Schmidbauer: Gut wäre es. Ein Chef mit einer reifen narzisstischen Struktur kann seine Geltungsbedürfnisse reflektieren, akzeptiert sie aber auch bei seinen Mitarbeitern. Der Unreife hält sich für den Größten und die anderen nicht als Partner bei Problemlösungen. Umgangssprachlich nennen wir Menschen mit unreifen narzisstischen Strukturen "Narzissten".
SPIEGEL: Wann bricht ein solches System?
Schmidbauer: Es hängt davon ab, wie viel Druck von außen wirkt. Aber solche Konstellationen können sich lange halten, auf einem unproduktiven, kräftezehrenden Niveau.
SPIEGEL: Warum haben Frauen häufig Hemmungen, sich in eine Vorgesetztenrolle zu begeben?
Schmidbauer: Sie sind oft zögerlicher und trauen sich weniger zu, leider. Sie haben Angst aufzufallen, als ehrgeizig oder machtbewusst zu gelten. Dabei sind Frauen meiner Meinung nach an die Moderne viel besser angepasst als Männer.
SPIEGEL: Inwiefern?
Schmidbauer: Männer haben eine große Tendenz, Dinge auf der kämpferischen, ja sogar auf der körperlichen Ebene auszutragen. Das sieht man ja bei Jungs sehr gut, die ihr Selbstgefühl gern über Kraftentfaltung organisieren. Frauen positionieren sich eher über die Beziehungsebene, schaffen Kontakte, vernetzen sich. Das sind die Qualitäten, die wir heute brauchen. Körperkraft, die braucht man vielleicht noch für die Müllabfuhr.
SPIEGEL: Vielleicht sollte ein Unternehmen gleich mehrere Führungspositionen mit Frauen besetzen?
Schmidbauer: Klar ist es leichter, in eine Gruppe hineinzufinden, wenn frau nicht alleine ist. Stellt man ein neues Team zusammen, ist es ja auch besser, nicht ein einzelnes Mitglied in eine bestehende Gruppe zu integrieren, sondern möglichst zwei oder drei Personen. Andererseits müssen einzelne Frauen den Anfang machen, sonst folgen andere nicht nach.
SPIEGEL: Was fällt Chefs am schwersten?
Schmidbauer: Womit sich viele sehr schwertun, ist die Einfühlung in andere. Emotionale Intelligenz oder Empathie heißt das heute und meint nichts anderes als zu verstehen, wie andere Leute ticken. Das lässt sich nicht einfach mechanisch durch Regeln lernen. Das ist eine emotionale Aufgabe, es hat auch mit Verständnis für die eigenen Schwächen zu tun.
SPIEGEL: Männer, die in Unternehmen zu viele Gefühle zeigen, gelten ja schnell als Problemfälle.
Schmidbauer: Stimmt, Männer haben es nicht leicht. Aber sie können viel an Empathie lernen, dafür eignet sich Coaching schon sehr gut. Ein guter Chef versteht die Anerkennungsbedürfnisse seiner Mitarbeiter und hält sein Team auf einem entsprechenden Kurs. Kommt es beispielsweise zu Mobbing in einer Abteilung, ist meist schon etwas schiefgelaufen, da wurden Anerkennungs- und Kooperationsdefizite im Vorstadium nicht erkannt.
SPIEGEL: Gerade harte Formen des Mobbings werden doch gern eingesetzt, um bestimmte Mitarbeiter loszuwerden.
Schmidbauer: Mobbing wird tatsächlich oft betrieben, wenn man jemanden nicht kündigen kann. Und oft stellen Chefs irritiert fest, wie lange Mitarbeiter trotz Mobbings auf ihrer Stelle ausharren. Gemobbte verlieren das Selbstvertrauen, das sie benötigen würden, um sich eine neue Stelle zu suchen.
SPIEGEL: Was soll jemand auch tun, der Ende vierzig ist und zwei Kinder in der Ausbildung hat.
Schmidbauer: Genau. Der kündigt nicht, wenn er gemobbt wird, der wird eher krank. Natürlich halte ich diese Formen der Ausgrenzung für eine destruktive Maßnahme. Und sie ist auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit.
SPIEGEL: Sind regelmäßige Gespräche nicht ein gutes Führungsmittel?
Schmidbauer: Guter Kontakt zum Personal wird nicht automatisch über Mitarbeitergespräche gefunden, solche Maßnahmen können purer Formalismus sein. Ein Chef muss integrativ wirken wollen und können, er muss die richtigen Fragen stellen und zuhören können und auch sicherstellen, dass er verstanden wird. Ein formales Gerüst hilft, führt aber zu Problemen, wenn es persönliche Kreativität ersetzen soll.
SPIEGEL: Der neue US-Präsident Barack Obama hat kürzlich ganz offen einen Fehler eingeräumt, es ging um seinen Wirtschaftsminister. Wie beurteilen Sie das?
Schmidbauer: Ich denke, es ist Obamas Stil, sich für Fehler zu entschuldigen. Ich glaube, er sagt sich: Zu meiner Identität passt es, Fehler zuzugeben. Und meiner Meinung nach ist das die bessere Haltung für einen Boss, keine Frage.
Das Interview führten SPIEGEL-Redakteure Angela Gatterburg und Rainer Traub.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH