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03.06.2009
 

Evolution der Emotion

Warum wir am Glück verzweifeln

Permanent glücklich sein? Viele würden das gar nicht wollen, sagt der Philosoph Thomas Metzinger - vielmehr ist der Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen. Denn die Evolution lässt ihm keine andere Wahl.

Eine hypothetische Frage drängt sich auf: Wenn wir die Gesamtmenge von Freude und Glück im Universum erhöhen könnten, indem wir es mit sich selbstständig vermehrenden und andauernd glückseligen Ego-Maschinen überfluten, sollten wir dies dann tun? Wären wir vielleicht sogar aus ethischen Gründen dazu verpflichtet?

Mann mit Kind: Wir wünschen uns, dass unsere Glückseligkeit gerechtfertigt ist
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Corbis

Mann mit Kind: Wir wünschen uns, dass unsere Glückseligkeit gerechtfertigt ist

Meine Annahme, dass die ersten Generationen von künstlichen Ego-Maschinen geistig behinderten menschlichen Säuglingen ähneln würden und mehr Schmerz, Verwirrung und Leiden in die Welt brächten als Freude, Glück oder Einsicht, könnte aus einer ganzen Reihe von Gründen empirisch falsch sein. Solche Maschinen könnten durchaus doch besser funktionieren, als wir dachten, und sich auch in einem viel größeren Ausmaß an ihrer eigenen Existenz erfreuen würden, als wir erwartet hätten.

Oder wir selbst - als Agenten der geistigen Evolution und Ingenieure der postbiotischen Subjektivität - würden einfach sorgsam darauf achten, dass diese Annahme immer empirisch falsch ist, indem wir nur solche bewussten Systeme konstruieren, die entweder unfähig sind, überhaupt phänomenale Zustände wie das subjektive Leiden zu haben, oder die sich wesentlich stärker an ihrem eigenen Dasein erfreuen könnten, als Menschen das tun. Angenommen, wir könnten sicherstellen, dass die positiven Bewusstseinszustände einer solchen Maschine die negativen stets überwiegen würden - dass sie ihre eigene Existenz jederzeit als etwas besonders Wertvolles und Erstrebenswertes erlebte. Nennen wir eine solche Maschine eine Glückseligkeitsmaschine.

Zum Autor

Thomas Metzinger ist Philosoph und leitet an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz die Arbeitsbereiche Theoretische Philosophie, Neurophilosophie und Neuroethik. Derzeit ist er am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Anfang September erscheint unter dem Titel "Der Ego-Tunnel – Von der Hirnforschung zur Bewusstseinskultur" sein erstes allgemeinverständliches Buch, das sich auch mit den ethischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen der naturalistischen Wende im Menschenbild auseinandersetzt.
Wenn wir das physikalische Universum mit Glückseligkeitsmaschinen überschwemmen und kolonisieren könnten, sollten wir dies dann tun? Wenn unsere neue Theorie des Bewusstseins uns irgendwann erlaubte, uns selbst von altmodischen biologischen Ego-Maschinen, die die psychologische Bürde der Schrecken ihrer evolutionären Geschichte tragen, in Glückseligkeitsmaschinen zu verwandeln - sollten wir dies dann tun?

Wahrscheinlich nicht. Zu einer Existenzform, die erstrebenswert ist, oder einem Leben, das wirklich lebenswert ist, scheint mehr zu gehören als eine bestimmte Qualität des subjektiven Erlebens. Man kann das ethische Problem der Vermehrung künstlicher oder postbiotischer Systeme nicht auf die Frage reduzieren, wie die Wirklichkeit - oder das Dasein des Systems - diesem System selbst auf der Ebene des bewussten Erlebens erscheinen würde.

Wahnvorstellungen können Glückseligkeit hervorrufen. Ein Krebspatient im Endstadium unter dem Einfluss höherer Dosierungen von Morphium und stimmungsaufhellenden Medikamenten kann durchaus ein sehr positives Selbstbild besitzen, so wie auch Drogensüchtige in den letzten Stadien noch gut funktionieren können. Menschliche Wesen haben seit Jahrhunderten versucht, sich selbst von Ego-Maschinen in Glückseligkeitsmaschinen zu verwandeln - auf pharmakologische Art und Weise oder durch die Annahme metaphysischer Glaubenssysteme und bewusstseinsverändernder Praktiken. Warum sind fast alle von ihnen gescheitert?

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Im neuen SPIEGEL 23/2009:

Was Glück ist
Eine Kulturgeschichte des schönsten Gefühls der Welt
Illustration Ludvik Glazer-Naudé für den SPIEGEL
In seinem Buch Anarchy, State, and Utopia schlug der Philosoph Robert Nozick das folgende Gedankenexperiment vor: Sie haben die Möglichkeit, sich an eine "Erlebnismaschine" anschließen zu lassen, die Sie in einem Zustand andauernden Glücks hält. Würden Sie dies tun? Interessanterweise fand Nozick heraus, dass die meisten Menschen sich nicht dafür entscheiden würden, den Rest ihres Lebens an eine solche Maschine angeschlossen zu verbringen. Der Grund dafür liegt darin, dass die meisten von uns der reinen Glückseligkeit als solcher keinen Wert zuweisen, sondern möchten, dass sie ihrerseits in einer Erkenntnis der Wahrheit, in ethischer Tugend, in einer künstlerischen Leistung oder irgendeinem anderen höheren Gut verankert ist. Wir wünschen uns mit anderen Worten, dass unsere Glückseligkeit gerechtfertigt ist. Wir wollen keine in einem Wahn gefangenen Glückseligkeitsmaschinen sein, sondern bewusste Subjekte, die aus einem Grund glücklich sind und die deswegen ihre eigene Existenz als etwas Erstrebenswertes erleben. Wir wollen eine außergewöhnliche Einsicht in das Wesen der Wirklichkeit, in moralische Werte oder Schönheit im Sinne objektiver Tatsachen.

Nozick war der Auffassung, dass diese Reaktion eine Widerlegung des Hedonismus sei. Er bestand darauf, dass wir nicht einfach nur das reine Glücklichsein wollen, wenn es nicht gleichzeitig auch einen echten Kontakt mit einer tieferen Wirklichkeit gibt - obwohl natürlich auch diese Form des subjektiven Erlebens im Prinzip simuliert werden könnte. Darum würden auch die meisten von uns nach reiflicher Überlegung die physikalische Welt nicht mit künstlichen, vor Glückseligkeit und liebevoller Güte überfließenden Ego-Maschinen überfluten wollen - zumindest nicht dann, wenn diese Maschinen sich dazu in einem andauernden Zustand der Selbsttäuschung befinden müssten.

Wir sollten keine künstlichen Ego-Maschinen erschaffen

Buchtipp

Thomas Metzinger: "Der Ego-Tunnel"
Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik

Berlin Verlag; 352 Seiten; gebunden; 24,90 Euro. Erscheint am 5. September 2009.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Dies führt uns jedoch zu einem weiteren Problem: Alles, was wir über die Transparenz phänomenaler Zustände gelernt haben, zeigt deutlich, dass man "tatsächlichen Kontakt mit der Wirklichkeit" und "Gewissheit" ebenfalls simulieren kann und dass die Natur genau das längst getan hat, indem sie in unseren Gehirnen den Ego-Tunnel entstehen ließ. Denken wir bloß an halluzinierte Agentivität oder an das Phänomen des falschen Erwachens aus der Traumforschung. Befinden wir uns vielleicht in einem Zustand andauernder Selbsttäuschung? Wenn es uns mit unserem eigenen Glück ernst ist und wenn wir nicht wollen, dass es einfach "bloß" hedonistisches Glück ist, dann müssen wir uns absolut sicher sein, dass wir uns nicht systematisch selbst täuschen. Wäre es nicht eine gute Sache, wenn eine neue, empirisch informierte Philosophie des Geistes und eine ethisch sensible Neurowissenschaft des Bewusstseins uns bei diesem Projekt unterstützen könnten?

Ich kehre zu meiner früheren Warnung zurück: Wir sollten alles unterlassen, was zu einer Erhöhung der Gesamtmenge des Leidens und der Verwirrung in der Welt führt. Ich will hier auf keinen Fall dafür argumentieren oder es als eine etablierte Tatsache hinstellen, dass bewusstes Erleben in seiner menschlichen Erscheinungsform etwas Negatives ist oder letztlich nicht im Interesse des Erlebnissubjekts liegt. Ich glaube, dass dies eine vollkommen sinnvolle, absolut relevante, aber auch eine offene Frage ist. Worum es mir aber geht, ist, dass wir keine künstlichen Ego-Maschinen erschaffen oder auf dem Umweg über die Auslösung einer Evolution zweiter Ordnung erzeugen sollten, und zwar deshalb nicht, weil wir uns an wenig mehr orientieren können als dem Beispiel und der funktionalen Struktur unseres eigenen phänomenalen Geistes. Infolgedessen ist es wahrscheinlich, dass wir nicht nur eine Kopie unserer eigenen psychologischen Struktur erzeugen würden, sondern auch eine suboptimale Version derselben. Und ich weise noch einmal darauf hin, dass dies letztlich mit der Ethik des Risikos zu tun hat.

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