Wir sollten jedoch der tieferen Frage nicht ausweichen. Kann man für den phänomenologischen Pessimismus argumentieren? Wir könnten diesen Begriff mit Hilfe der These definieren, dass die Form des phänomenalen Erlebens, die durch das menschliche Gehirn erzeugt wird, kein Gewinn ist, sondern eine Last: Wenn man den Mittelwert über den Zeitraum eines ganzen Lebens hinweg bilden könnte, dann wäre das Gleichgewicht zwischen Freude und Leiden bei fast allen Wesen mit dieser Form von Bewusstsein in Richtung auf das Letztere verschoben - unsere bewusste Existenz wäre ein Geschäft, das nicht die Kosten deckt. Von Buddha bis Schopenhauer gibt es eine lange philosophische Tradition, die im Wesentlichen postuliert, dass das Leben im Grunde nicht lebenswert ist. Ich werde die Argumente der Pessimisten hier nicht wiederholen, möchte aber darauf hinweisen, dass es jetzt eine neue Perspektive gibt, unter der man den uns bekannten Teil der physikalischen Welt und die Evolution des Bewusstseins betrachten kann: Nämlich als einen sich ausdehnenden Ozean des Leidens und der Verwirrung an einem Ort, wo es so etwas vorher nicht gegeben hat.
Glücklichsein war niemals ein Zweck an sich
In der Evolution der Nervensysteme auf unserem Planeten hat sowohl die Anzahl der einzelnen Bewusstseinssubjekte als auch die Tiefe ihres phänomenalen Zustandsraums (das heißt auch: der Reichtum und die Vielfalt der sinnlichen und gefühlsmäßigen Nuancen, in denen diese Subjekte leiden konnten) stetig zugenommen, und dieser Prozess ist noch nicht zu einem Ende gekommen. Die Evolution als solche ist kein Vorgang, den man verherrlichen könnte: Sie ist blind. Sie wird durch Zufallsereignisse angetrieben und nicht durch irgendeine Form von Einsicht. Sie ist absolut gnadenlos und hat Millionen unserer Vorfahren geopfert. Sie erfand das Belohnungssystem im Gehirn ebenso wie positive und negative Gefühle, um unser Verhalten zu motivieren. Sie stellte uns auf eine hedonische Tretmühle, die uns ständig zwingt, so glücklich wie eben möglich zu sein - uns gut zu fühlen -, ohne dass wir jemals einen stabilen Zustand erreichen. Aber wie wir jetzt sehr deutlich erkennen können, hat dieser Vorgang unser Gehirn und unseren Geist nicht in Richtung auf Glück oder Einsicht als solche optimiert. Biologische Ego-Maschinen wie Homo sapiens sind effizient und elegant, aber viele empirische Daten deuten auf die Tatsache hin, dass Glücklichsein niemals ein Zweck an sich war.
Vielmehr gibt es - wenn wir der naturalistischen Weltsicht folgen - überhaupt keine Zwecke. Strenggenommen gibt es noch nicht einmal Mittel - die Evolution ist einfach so geschehen. Natürlich sind in ihr so etwas wie subjektive Ziele und Zwecke entstanden und dann in unserem Bewusstsein erschienen, aber den Vorgang als Ganzes respektiert sie mit Sicherheit in keiner Weise. Die Evolution nimmt keine Rücksicht auf das Leiden der Einzelwesen. Wenn das zutrifft, ergibt sich aus der Logik der psychologischen Evolution, dass diese Tatsache der auf der hedonischen Tretmühle gefangenen Ego-Maschine am besten so weit wie möglich verborgen bleibt.
Es wäre ein Vorteil, wenn tiefere Einsichten in die Struktur des eigenen Geistes - Einsichten der gerade angedeuteten Art - sich nicht zu stark auf der Ebene seines bewussten Selbstmodells widerspiegeln würden. Viele neue Einsichten aus der evolutionären Psychologie zeigen, dass Selbsttäuschung eine sehr erfolgreiche Strategie sein kann - zum Beispiel wenn man andere Wesen auf besonders wirksame Weise täuschen muss. Aus einer traditionellen evolutionären Perspektive gesehen, ist der philosophische Pessimismus eine Fehlanpassung, ein gefährlicher Verlust der "geistigen Gesundheit", zumindest im rein biologischen Sinne. Aber nun beginnen die Dinge sich zu verändern: Die Wissenschaft greift zunehmend auf störende Weise in unsere natürlich entwickelten Verdrängungsmechanismen ein; sie beginnt zunehmend Licht auf diesen blinden Fleck im Ego-Tunnel zu werfen.
Wahrheit könnte so wertvoll sein wie Glück
Wahrheit könnte mindestens genauso wertvoll sein wie Glück. Man kann sich leicht jemanden vorstellen, der ein ziemlich erbärmliches und unglückliches Leben führt, während er gleichzeitig bedeutende Beiträge zu Philosophie oder Wissenschaft leistet. Eine solche Person leidet womöglich unter starken Schmerzen oder unter Einsamkeit und Selbstzweifel, aber man könnte ihr Leben mit Sicherheit dennoch als wertvoll betrachten - etwa aufgrund des Beitrags, den sie zum Erkenntnisfortschritt der Menschheit leistet. Wenn sie selbst das ebenfalls glaubt, dann könnte sie sogar eine bewusst erlebte Form von Trost in dieser Überzeugung finden. Ihre Form von Glück wäre darum von ganz anderer Art als das Glück unserer Glückseligkeitsmaschinen oder der Versuchspersonen, die an Robert Nozicks Erlebnismaschine angeschlossen wurden.
Sicher würden viele zustimmen, dass diese "epistemische" Art von Glück sehr viel Unglück vom rein phänomenalen Typ aufwiegen kann. Dasselbe ließe sich wohl für künstlerische Leistungen oder moralische Integrität als Quellen des Glücklichseins sagen. Wenn es denn überhaupt einen klaren und deutlichen Sinn gibt, in dem man über den "Wert" der menschlichen Existenz sprechen kann, dann müssen wir auch zugeben, dass dieser von mehr abhängt als einfach nur dem bewussten Erleben von Glück.
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Der Ego-Tunnel"
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