Von Markus Becker
Wer der Bundesdrogenbeauftragten zuhörte, konnte fast den Eindruck gewinnen, dass die deutsche Jugend in Sachen Trinken und Rauchen auf dem besten Weg zur Vernunft sei. Noch 2001 hätten 28 Prozent der 12- bis 17-Jährigen geraucht, sagte Sabine Bätzing (SPD) bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts 2008 am Montag. 2008 seien es nur rund 15 Prozent gewesen. "Unser Ziel waren 17 Prozent. Das haben wir damit übererfüllt."
Das gleiche gelte für den Alkohol- und Cannabiskonsum: Der Anteil der Minderjährigen, die mindestens einmal pro Woche getrunken haben, sank dem Bericht zufolge auf rund 17 Prozent (2004: 21 Prozent).
Zu Cannabis griffen noch 2,3 Prozent der 12- bis 17-Jährigen (2001: 3 Prozent).
"Diese Erfolge sind Verpflichtung zugleich", sagte Bätzing. Je geringer die Zahl der Konsumenten sei, desto geringer falle die Zahl der langjährigen Folgeerkrankungen aus. Eine Schreckenszahl hatte sie trotzdem zu melden: 23.165 Kinder und Jugendliche hätten mit Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das sei der höchste Wert seit der ersten Erhebung im Jahr 2000 und eine Steigerung um 143 Prozent.
Allerdings stammt diese Zahl nicht aus dem vergangenen Jahr, sondern aus 2007 - als das sogenannte Komasaufen laut dem Drogen- und Suchtbericht der Regierung einen rekordverdächtigen Wert erreicht hatte. 25,5 Prozent der Minderjährigen hatten damals angegeben, mindestens einmal während der letzten 30 Tage "Binge-Trinken" praktiziert zu haben. 2008 lag dieser Wert nur noch bei 20,4 Prozent.
Zweifel an den eigenen Statistiken
Eine Trendwende sei dennoch nicht in Sicht, sagte ein Sprecher Bätzings SPIEGEL ONLINE. Für 2008 lägen zwar keine endgültigen Zahlen über krankenhausreif betrunkene Jugendliche vor. Doch derzeit deute vieles darauf hin, dass sich der "lineare Aufwärtstrend", den man seit Jahren beobachte, auch 2008 und 2009 fortsetze. Auch eine Krankenkassen-Statistik über das sogenannte Komasaufen hatte das zuletzt nahegelegt.
Im Unterschied zu den "harten Zahlen" aus den Kliniken basiere der scheinbare Rückgang des Komasaufens im Drogenbericht 2008 nur auf Telefonumfragen - und die verlieren offenbar an Zuverlässigkeit, was der Sprecher auch zugab. Inzwischen habe man Experten zu Rate gezogen, "um zu prüfen, ob die Methode noch zeitgemäß ist".
Das wiederum wirft die Frage auf, ob die Erfolge, die Bätzing im Drogen- und Suchtbericht aufzählt, wahrhaftig sind oder die Zahlen bloß aufzeigen, dass sich die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen verändert hat.
Bezifferbare Erfolgsmeldungen werden im Wahlkampf dringend benötigt - das wurde auch bei der Vorstellung des Drogenreports überaus deutlich. Die geplanten nationalen Aktionsprogramme gegen Alkohol- und Tabakkonsum liegen nach wie vor auf Eis, weil die Union "aus wahltaktischen Gründen" eine Blockadehaltung einnehme, sagte Bätzing. Das sei "nicht zu begreifen". Sie warf Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) eine Kehrtwende auch aus Rücksicht auf Wirtschaftsinteressen vor.
Attacken gegen die Union
Die Pläne seien bereits abgestimmt gewesen, und es habe es nach langen Verhandlungen Kompromisse gegeben. So sei der Prüfauftrag weggefallen, die Promillegrenze für Alkohol am Steuer auf 0,3 zu senken. "Wir wollen den Kompromiss", sagte Bätzing. Von Unionsseite habe es aber "nur das platte Nein gegeben". Dabei sei nachgewiesen, dass vorgeschlagene Maßnahmen wie das Verbot von Plakataußenwerbung nützlich seien.
Schärfere Gesetze forderte Bätzing allerdings nicht. Die Regelungen des Jugendschutzgesetzes seien vollkommen ausreichend. "Der Mangel liegt im Vollzug", sagte die Drogenbeauftragte. So müsse bei Alkoholkontrollen härter durchgegriffen werden.
Auch sei die Zahl der erstmals registrierten Konsumenten harter Drogen im vergangenen Jahr gestiegen - um drei Prozent auf rund 19.200 Menschen. Allerdings haben die Ermittler 2008 seltener harte Drogen gefunden und auch geringere Mengen sichergestellt. Bei Heroin sank die Fallzahl gegenüber 2007 um drei Prozent, bei Kokain um knapp sechs Prozent, bei Crack um rund zehn Prozent. Gestiegen ist dagegen die Zahl der Sicherstellungen bei Ecstasy (8 Prozent), LSD (3 Prozent), Haschisch (5,6 Prozent) und Marihuana (12,7 Prozent). 1449 Menschen kamen im vergangenen Jahr durch Drogenkonsum ums Leben. Gegenüber 2007 ist das ein Anstieg um 55 Tote oder knapp vier Prozent.
Mit Material von dpa
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