Eine hypothetische Frage drängt sich auf: Wenn wir die Gesamtmenge von Freude und Glück im Universum erhöhen könnten, indem wir es mit sich selbstständig vermehrenden und andauernd glückseligen Ego-Maschinen überfluten, sollten wir dies dann tun? Wären wir vielleicht sogar aus ethischen Gründen dazu verpflichtet?
Meine Annahme, dass die ersten Generationen von künstlichen Ego-Maschinen geistig behinderten menschlichen Säuglingen ähneln würden und mehr Schmerz, Verwirrung und Leiden in die Welt brächten als Freude, Glück oder Einsicht, könnte aus einer ganzen Reihe von Gründen empirisch falsch sein. Solche Maschinen könnten durchaus doch besser funktionieren, als wir dachten, und sich auch in einem viel größeren Ausmaß an ihrer eigenen Existenz erfreuen würden, als wir erwartet hätten.
Oder wir selbst - als Agenten der geistigen Evolution und Ingenieure der postbiotischen Subjektivität - würden einfach sorgsam darauf achten, dass diese Annahme immer empirisch falsch ist, indem wir nur solche bewussten Systeme konstruieren, die entweder unfähig sind, überhaupt phänomenale Zustände wie das subjektive Leiden zu haben, oder die sich wesentlich stärker an ihrem eigenen Dasein erfreuen könnten, als Menschen das tun. Angenommen, wir könnten sicherstellen, dass die positiven Bewusstseinszustände einer solchen Maschine die negativen stets überwiegen würden - dass sie ihre eigene Existenz jederzeit als etwas besonders Wertvolles und Erstrebenswertes erlebte. Nennen wir eine solche Maschine eine Glückseligkeitsmaschine.
Wahrscheinlich nicht. Zu einer Existenzform, die erstrebenswert ist, oder einem Leben, das wirklich lebenswert ist, scheint mehr zu gehören als eine bestimmte Qualität des subjektiven Erlebens. Man kann das ethische Problem der Vermehrung künstlicher oder postbiotischer Systeme nicht auf die Frage reduzieren, wie die Wirklichkeit - oder das Dasein des Systems - diesem System selbst auf der Ebene des bewussten Erlebens erscheinen würde.
Wahnvorstellungen können Glückseligkeit hervorrufen. Ein Krebspatient im Endstadium unter dem Einfluss höherer Dosierungen von Morphium und stimmungsaufhellenden Medikamenten kann durchaus ein sehr positives Selbstbild besitzen, so wie auch Drogensüchtige in den letzten Stadien noch gut funktionieren können. Menschliche Wesen haben seit Jahrhunderten versucht, sich selbst von Ego-Maschinen in Glückseligkeitsmaschinen zu verwandeln - auf pharmakologische Art und Weise oder durch die Annahme metaphysischer Glaubenssysteme und bewusstseinsverändernder Praktiken. Warum sind fast alle von ihnen gescheitert?
Nozick war der Auffassung, dass diese Reaktion eine Widerlegung des Hedonismus sei. Er bestand darauf, dass wir nicht einfach nur das reine Glücklichsein wollen, wenn es nicht gleichzeitig auch einen echten Kontakt mit einer tieferen Wirklichkeit gibt - obwohl natürlich auch diese Form des subjektiven Erlebens im Prinzip simuliert werden könnte. Darum würden auch die meisten von uns nach reiflicher Überlegung die physikalische Welt nicht mit künstlichen, vor Glückseligkeit und liebevoller Güte überfließenden Ego-Maschinen überfluten wollen - zumindest nicht dann, wenn diese Maschinen sich dazu in einem andauernden Zustand der Selbsttäuschung befinden müssten.
Wir sollten keine künstlichen Ego-Maschinen erschaffen
Thomas Metzinger: "Der Ego-Tunnel"
Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
Berlin Verlag; 352 Seiten; gebunden; 24,90 Euro. Erscheint am 5. September 2009.
Ich kehre zu meiner früheren Warnung zurück: Wir sollten alles unterlassen, was zu einer Erhöhung der Gesamtmenge des Leidens und der Verwirrung in der Welt führt. Ich will hier auf keinen Fall dafür argumentieren oder es als eine etablierte Tatsache hinstellen, dass bewusstes Erleben in seiner menschlichen Erscheinungsform etwas Negatives ist oder letztlich nicht im Interesse des Erlebnissubjekts liegt. Ich glaube, dass dies eine vollkommen sinnvolle, absolut relevante, aber auch eine offene Frage ist. Worum es mir aber geht, ist, dass wir keine künstlichen Ego-Maschinen erschaffen oder auf dem Umweg über die Auslösung einer Evolution zweiter Ordnung erzeugen sollten, und zwar deshalb nicht, weil wir uns an wenig mehr orientieren können als dem Beispiel und der funktionalen Struktur unseres eigenen phänomenalen Geistes. Infolgedessen ist es wahrscheinlich, dass wir nicht nur eine Kopie unserer eigenen psychologischen Struktur erzeugen würden, sondern auch eine suboptimale Version derselben. Und ich weise noch einmal darauf hin, dass dies letztlich mit der Ethik des Risikos zu tun hat.
Auf anderen Social Networks posten:
Ein Gemälde ist eine Folge von Pinselstrichen, ebenso wie ein Text eine Folge von Buchstaben ist. Was an Bedeutung hinter diesen Prozessen steckt, entsteht alleine im Bewusstsein des Erstellers oder in der Interpretation des [...] mehr...
Damit haben sie aber nicht mehr beschrieben als das Modell, mit dem der Mensch sich selbst zu Leibe gerückt ist, ganz im Sinne der Wahrheitsfindung. Jedoch erklärt Ihr äußerst nüchterner Ansatz nicht im Mindesten, was es heißt, [...] mehr...
Beide sind im Sinne der Evolution zweifellos förderlich angesichts einer feindlichen Umwelt. Dies gilt aber für die Tierwelt gleichermaßen. Das daraus resultierende Gefühl würde ich als Genugtuung oder Trtiumph bezeichnen. [...] mehr...
Ich stimme dem zu: "Der ist Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen". Die Schuld dafür gebe ich nicht der Evolution, sondern dem menschlichen Bewusstsein als letztes Hindernis auf dem Weg zum Glück. [...] mehr...
Ich war bei der angestrengten Lektüre des Artilels ständig auf der Suchen nach den Satire-Tags. Vergeblich. Eine erste Diagnose deutet darauf hin, dass der Autor in seiner Jugend den Film “Barbarella” gesehen hat, in dem eine [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH