Ich bin mit der Erwartung aufgewachsen, dass ich als Erwachsener zum Mars reisen würde. Ich habe erwartet, Krebs und Grippe - überhaupt alle Krankheiten - würden heilbar sein; Roboter würden die Arbeit verrichten; die Biochemie des Lebens wäre vollständig entschlüsselt; es wäre möglich, geschädigte Organe in jedem Krankenhaus wiederherzustellen; die Nationen dieser Welt würden friedlich nebeneinander her leben und dank neuer Technologien gedeihen; und die Physik wüsste, was sich im Inneren eines Schwarzen Lochs abspielt.
Ich habe große Veränderungen erwartet, die nicht eingetreten sind.
Wir sollten aufgeschlossen bleiben: Es ist nach wie vor möglich, dass sie noch eintreten werden. Es ist möglich, dass unerwartete Fortschritte alles verändern werden - in der Vergangenheit ist dies auch geschehen. Aber - wir sollten tatsächlich aufgeschlossen sein - es ist ebenso gut möglich, dass diese großen Veränderungen nicht stattfinden werden.
Vielleicht bin ich aufgrund meines eigenen Forschungsgebiets, der theoretischen Physik, vorbelastet. Ich bin mit einer Ehrfurcht und Bewunderung für die Physik der zweiten Hälfte des 19. und des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts aufgewachsen.
Welch ein Wunder! Die Entdeckung elektromagnetischer Felder und Wellen, das Verständnis der Thermodynamik mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die spezielle Relativitätstheorie, Quantenmechanik, die allgemeine Relativitätstheorie... gekrümmte Raumzeiten, Wahrscheinlichkeitswellen und Schwarze Löcher. Was für ein Fest! Die Welt verwandelte sich alle 10 Jahre vor unseren Augen, die Wirklichkeit wurde immer subtiler, immer schöner.
Ich wollte neue Welten sehen, bin in die theoretische Physik mit eingestiegen. Was ist in den letzten 30 Jahren Großartiges passiert? Wir sind uns nicht sicher. Vielleicht nicht viel. Es gibt große Träume, wie die Stringtheorie und Parallelwelten. Aber sind diese glaubwürdig? Wir wissen es nicht. Vielleicht hat dieselbe Leidenschaft, die mich in Richtung Zukunft bezaubert hat, große Teile der heutigen Forschung in sinnlose Sackgassenträume getrieben. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht verstehen wir tatsächlich, was vor dem Urknall passiert ist (ein "Big Bounce", also ein Großer Rückprall?) und was weit unten auf der Planck-Skala stattfindet ("Schleifen"? Raum und Zeit, die ihre Bedeutung verlieren?).
Wir sollten die Möglichkeit erwägen, dass wir langsam dorthin kommen - wir sollten fest daran arbeiten, dass wir tatsächlich dort ankommen. Aber wir müssen auch bereit sein zu erkennen, dass wir vielleicht nicht dort sind. Vielleicht sind unsere Träume genau das: Träume. Zu oft höre ich "der große Wurf steht unmittelbar bevor". Inzwischen schlafe ich eher ein, wenn ich höre, etwas stehe "unmittelbar bevor". In der Physik höre ich schon seit 15 Jahren, dass wir "kurz davor stehen, die Supersymmetrie zu beobachten".
Weckt mich bitte einfach, wenn wir tatsächlich angekommen sind.
Ich möchte nicht pessimistisch klingen. Ich möchte nur zur Vorsicht mahnen. Vielleicht wird uns das, was tatsächlich alles verändert, gar nicht besonders glamourös erscheinen.
Der Traktor und Hygiene haben alles verändert
Was hat in der Vergangenheit tatsächlich alles verändert? Hier zwei Beispiele: Bis vor ein paar Jahrhunderten arbeitete 95 Prozent der Menschheit auf dem Land als Bauern. Das heißt, von 100 Menschen waren 95 nötig, um die Gemeinschaft zu ernähren. Damit blieben ein paar Glückliche übrig, die alles andere erledigten. Heute arbeiten nur ein paar Prozent der Menschen auf den Feldern. Ein paar Wenige genügen, um alle anderen zu ernähren. Das bedeutet, der großen Mehrheit von uns - mich selber eingeschlossen, und meine Leser vermutlich auch - steht es frei, etwas anderes zu tun, am Aufbau der Welt mitzuarbeiten, die wir bewohnen - einer besseren, vielleicht.
Was hat eine so große Veränderung unseres Lebens ermöglicht? Vorwiegend ein einziges technisches Werkzeug: der Traktor. Diese bescheidene landwirtschaftliche Maschine hat unser Leben vielleicht noch mehr verändert als das Rad oder der elektrische Strom. Ein weiteres Beispiel? Hygiene. Unsere Lebenserwartung hat sich nahezu verdoppelt. Das verdanken wir überwiegend dem Händewaschen und dem Duschen. Veränderung entsteht oft dort, wo sie nicht erwartet wird. Die IBM-Geschäftsführung kam zu Beginn der Computer-Revolution zu der Einschätzung: "Der weltweite Markt für Computer beläuft sich höchstens auf ein paar Dutzend Geräte."
Was ist also die Moral der Geschichte? Voraussagen zu machen ist natürlich schwer, besonders wenn es um die Zukunft geht. Es ist gut, von großen Veränderungen zu träumen, aktiv nach ihnen zu suchen und für sie aufgeschlossen zu sein. Ansonsten stecken wir hier fest. Aber wir sollten uns nicht von der Hoffnung blenden lassen. Die Träume und Hoffnungen der Menschheit verwirklichen sich manchmal, manchmal scheitern sie in großem Stil. Das soeben zu Ende gegangene Jahrhundert weist bedeutende Beispiele von beidem auf. Bei der Edge-Frage geht es darum, was ich noch zu meinen Lebzeiten erleben werde, was alles verändern wird.
Was, wenn die Antwort einfach "Nichts" lautet? Sind wir in der Lage, Medienrummel von wahrer Substanz zu unterscheiden? Dolly mag ja wissenschaftlich gesehen wichtig sein, aber für mich ist sie einfach eine Zwillingsschwester, die auf eigenartige Weise zur Welt gekommen ist: Sie hat in meinem Leben nicht viel verändert, bisher nicht. Wird sie es tatsächlich tun?
Übersetzt von Daniel Bullinger
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Zum Nivea des SPIEGEL ON LINE: Den Papier-Spiegel bekomme ich schon ins Haus, seit ich gerade mal geradeaus lesen und denken kann. Und ich merkte sehr schnell - DER mus mit Bedacht und sehr kritisczh verdaut werden. SPON [...] mehr...
@ Weblinger: Kommt darauf an, was Sie als „nicht wesentlich niedriger" ansehen. Natürlich hat die hohe Kinder- und Müttersterblichkeit die durchschnittliche Lebenserwartung in vormodernen Zeiten verzerrt, aber da [...] mehr...
... die Älteren unter uns erinnern sich bestimmt noch ... so lange herrschte Dunkelheit und dann auf einmal und ganz plötzlich <Zapp!> und der erste Traktor ward "erfunden". Wahrlich eine Revolution ... und so [...] mehr...
Danke - das war selbst mir neu... ;-) Im Allgemeinen verwässert sich aber auch meiner Anschauung nach schleichend das Niveau vieler Artikel auf SPON - in der Wissenschaftsredaktion greift man abwechselnd gerne zu [...] mehr...
Justus von Liebig hat in seiner Jugend selbst eine Hungersnot mitgemacht. Das war vermutlich ein Grund dafür, dass er sich so intensiv damit beschäftigt hat, wie man die Nahrungsversorgung und das Überleben der Bevölkerung [...] mehr...
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