SPIEGEL ONLINE: Herr von Hirschhausen, Sie haben eine Goldene Schallplatte für Ihre CD "Glücksbringer" gewonnen, Ihr Glücksbuch ist seit Monaten Top-Bestseller - betrachten Sie sich selbst jetzt als Glückspilz? Oder sehen Sie in Ihren Erfolgen eher das verdiente Glück des Tüchtigen?
SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihre Bühnenkarriere angefangen?
Hirschhausen: Schon als Student bin ich als Zauberkünstler bei Kindergeburtstagen aufgetreten.
SPIEGEL ONLINE: Und welche Art Glück bringen Sie Ihrem Publikum heute?
Hirschhausen: Ich verbinde Hirnforschung, Komik und therapeutische Metaphern. Man erfährt lachend über Spiegelneurone, warum Schokolade nie dauerhaft glücklich macht, und die Geschichte vom Pinguin. Als ich ihn zum ersten Mal richtig beobachtet habe, in einem Zoo, dachte ich: Du armes Würstchen, zu kurze Füße, zu schwache Flügel, Fehlkonstruktion - dann sprang er aber ins Wasser und war plötzlich sehr geschickt, schnell und elegant. Wie der Pinguin, so braucht auch der Mensch die richtige, zu ihm passende Umgebung, um glücklich zu sein. Ich muss sehen, in welchem Umfeld, in welchem Element ich florieren kann. Wer als Pinguin geboren wurde, wird auch durch sieben Jahre Therapie keine Giraffe. Deshalb raus aus der Wüste - und sein eigenes Wasser suchen. Die Geschichte wirkt: Ich kenne eine Frau, die daraufhin ihren Job gekündigt hat ...
SPIEGEL ONLINE: Um ins Kloster zu gehen?
SPIEGEL ONLINE: Ist die Sehnsucht nach Glück nicht so ewig und vergeblich wie die Sehnsucht nach dem einfachen Leben?
Hirschhausen: Es ist einfach, glücklich zu sein. Schwer ist nur, einfach zu sein. Nachhaltiges Glück, das über den glücklichen Augenblick hinausreicht, hat durchaus etwas mit Einfachheit und Einsicht zu tun. Glück ist Übungssache, wir machen oft nur die falschen Übungen.
SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie ein Beispiel.
Hirschhausen: Glück ist nichts Passives, sondern viel eher im aktiven Handeln als am Strand zu erleben. Mein liebstes Beispiel, die Bergwanderung: Sie erfordert Anstrengung, Aktivität, Überwindung des inneren Schweinehunds beim Aufstieg. Nach der Überwindung kommen der Stolz und die Zufriedenheit. Und der Kaiserschmarrn schmeckt auf dem Gipfel besser als im Tal!
SPIEGEL ONLINE: Es gibt das momentane Glücksgefühl, das Zufallsglück und das anhaltende Glück eines zufriedenen Lebens. Um diese drei Varianten kreisen unendlich viele Glücksdefinitionen und Glückspointen. Wie finden Sie sich darin zurecht?
Hirschhausen: Ich bin ja Mediziner, kenne die spezifischen Botenstoffe wie Dopamin und die zuständigen Hirnregionen und weiß: Derselbe Nervenreiz kann Unterschiedliches bedeuten, die Bewertung macht uns glücklich oder unglücklich, nicht das Signal. Wenn es im Magen grummelt und ich bin frischverliebt, denke ich: Super - ich habe Schmetterlinge im Bauch. Bin ich nicht gut drauf, bewerte ich das gleiche Signal als: nie wieder Fischbrötchen! Einen Unterschied zwischen dem was ist, und dem was ich daraus mache zu ziehen, ist das Glückswissen der Menschheit seit Jahrtausenden, vom Meditationsglück des alten Orients bis hin zur modernen "Flow"-Psychologie, dem Schwebe-Glück dessen, der konzentriert ein hohes Ziel erreicht. Eine weitere Orientierung bietet mir meine Sammlung konkreter Glücksmomente.
Hirschhausen: Ich verteile bei meinen Abendveranstaltungen Karten, auf denen die Leute mir kurz ihren wichtigsten Glücksmoment beschreiben. Damit improvisiere ich auf der Bühne. Das sind mittlerweile viele tausend Karten.
SPIEGEL ONLINE: Material für eine künftige Enzyklopädie des konkreten Glücks. Was sind auf diesen Karten die häufigsten Glücksmomente?
Hirschhausen: Geburt der Kinder, Liebesglück, überhaupt Erfolge in sozialen Beziehungen, manchmal auch Schadenfreude, komischerweise nie Materielles!
SPIEGEL ONLINE: Ihr Wappentier ist eine rosige Schweineschnauze. Muss man schweinisch handeln, um in dieser Welt glücklich zu werden?
Hirschhausen: Nein, das Schwein ist ein altes Glückssymbol. Es steht in der bäuerlichen Gesellschaft für Wohlstand, daher auch die Redewendung "Schwein haben".
SPIEGEL ONLINE: Der legendäre Hans im Glück verschenkt sein Schwein und bleibt trotzdem glücklich.
Hirschhausen: Das ist die asketische Glücksvariante: die Bedürfnislosigkeit. Reich ist, wer weiß, dass er genug hat.
SPIEGEL ONLINE: Woran erkennen Sie einen glücklichen Moment?
Hirschhausen: Am Zeitgefühl. Im konzentrierten Tun bin ich im Moment und vergesse die Zeit, das ist ein guter Indikator für Glücklichsein. Diese Zeit ist im Erleben kurz und in der Erinnerung lang, da zeigt sich die Fülle. Dagegen die Langeweile: Sie will im Erleben nicht enden und erscheint in der Erinnerung kurz.
SPIEGEL ONLINE: Braucht man zum Glücklichsein das heute so oft beschworene "positive Denken"?
Hirschhausen: Man wird nur dann unvermeidlich glücklich, wenn man das Unvermeidliche auch akzeptieren kann - Krankheit, Verlust, Tod, Endlichkeit. Die "Rosa-Denken-Kultur" versucht das auszublenden und muss deshalb scheitern. "Shit happens" - mal bist du die Taube, mal das Denkmal.
SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie manchmal nicht doch Ihren Arztberuf?
Hirschhausen: Ich bin ja weiter ärztlich tätig, nur eben in der Prävention. In der Klinik wäre ich Therapeut geworden, heute mache ich "Großgruppen-Therapie". Ich habe mal ausgerechnet: Wenn ich 1600 Leuten im Saal zweieinhalb Stunden lang zu etwas mehr Glück verholfen habe - dasselbe hätte mich in der Klinik, in therapeutischen Einzelsitzungen, ungefähr vier Jahre beschäftigt.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie bei Ihrer Glücksberatung mehr Prediger oder Komödiant?
Hirschhausen: Ich benutze den Zeigefinger, aber nicht zum Drohen, sondern zum Kitzeln. Klingt absurd, aber ich bin ein Komiker, der ernst genommen werden will. Und wird. Haha mit Aha.
Das Interview führte Mathias Schreiber
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