gehorsamsgestützte Herrschaft, die bestimmte Gruppen als bedrohliche "Artfremde" vollständig aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließt. Hellhörig macht dabei eine eher beiläufige Bemerkung Welzers über die gescheiterten Versuche, aus den vielen psychologischen Tests mit Nürnberger Kriegsverbrechern typische gemeinsame Merkmale herauszufiltern: "Die einzige Auffälligkeit bei den Angeklagten" habe in einem "eher geringen Empathiepotential" bestanden.
Kaum jemand weiß so viel über den Zusammenhang von Empathieverlust und Inhumanität wie Arno Gruen in Zürich. Der schlanke, grauhaarige Psychotherapeut wirkt wie ein rüstiger 70-Jähriger, wird aber demnächst 86 und arbeitet nach wie vor in seinem Beruf. Der gebürtige Berliner floh 1936 als Kind mit seiner jüdischen Familie in die USA, wo er als Psychologe praktizierte und als Universitätsprofessor lehrte. Vor 30 Jahren kehrte er nach Europa zurück und wurde mit Büchern wie "Der Verlust des Mitgefühls" oder "Der Wahnsinn der Normalität" bekannt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient sein Werk "Der Fremde in uns". Es verbindet Leidensgeschichten von Patienten mit Studien über die Kindheit führender Nazis und wurde mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Die Fälle, die der Autor vorstellt, kreisen alle um die verheerenden Folgen, die aus der Zerstörung von Empathie entstehen. Diese beschreibt er als "Schranke zur Unmenschlichkeit", "Kern unseres Menschseins" und "Fundament von Moralität und Gewissen".
Mit einer Fülle biografischer Details zeigt er, wie die Gabe des Mitgefühls Verantwortlichen des Holocaust von klein auf durch Mutter und/oder Vater genommen wurde: Als Kinder erlebten sie, dass jedes Zeichen von Schmerz und Leid verpönt ist und jede Schwäche ein hassenswerter Feind. So lernten sie, Verletzlichkeit selbst als das Fremde in sich zu hassen. Doch Mensch sein, sagt Arno Gruen, heißt verletzlich sein. Weil ein Kleinkind aber ohne das Wohlwollen der übermächtigen Eltern verloren ist, übernimmt und verinnerlicht es die zerstörerische Haltung gegen die eigenen Grundbedürfnisse. Im Gehirn stirbt die Fähigkeit zur Empathie ab, geboren wird die Fähigkeit, äußeren "Feinden" unbewegt Schmerzen und Tod zuzufügen.
Das Nachdenken über seine Patienten und über die Ursprünge ihrer Erkrankungen hat Arno Gruen zum entschiedenen Kulturkritiker gemacht. Insofern wandte er sich auch von Freud ab, dessen Lehre von der zügelungsbedürftigen Triebnatur für ihn überholt ist. Er bekennt sich zur Tradition eines Jean-Jacques Rousseau, der gute Naturanlagen des Menschen durch schlechte soziale Bedingungen verdorben sah.
Dem Einwand, dass beispielsweise das Erwachsenwerden kein sanftes Gleiten von einem Stadium ins nächste ist, sondern mit Reibung und Aggression verläuft, hält er entgegen: "Aber es könnte dieses sanfte Gleiten sein. Entwicklungsstadien, die uns für unvermeidlich scheinen - das 'Trotzalter' des Kleinkindes, die Krisen der Pubertät - kennen andere Kulturen nicht. Wir kreieren sie."
Als Beweis, dass er nicht als Schwärmer spricht, sondern als Wissenschaftler, zitiert Gruen eine anthropologische Langzeitstudie, die federführend vom US-Forscher Richard Sorensen erstellt wurde. Für den skeptischen Besucher kramt er bereitwillig Sorensens Forschungsbericht heraus. Er basiert auf 30-jährigen Beobachtungen bei einer Reihe isolierter Stämme, die aufgrund geografisch besonders geschützter Lagen, etwa in Himalaja-Hochtälern oder auf Inseln Ozeaniens, nie mit einer feindlichen Außenwelt in Berührung gekommen, nie erobert worden waren.
Weil sie das Fremde nie erfahren hatten, war ihnen auch die Angst davor und die Aggression dagegen unbekannt. Umfassende soziale Sensibilität und Nähe charakterisierten diese Gesellschaften, ohne dass die Freiheit des Einzelnen dadurch eingeschränkt wurde. Eine Reihe von Fotos, die für sich selbst sprechen, illustrieren eine Kultur völlig anderen Typs als die unserer Ellbogengesellschaft, die wir doch als Naturgegebenheit aufzufassen gewohnt sind. Es scheint, als enthielte der alte romantische Mythos vom "guten Wilden" ein Körnchen Wahrheit.
"In unserer Kultur sind am erfolgreichsten die", sagt Gruen, "die am meisten von ihren Gefühlen, von der Fähigkeit zum Mitgefühl abgeschnitten sind. Wir glauben, wenn wir zu jemandem sagen 'Das schmerzt mich', sind wir schon unterlegen. Das stimmt aber nicht. Es zeigt gerade, dass wir stark genug sind, das zu sagen, ohne dem anderen damit ein Unterwerfungssignal zu geben."
Die freundliche Geduld, mit der Arno Gruen argumentiert, hat etwas Anziehendes. Aber wie will er sich gegen die Übermacht unserer zivilisatorischen Realität stemmen? "Ich bin nicht allein", erwidert er. "Denken Sie nur an den Dalai Lama. Der sagt, dass die Fähigkeit, mit anderen Menschen mitzufühlen, fundamental ist für das Überleben der Menschheit."
Da könnte etwas dran sein.
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