Nicht nur unsere körperliche, sondern auch unsere geistige Grundausstattung stammt aus der Altsteinzeit. Dass wir gleichwohl in Millionenstädten leben, die Weltmeere kreuzen, Fabriken betreiben und Massenvernichtungswaffen bauen können, verdanken wir der Menschensprache. Sie befähigt uns nicht nur, Gefühle und Wünsche zu äußern, sondern auch künstliche Welten zu konstruieren - Kulturen, in denen Erfahrungen gespeichert und weitergegeben werden und die unsere alten Verhaltensprogramme auf neue Motive und Ziele abstimmen können.
Es lohnt, diese alten Baumaterialien kritisch zu beobachten, denn sie bilden die Basis der Leistungen und Fehlleistungen des Kulturwesens Mensch. Dabei geht es nicht nur um Aggression und Herrschaft, Hunger und sexuelles Begehren, die traditionellerweise den "Trieben" oder "Instinkten" zugeschrieben werden, sondern auch um Vorgaben der Weltdeutung und des Argumentierens, also die kognitive Ausstattung.
Josef H. Reichholf hat das Konzept des Gleichgewichts kritisch unter die Lupe genommen. Dem wurde teilweise so heftig widersprochen, dass man sich unwillkürlich fragt, welche unausgesprochenen Beweggründe hier am Werk sind. Reichholf hatte dargelegt, dass sich hinter der Gleichgewichts-Metapher eine Variante des naturalistischen Fehlschlusses verbirgt, also eines fehlerhaften logischen Manövers, mit dem man aus Tatsachen-Befunden normative Wertungen ableitet. Mit dem Begriff des Gleichgewichts soll nämlich ein bestimmter Zustand eines Ökosystems beschrieben und zugleich als Norm festgehalten werden.
Reichholf zeigt, dass dieser Gebrauch der Gleichgewichtsmetapher doppelt unbefriedigend ist. Erstens finden wir nirgends auf der Erde, wo Menschen hausen, so etwas wie ein 'natürliches' Gleichgewicht. Wer trotzdem so etwas fordert, versucht seinem eigenen Wunsch (der im übrigen durchaus berechtigt sein mag) die Autorität des 'Natürlichen' zu verschaffen. Und zweitens sind erstrebenswerte Gleichgewichtszustande eher die Ausnahme. Vollkommenes Gleichgewicht wäre Entropie und Tod. Gerade die Ungleichgewichte sind es, die das Leben erhalten; jeder Morgen, an dem die Sonne aufgeht, bringt ein gewaltiges Energiegefälle und damit einen gewaltigen Schub Ungleichgewicht in die Welt.
Aber weshalb fordert niemand biologisches Ungleichgewicht, sondern spricht lieber auch da von Gleichgewicht, wo gar kein "Gewicht" in einem wörtlichen Sinn auszumachen ist? Das Gleichgewicht der europäischen Mächte galt im 18. und 19. Jahrhundert als wünschenswert, sogar das Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg im 20., das humorale Gleichgewicht war für die alteuropäische Säftelehre sehr wichtig und ist es auch für die derzeitigen Ayurveda-Praktiken. Ökonomen halten ein Marktgleichgewicht für wünschenswert, Therapeuten das innere Gleichgewicht (vielleicht als Yin-Yang), beim Fotomaterial soll das Farbengleichgewicht stimmen und für jede Art von Komposition (musikalisch, bildnerisch, im Design ...) ist das Gleichgewicht eine wichtige Größe. "Gleichgewicht" (Balance, Homöostase usw.) ist offenbar in besonderem Maße geeignet, einen wünschenswerten Zustand zu bezeichnen. Was macht die Gleichgewichts-Metapher so attraktiv?
Die Gleichgewichtsmetapher gehört zur Klasse der Urmetaphern. Urmetaphern machen für die Plausibilisierung ihrer Botschaft genetische Dispositionen nutzbar, die sich vor Urzeiten in unsere Weltwahrnehmung eingegraben haben, weil sie das Überleben und die Reproduktion förderten. Wenn jemand das Gleichgewicht verliert, ist das ein äußerst gefährlicher Zustand. Jeder aufrechtstehende oder -gehende Organismus ist fortwährend damit beschäftigt, sein Gleichgewicht zu bewahren. Das gilt ganz besonders für den Zweibeiner. Entsprechend ist unsere Aufmerksamkeit unentwegt und ganz unbewusst auf Gleichgewicht gerichtet.
Metaphern entstehen erst mit der Sprache, und erst im Zustand der Kultur können sie ihre weltstrukturierende Wirkung entfalten. Kultur etabliert eine sprachgezeugte Zwischenwelt, die als eine Art Interface zwischen unseren alten, für sich genommen relativ starren Verhaltensprogrammen und den verschiedenen und wechselnden Problemen fungiert, die wir lösen müssen. Ihr wichtigster Mechanismus ist die Umdeutung von Auslösern. Das kann ungemein produktiv sein. Als Beispiel dient die Urmetapher 'Verwandtschaft'. Die Soziobiologie hat unter den Stichwörtern 'kin selection' und 'inclusive fitness' aufgezeigt, dass es unter den Lebewesen eine Art von natürlichem Altruismus gibt, nämlich dann, wenn es um das Wohlergehen der eigenen Verwandtschaft geht.
Grundlage dafür ist, dass verwandte Organismen eine ähnliche genetische Ausstattung haben. Wenn wir (oder irgendwelche Insekten) einem Verwandten helfen, dann begünstigen wir damit die Reproduktion unserer eigenen Gene, unter anderem auch jener, die uns zur Begünstigung unserer Verwandten veranlassen. Keine Säugetiermutter würde die Mühe auf sich nehmen, ein Kind großzuziehen, wenn sie nicht durch ihre genetische Ausstattung dazu gezwungen würde. Und von Menschenmüttern wissen wir, dass ihnen das gelegentlich sogar Freude macht. Aber auch unsere Geschwister, unsere Vettern und Basen, Nichten und Neffen teilen die Gene mit uns: Wer Vetternwirtschaft betreibt, folgt sozusagen dem Ruf der Natur.
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