Waffentechnik
Wie Kims Kommunisten lernten, die Bombe zu bauen
Von Holger Dambeck
Nordkorea ist bettelarm - aber es betreibt Kernkraftwerke und schockiert die Welt mit einer eigenen Atombombe. Das Know-how dafür stammt aus der einstigen Sowjetunion und Pakistan. Ziel des Diktators Kim Jong Il: Er will die US-Regierung erpressen können.
Eine Atombombe zu bauen, ist nicht allzu schwer. Der wohl schwierigste Part ist die Beschaffung einer ausreichend großen Menge atomaren Sprengstoffs. Plutonium oder Uran-235 kommen dafür in Frage - Nordkorea hat, so viel steht fest, an beiden Optionen gearbeitet. Als
am 9. Oktober 2006 im Nordosten des Landes unterirdisch ein nuklearer Sprengsatz gezündet wurde, war klar, dass das arme, vom Rest der Welt streng isolierte Land nun zu den Atommächten gezählt werden musste.
REUTERS
Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il (zweiter von links): Geben und Nehmen zwischen Islamabad und Pjöngjang
Am Montag nun hat Nordkorea eine deutlich stärkere Bombe gezündet - mit einer Sprengkraft von 10 bis 20 Kilotonnen TNT. Dies entspricht den Bomben, die amerikanische Piloten 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen haben. Wie aber haben es die nach US-Schätzungen 3000 Wissenschaftler in Nordkorea geschafft, die Bombe zu bauen?
Nordkorea hat sich des Know-hows verschiedener Länder bedient. Viele Forscher haben in der einstigen Sowjetunion studiert. Die fähigsten Physiker, Chemiker und Ingenieure wurden nach Moskau oder in die benachbarte Forscherstadt Dubna geschickt. Die Anfänge der nordkoreanischen Atomforschung reichen weit zurück: In den sechziger Jahren errichtete die Sowjetunion einen kleineren Reaktor in dem asiatischen Land, weitere Meiler folgten.
In den neunziger Jahren erhärtete sich der Verdacht, dass Pjöngjang Kernwaffen bauen will. Aus einem Fünf-Megawatt-Reaktor war mehrfach Nuklearmaterial entnommen worden. Geheimdienste der USA, Chinas und Südkoreas mutmaßten, dass daraus Plutonium für ein bis sechs Sprengköpfe gewonnen wurde. Bereits 1994 gab es heftigen Streit zwischen Nordkorea und der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, deren Kontrolleure die Unstimmigkeiten in den Meilern des Landes aufgedeckt hatten.
Parallel zur Plutoniumgewinnung aus Brennstäben betrieb Nordkorea aber auch ein Programm zur Urananreicherung - wohl auch deshalb, weil dies ohne laufende Atommeiler möglich ist, die sich relativ leicht überwachen lassen. Für die Anreicherung braucht man Natururan, das zu mehr als 99 Prozent aus Uran-238 und nur zu 0,7 Prozent aus dem waffenfähigen Uran-235 besteht. Um beide Isotope zu trennen, benötigt man Hunderte präzise gearbeiteter Zentrifugen.
| Atomwaffen: Welche Staaten über welches Arsenal verfügen |
| Land |
strategische Sprengsätze |
nicht-strategisch |
gesamt |
| China |
130-200 |
120 |
250-320 |
| Frankreich |
350 |
0 |
350 |
| Indien |
50 |
unbekannt |
50+x |
| Israel |
100-200 |
unbekannt |
100-200 |
| Nordkorea |
5-12 |
0 |
5-12** |
| Pakistan |
40-70 |
unbekannt |
40-70 |
| Russland |
3300-3400 |
3000-8000 |
7200* |
| Großbritannien |
180-200 |
5 |
180-200 |
| USA |
5236 |
500 |
5736* |
Quelle: Center for Defense Information, Schätzungen, Stand Juli 2008
*Ohne eingelagerte oder in Reserve gehaltene Sprengsätze
**geschätzt anhand der angenommenen Menge von vorhandenem atomwaffenfähigen Plutonium |
Der Bau solcher Zentrifugen ist der Schlüssel zur Bombe - und Nordkorea besorgte sich Geräte und Know-how dafür aus Pakistan. Der Vater der pakistanischen Atombombe,
Abdul Qadir Khan, spielte wohl die zentrale Rolle beim Aufbau einer nordkoreanischen Infrastruktur zur Urananreicherung. 1992 reiste Khan zum ersten Mal nach Nordkorea.
Die "Khan Research Laboratories" versorgten seit Ende der achtziger Jahre Staaten wie Iran und Libyen mit Atomtechnik - und auch Nordkorea gehörte zu den Empfängern. Es war ein Geben und Nehmen zwischen Islamabad und Pjöngjang: Nordkorea bekam die Zentrifugentechnik - und lieferte Pakistan dafür Blaupausen und Prototypen seiner Mittelstreckenrakete "Nodong", die mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden kann.
Hinweise auf ein nordkoreanisches Urananreicherungsprogramm hatte es immer wieder gegeben. So
versuchte Nordkorea im Jahr 2003 mehr als 200 Aluminiumrohre in Deutschland zu kaufen, die nach Expertenaussagen für den Bau von Gas-Ultrazentrifugen bestimmt waren. Deutsche Ermittler konnten die Lieferung, für die es keine Ausfuhrgenehmigung gab, noch rechtzeitig stoppen.
Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass außer pakistanischen auch iranische Atomexperten immer wieder in Nordkorea gearbeitet haben. Auch Iran interessierte sich für die Raketentechnik aus dem Reiche Kim Jong Ils, die letztlich auf sowjetischen "Scud"-Raketen fußt.
Nordkorea könnte seine Atomtechnik sogar weiterverkauft haben: Im April 2008 präsentierte die CIA dem US-Kongress Fotos und Videos, die
eine Atom-Connection zwischen Syrien und Nordkorea belegen sollen. Das stalinistische Land soll Syrien demnach beim Bau eines Atomreaktors geholfen haben.
Warum aber provoziert ein bitterarmes Land wie Nordkorea mit einem Atomtest die ganze Welt? Beobachter werten das Nuklearprogramm vor allem als Erpressungsversuch:
Nordkorea kämpft damit um diplomatische Anerkennung, vor allem der Regierung Obama.
Herrscher Kim Jong Il hofft auf volle diplomatische Beziehungen mit Washington, auf den Abzug der US-Truppen aus Südkorea und möglichst viele Zugeständnisse. Er braucht dringend Geld, Rohstoffe und Kraftwerke, um die eigene Wirtschaft anzukurbeln. Offenbar geht es Kim aber auch um die Anerkennung seiner Person: Die Amerikaner sollen ihn endlich als vollwertigen Partner behandeln, als großen und genialen Staatsmann.
Dafür lässt der Diktator Tausende Menschen an Bomben bauen, die Hunderttausende oder gar Millionen Menschen töten können.
Nordkoreas Atomprogramm
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Nordkoreas Atomprogramm
sorgt seit Jahren für Spannungen. Mit Hilfe von weitreichenden
Langstreckenraketen
ist das kommunistische Land unter dem "lieben Führer"
Kim Jong Il
offenbar fähig, zumindest seine Nachbarstaaten mit Nuklearwaffen zu erreichen. Das Land behauptet, genug
Plutonium
für sechs
Atombomben
zu besitzen.
Nordkorea
hatte sich zwar bei Unterzeichnung des
Atomwaffensperrvertrags
1985 verpflichtet, nukleare Anlagen nur zivil zu nutzen, im Geheimen aber waffenfähiges Uran angereichert. Als das Ende der neunziger Jahre bekannt wurde, wurde Nordkorea scharf kritisiert. Die USA stoppten die Hilfs- und Energielieferungen an das verarmte Land. Daraufhin kündigte Pjöngjang um die Jahreswende 2002/03 seine Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag und seine Zusammenarbeit mit der
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA)
. Die Uno-Inspektoren mussten das Land verlassen, alle Überwachungskameras wurden abmontiert.
Das
Atomprogramm Nordkoreas
hat seinen Anfang in den sechziger Jahren, als der "große Bruder"
Sowjetunion
dem kommunistischen
Nordkorea
ein Atomforschungszentrum mit dem Forschungsreaktor
Yongbyon
baute, der 1965 seinen Betrieb aufnahm. Auf Druck der UdSSR verpflichtete sich Nordkorea 1985 als Mitunterzeichner des
Atomwaffensperrvertrags
, die Kernkraft ausschließlich zivil zu nutzen. 1992 schloss es mit Südkorea ein Abkommen, die koreanische Halbinsel frei von Atomwaffen zu halten.
Doch schon Ende der achtziger Jahre, so sind sich westliche Geheimdienste heute sicher, kam es zu geheimen Deals zwischen Pakistan und Pjöngjang. Der pakistanische Ingenieur
Abdul Qadir Khan
lieferte demnach wesentliche Bestandteile für den Atombombenbau, während Pjöngjang Pakistan Prototypen ihrer Mittelstreckenraketen stellte, die mit atomaren Sprengköpfen bestückbar sind. Seit dieser Zeit verfügt Nordkorea über Nukleartechnologie.
Nach zähen Verhandlungen schloss der damalige US-Präsident
Bill Clinton
1994 mit Pjöngjang das
Genfer Rahmenabkommen
, das den Atomkonflikt regulieren und die Gefahr einer nordkoreanischen
Atombombe
verhindern sollte. Darin garantierte
Nordkorea
die Stilllegung seines grafitmoderierten Reaktors in
Yongbyon
, aus dem wohl damals schon nuklearwaffenfähiges Material abgezweigt worden war. Im Gegenzug verpflichteten sich die USA zur Lieferung von Erdöl und zum Bau von zwei Leichtwasserreaktoren, womit die Energieversorgung des verarmten Nordkoreas sichergestellt werden sollte. Allerdings regelte die Vereinbarung nur die
Plutoniumproduktion
, jedoch nicht die Möglichkeit, aus hochangereichertem
Uran
Kernwaffen herzustellen.
2003 begannen
Verhandlungen
über ein Ende des
nordkoreanischen Atomwaffenprogramms
. An den Gesprächsrunden aus sechs Nationen waren neben
Nordkorea
China, Russland, Japan, die USA und Südkorea beteiligt. Als Gegenleistung für die nukleare Abrüstung wurde dem vollkommen verarmten Nordkorea Wirtschafts- und Energiehilfe angeboten. Die Gespräche blieben jedoch zunächst ohne Ergebnis.
Im Februar 2005 gab
Kim Jong Il
offiziell den Besitz von Atomwaffen "zur Selbstverteidigung" bekannt.
Zum Abschluss der vierten Sechs-Länder-Gespräche im September 2005 verpflichtete sich Pjöngjang grundsätzlich zur Aufgabe aller Atomwaffen und Nuklearprogramme, das Atomprogramm lief aber im Geheimen weiter.
2007 zeichnete sich erneut eine Einigung im Atomstreit ab: Die nordkoreanische Seite sagte zu, seine Atomanlagen stillzulegen und die ausländischen Atominspekteure wieder zuzulassen. Im Gegenzug sollte das Land wirtschaftliche, humanitäre und Energiehilfe erhalten und von der US-Liste der den Terror unterstützenden Staaten gestrichen werden. Im Juni 2008 übergab Nordkorea eine seit Monaten überfällige Liste mit Einzelheiten seines Nuklearprogramms an China und sprengte den Kühlturm der abgeschalteten Atomanlage Yongbyon.
1998 löste das nordkoreanische Regime mit dem Test einer ballistischen Rakete vom Typ
Taepodong-1
weltweit Empörung aus. Im Oktober 2006 schockierte Nordkorea die Weltöffentlichkeit mit unterirdischen Atomwaffentests. Daraufhin beschloss der Uno-Sicherheitsrat einstimmig die
Resolution 1718
, in der der Atomtest verurteilt und Handels- und Finanzsanktionen gegen Nordkorea verhängt wurden.
Im April 2009 startete Pjöngjang eine Langstreckenrakete vom Typ
Taepodong-2
mit einer Reichweite von Tausenden Kilometern. Angeblich wurde auch ein Kommunikationssatellit ins All gebracht. Als der Weltsicherheitsrat den Raketenstart verurteilte, brach Pjöngjang die
Sechs-Parteien-Gespräche
erneut ab und kündigte die Wiederinbetriebnahme des stillgelegten
Atomzentrums Yongbyon
an. Am 25. Mai kam es zum zweiten unterirdischen Atombombentest. Die Sprengkraft der getesteten Atombombe wird seismologischen Messungen zufolge auf zehn bis 20 Kilotonnen geschätzt, das entspricht der Vernichtungskraft der Bombe, die 1945
Hiroshima
zerstörte. Nur einen Tag später startete das Regime zwei Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 130 Kilometern.
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