Mittwoch, 10. Februar 2010

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09.06.2009
 

Neurotechnologie

Mit Moraldoping zum besseren Menschen

Mit Wachmachern, Klugheitspillen und immer neuen, besseren Substanzen beeinflussen wir unseren Geist. Das Hirndoping für mehr Leistung ist ethisch zweifelhaft, findet der Philosoph Thomas Metzinger, fragt aber: Wie wäre es eigentlich, wenn es eines Tages Medikamente für mehr Anstand und Moral gäbe?

Bald werden wir in der Lage sein, die Denkfähigkeit und die Stimmung auch bei gesunden Personen zu verbessern. In Wirklichkeit ist es natürlich so, dass die "kosmetische Psychopharmakologie" längst in der westlichen Kultur angekommen ist: Unter Wissenschaftlern und US-amerikanischen Studenten breitet sich bereits seit einiger Zeit der Gebrauch von Psychostimulantien und neuen Wachmachern aus.

Antidepressivum Prozac: Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher
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AP

Antidepressivum Prozac: Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher

Wenn wir die Altersdemenz und den Gedächtnisverlust kontrollieren können, wenn wir Wachheit und Aufmerksamkeit ankurbeln oder Schüchternheit und die gewöhnliche Alltagstraurigkeit ausschalten können - warum sollten wir das dann nicht auch tun? Und warum sollten wir die ethische Entscheidung darüber, welche Rolle solche Medikamente bei unserem ganz persönlichen Lebensentwurf spielen, eigentlich ausgerechnet unseren Ärzten überlassen?

Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher. Es gibt immer mehr Leute, die ein rein kommerzielles Interesse daran haben, dass die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, was ein "normaler" geistiger Zustand ist, sich möglichst schnell verschieben. Etwas verändert sich: Der Raum möglicher Handlungsoptionen bei der Feineinstellung des eigenen Geistes vergrößert sich. Neurotechnologie wird zu Bewusstseinstechnologie, Mind Design ein Teil des persönlichen Lebensentwurfs. Wer soll die Entscheidung darüber fällen, welche dieser Veränderungen unser Leben bereichern und welche wir möglicherweise bereuen werden?

Das Medikament Modafinil ist vielleicht das beste Beispiel für Cognitive Enhancement, die Selbstverbesserung mit Hilfe neu entwickelter Medikamente. In einer Dosierung von 200 bis 400 Milligramm wird Modafinil zur Behandlung des Schichtarbeiter-Syndroms, exzessiver Tagesschläfrigkeit und Narkolepsie eingesetzt - einer Schlaflähmung, bei der es zu extremen Müdigkeitsattacken und einem Verlust der Muskelspannung kommen kann.

Normale Leute versetzt bereits eine einzige Pille Modafinil für einen Zeitraum von etwa zwölf Stunden in einen Zustand der Daueraufmerksamkeit, so wie man ihn vielleicht auch mit sechs Tassen Kaffee erreichen könnte - allerdings ohne lästige Nebenwirkungen wie Harndrang, Händezittern, Schwitzen oder Mundtrockenheit. Eine Pille Modafinil kostet etwa 2,30 Euro. In manchen Berufen - man denke nur an Finanzminister, Langstreckenpiloten, Scharfschützen, Notfallchirurgen - könnte es durchaus im Interesse der Allgemeinheit liegen, wenn man auf diese Weise die Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit anheben könnte. Der Deutsche Ethikrat zum Beispiel besteht aus 26 Mitgliedern. Man könnte ihn also relativ risikolos und für weniger als sechzig Euro einen ganzen Tag lang hellwach machen.

Hirnforschung wird zu Neurotechnologie

In den USA hat in den letzten Jahren die Zahl der gesunden Personen zugenommen, die die Substanz aus Karrieregründen nehmen: Cephalon, der Hersteller von Modafinil, gibt zu, dass etwa neunzig Prozent der Verschreibungen für einen Gebrauch außerhalb der zugelassenen Anwendung erfolgen. Die Pharmaindustrie weiß seit langem, dass die größten Profite zukünftig nicht mehr aus dem medizinischen, sondern aus dem Lifestyle-Markt kommen. Mit dem Internet hat sie außerdem ein weltweites Vertriebsnetz und zugleich die Möglichkeit für inoffizielle Langzeitstudien mit einer großen Anzahl freiwilliger Teilnehmer - legale Studien an Gesunden werden derzeit nicht genehmigt.

Es gibt in Europa, wo die Hemmschwellen für die Modifikation des eigenen Körpers traditionell höher liegen als in den USA, keinen Grund für Alarmismus. Die wissenschaftlich-technologische Entwicklung verläuft langsamer als in den Medien dargestellt, ist aber unumkehrbar und wird von kapitalistischer Verwertungslogik angetrieben. Doch all dies sind nur die Anfänge einer wesentlich umfassenderen Entwicklung: Hirnforschung wird zu Neurotechnologie. Teile der Neurotechnologie werden zur Bewusstseinstechnologie. Zusammen mit kommerziell verwertbaren neuen Handlungsmöglichkeiten entstehen auch neue Bedürfnisse - und damit schleichend - nicht nur in der Medizin - ein neues Verständnis davon, was eigentlich "normal" ist.

Wenn wir einmal verlässliche, alltagstaugliche Stimmungsaufheller für Gesunde haben, werden wir dann schlechte Laune oder das prämenstruelle Syndrom am Arbeitsplatz zunehmend als Ungepflegtheit und Verwahrlosung wahrnehmen? So wie wir etwa heute starken Körpergeruch als Belästigung empfinden? Müssen wir bald angesichts immer neuer Generationen von Cognitive Enhancers an unseren Schulen und Universitäten Urintests vor Prüfungen einführen? Hätten Sie etwas dagegen, wenn ältere Mitbürger oder auch Ihre Arbeitskollegen ständig leicht unter Strom stünden, leicht aufgekratzt und in bester Laune mit großem Eifer ihre Projekte verfolgen würden? Was hielten Sie von hedonic engineering für das dritte Lebensalter, etwa einer Anpassung des Geschlechtstriebs bei älteren Mitbürgern?

Gibt es eine "Echtheit" der menschlichen Natur?

Wichtige Stichworte in der aktuellen ethischen Debatte sind "Paternalismus" und "freiwillige Selbstausbeutung": Wie weit geht die Autonomie des Bürgers bei der technischen Manipulation des eigenen Gehirns? Was ist mit den sozial benachteiligten, bildungsfernen Schichten der Gesellschaft? Geht es jetzt vielleicht eher um Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, oder am Ende doch nur um die Medikalisierung gesellschaftlicher Probleme?

Fragwürdig ist auch die Warnung vor dem Verlust von "Authentizität", weil damit oft ein unveränderlicher Kern der menschlichen Person vorausgesetzt wird. Gibt es aber nicht doch so etwas wie eine "Echtheit" der menschlichen Natur, die man verlieren könnte? Führt diese Entwicklung in eine schleichende Kalifornisierung der Kultur? Werden wir bald alle zu aalglatten herzlichen Optimisten, stets freundlich und und umwerfend professionell - aber vollkommen unecht?

Genau wie wir uns bereits heute für eine Brustvergrößerung, für Schönheitschirurgie oder andere Arten von Körperveränderung wie Piercing oder Tätowierungen entscheiden können, so werden wir bald auch in der Lage sein, die neurochemische Landschaft in unseren Köpfen auf kontrollierte, fein abgestimmte Art und Weise zu verändern. Heute verändert sich die Nachfrage, die Technologie wird präziser, die Märkte größer. In unseren ultraschnellen, immer stärker wettbewerbsorientierten und skrupellosen modernen Gesellschaften stehen Wachheit, Konzentration, gefühlsmäßige Stabilität und Ausstrahlungskraft hoch im Kurs.

Heißt die Konsequenz dann: Wenn wir normale Leute schlauer machen können, dann sollten wir auch schlaue Leute noch schlauer machen!?

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ZUM AUTOR

Thomas Metzinger ist Philosoph und leitet an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz die Arbeitsbereiche Theoretische Philosophie, Neurophilosophie und Neuroethik. Derzeit ist er am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Anfang September erscheint unter dem Titel "Der Ego-Tunnel – Von der Hirnforschung zur Bewusstseinskultur" sein erstes allgemeinverständliches Buch, das sich auch mit den ethischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen der naturalistischen Wende im Menschenbild auseinandersetzt.

EDGE

Die Internetzeitschrift "Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt. Jedes Jahr wird ihnen eine Frage gestellt. Dieser Beitrag entstand als Antwort auf die Frage: Was wird alles verändern? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Beiträge exklusiv.

BUCHTIPP

Thomas Metzinger: "Der Ego-Tunnel"
Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik

Berlin Verlag; 352 Seiten; gebunden; 24,90 Euro. Erscheint am 5. September 2009.

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