Von Angelika Franz
Im Jahr 2000 startete Clifford erneut eine Expedition, diesmal auf der Suche nach der "Adventure Galley", dem 1698 im Hafen der Île Sainte-Marie vor Madagaskar mutwillig versenkten Flaggschiff des legendären Captain Kidd.
Mit im Team war der Historiker und Unterwasserarchäologe John De Bry. Als Clifford bereits öffentlich die Entdeckung von Kidds Schiff feierte, bremste De Bry ihn aus. Was da am Grund des Hafens liege, sei nicht die Adventure Galley. Dafür aber ein viel spektakulärerer Fund: die 1721 gesunkene "Fiery Dragon" von Billy One-Hand Condent.
Denn obwohl die Geschichte sich lieber an Kidd erinnert, der tatsächlich nur ein einziges Schiff kaperte, war Condent der bei weitem erfolgreichere Pirat. Allein das Pilgerschiff, das er 1720 in der Nähe von Bombay unter seine Kontrolle brachte, wird heute auf einen Wert von 375 Millionen US Dollar geschätzt.
De Bry war sich sicher. Historische Überlieferungen bezeugen, dass die "Fiery Dragon" ebenfalls in jenem Hafenbecken unterging. Der Rahmen des gefundenen Wracks glich eher der holländischen Bauweise der "Fiery Dragon" als der englischen der "Adventure Galley". Und auch die Ladung datierte in die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts zurück - als Kidds Schiff schon längst auf dem Hafengrund rottete. Wertgegenstände wären auf der "Adventure Galley" gar nicht zu erwarten gewesen. Denn Kidd ließ den alten, wurmzerfressenen Kahn vollständig räumen, bevor er ihn versenkte.
Was Cliffords Taucher aber an die Oberfläche holten, zeugte von enormem Reichtum: feinstes chinesisches Porzellan, arabisches Geschirr, Kaurischnecken, Muskatnüsse und Aprikosenkerne. So verlockend es auch ist, darin die Ladung der "Fiery Dragon" erkennen zu wollen, einen endgültigen Beweis bleibt der Meeresgrund den Archäologen schuldig. "Und was unterschied die Ladung eines Piratenschiffes letztendlich von derjenigen der Handelsschiffe, die sie ausraubten?", fragt Skowronek.
Das letzte und wohl berühmteste in der Reihe der bekannten Piratenschiffe ist Blackbeards "Queen Anne's Revenge". Sie lief 1718 im Beaufort Inlet vor North Carolina auf eine Sandbank. Seit 1996 ist ihre genaue Lage bekannt.
Da Blackbeard vor dem Sinken des Schiffes noch genügend Zeit blieb, sämtliche Wertgegenstände von Bord bringen zu lassen, ist es für Schatzsucher allerdings kein attraktives Ziel. Taucher bargen immerhin mehrere Kanonen mit zugehörigen Kugeln, Keramik, Zinnteller, zwei ungeöffnete Weinflaschen, Tonpfeifen und eine größere Menge Eisenringe, die einst Holzfässer zusammengehalten hatten.
Die wohl interessantesten Funde sind ein Apothekergewicht aus Messing, der Hals einer Medizinflasche mit Korken sowie eine französische Harnröhrenspritze. Solche dienten früher dazu, bei Geschlechtskrankheiten Quecksilber zu injizieren. Handelt es sich hierbei etwa um die Reste von Blackbeards berühmtem Arztkoffer?
Über den rätseln die Historiker schon lange. Denn als der Pirat kurz vor dem Untergang seines Flaggschiffs den Hafen von Charleston belagerte, nahm er einige Geiseln. Seine Lösegeldforderung war nichts als ein gut gefüllter Arztkoffer. Allerdings verfügte wohl jedes Schiff über einen solchen Erste-Hilfe-Kasten, so dass auch diese Funde kein endgültiger Beleg für die tatsächliche Anwesenheit Blackbeards an Bord sind.
Warum nur sind die Piraten in der archäologischen Überlieferung quasi unsichtbar? Warum sind ihre Schiffe kaum von den ehrbaren Handelsschiffen jener Zeit unterscheidbar? Die Antwort ist ganz einfach: "Ein leicht erkennbarer Pirat wäre ein toter Pirat gewesen," sagt Skowronek.
Schließlich war auf seinen Kopf ein hoher Preis ausgesetzt.
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