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Evolution der Emotion Warum wir am Glück verzweifeln

2. Teil: Wir sind immer nur so glücklich wie eben möglich

Wir sollten jedoch der tieferen Frage nicht ausweichen. Kann man für den phänomenologischen Pessimismus argumentieren? Wir könnten diesen Begriff mit Hilfe der These definieren, dass die Form des phänomenalen Erlebens, die durch das menschliche Gehirn erzeugt wird, kein Gewinn ist, sondern eine Last: Wenn man den Mittelwert über den Zeitraum eines ganzen Lebens hinweg bilden könnte, dann wäre das Gleichgewicht zwischen Freude und Leiden bei fast allen Wesen mit dieser Form von Bewusstsein in Richtung auf das Letztere verschoben - unsere bewusste Existenz wäre ein Geschäft, das nicht die Kosten deckt. Von Buddha bis Schopenhauer gibt es eine lange philosophische Tradition, die im Wesentlichen postuliert, dass das Leben im Grunde nicht lebenswert ist. Ich werde die Argumente der Pessimisten hier nicht wiederholen, möchte aber darauf hinweisen, dass es jetzt eine neue Perspektive gibt, unter der man den uns bekannten Teil der physikalischen Welt und die Evolution des Bewusstseins betrachten kann: Nämlich als einen sich ausdehnenden Ozean des Leidens und der Verwirrung an einem Ort, wo es so etwas vorher nicht gegeben hat.

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Eine Kulturgeschichte des schönsten Gefühls der Welt
Illustration Ludvik Glazer-Naudé für den SPIEGEL
Natürlich trifft es zu, dass bewusste Selbstmodelle auch zum ersten Mal das bewusste Erleben von Freude und Glück in die physikalische Welt brachten - eine Welt, in der vorher kein Phänomen dieser Art existiert hat. Aber es wird auch immer offenkundiger, dass die psychologische Evolution uns nicht für dauerhaftes Glück optimiert hat - ganz im Gegenteil, sie hat uns auf die hedonische Tretmühle gesetzt. Wir werden dadurch angetrieben, dass wir emotionale Sicherheit sowie Vergnügen und Freude suchen und Schmerzen und Depressionen vermeiden. Die hedonische Tretmühle ist der Motor, den die Natur erfunden hat, um den Organismus am Laufen zu halten. Wir können seine Struktur in uns selbst erkennen, aber wir werden niemals in der Lage sein, ihm zu entfliehen. Wir sind diese Struktur.

Glücklichsein war niemals ein Zweck an sich

In der Evolution der Nervensysteme auf unserem Planeten hat sowohl die Anzahl der einzelnen Bewusstseinssubjekte als auch die Tiefe ihres phänomenalen Zustandsraums (das heißt auch: der Reichtum und die Vielfalt der sinnlichen und gefühlsmäßigen Nuancen, in denen diese Subjekte leiden konnten) stetig zugenommen, und dieser Prozess ist noch nicht zu einem Ende gekommen. Die Evolution als solche ist kein Vorgang, den man verherrlichen könnte: Sie ist blind. Sie wird durch Zufallsereignisse angetrieben und nicht durch irgendeine Form von Einsicht. Sie ist absolut gnadenlos und hat Millionen unserer Vorfahren geopfert. Sie erfand das Belohnungssystem im Gehirn ebenso wie positive und negative Gefühle, um unser Verhalten zu motivieren. Sie stellte uns auf eine hedonische Tretmühle, die uns ständig zwingt, so glücklich wie eben möglich zu sein - uns gut zu fühlen -, ohne dass wir jemals einen stabilen Zustand erreichen. Aber wie wir jetzt sehr deutlich erkennen können, hat dieser Vorgang unser Gehirn und unseren Geist nicht in Richtung auf Glück oder Einsicht als solche optimiert. Biologische Ego-Maschinen wie Homo sapiens sind effizient und elegant, aber viele empirische Daten deuten auf die Tatsache hin, dass Glücklichsein niemals ein Zweck an sich war.

Vielmehr gibt es - wenn wir der naturalistischen Weltsicht folgen - überhaupt keine Zwecke. Strenggenommen gibt es noch nicht einmal Mittel - die Evolution ist einfach so geschehen. Natürlich sind in ihr so etwas wie subjektive Ziele und Zwecke entstanden und dann in unserem Bewusstsein erschienen, aber den Vorgang als Ganzes respektiert sie mit Sicherheit in keiner Weise. Die Evolution nimmt keine Rücksicht auf das Leiden der Einzelwesen. Wenn das zutrifft, ergibt sich aus der Logik der psychologischen Evolution, dass diese Tatsache der auf der hedonischen Tretmühle gefangenen Ego-Maschine am besten so weit wie möglich verborgen bleibt.

Es wäre ein Vorteil, wenn tiefere Einsichten in die Struktur des eigenen Geistes - Einsichten der gerade angedeuteten Art - sich nicht zu stark auf der Ebene seines bewussten Selbstmodells widerspiegeln würden. Viele neue Einsichten aus der evolutionären Psychologie zeigen, dass Selbsttäuschung eine sehr erfolgreiche Strategie sein kann - zum Beispiel wenn man andere Wesen auf besonders wirksame Weise täuschen muss. Aus einer traditionellen evolutionären Perspektive gesehen, ist der philosophische Pessimismus eine Fehlanpassung, ein gefährlicher Verlust der "geistigen Gesundheit", zumindest im rein biologischen Sinne. Aber nun beginnen die Dinge sich zu verändern: Die Wissenschaft greift zunehmend auf störende Weise in unsere natürlich entwickelten Verdrängungsmechanismen ein; sie beginnt zunehmend Licht auf diesen blinden Fleck im Ego-Tunnel zu werfen.

Wahrheit könnte so wertvoll sein wie Glück

Wahrheit könnte mindestens genauso wertvoll sein wie Glück. Man kann sich leicht jemanden vorstellen, der ein ziemlich erbärmliches und unglückliches Leben führt, während er gleichzeitig bedeutende Beiträge zu Philosophie oder Wissenschaft leistet. Eine solche Person leidet womöglich unter starken Schmerzen oder unter Einsamkeit und Selbstzweifel, aber man könnte ihr Leben mit Sicherheit dennoch als wertvoll betrachten - etwa aufgrund des Beitrags, den sie zum Erkenntnisfortschritt der Menschheit leistet. Wenn sie selbst das ebenfalls glaubt, dann könnte sie sogar eine bewusst erlebte Form von Trost in dieser Überzeugung finden. Ihre Form von Glück wäre darum von ganz anderer Art als das Glück unserer Glückseligkeitsmaschinen oder der Versuchspersonen, die an Robert Nozicks Erlebnismaschine angeschlossen wurden.

Sicher würden viele zustimmen, dass diese "epistemische" Art von Glück sehr viel Unglück vom rein phänomenalen Typ aufwiegen kann. Dasselbe ließe sich wohl für künstlerische Leistungen oder moralische Integrität als Quellen des Glücklichseins sagen. Wenn es denn überhaupt einen klaren und deutlichen Sinn gibt, in dem man über den "Wert" der menschlichen Existenz sprechen kann, dann müssen wir auch zugeben, dass dieser von mehr abhängt als einfach nur dem bewussten Erleben von Glück.


Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Der Ego-Tunnel"

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insgesamt 34 Beiträge
Michael Giertz 03.06.2009
Der Mensch hat schlichtweg verlernt, Mensch (und damit glücklich) zu sein. Kurz und knapp. Wer die meisten Jahre seines Lebens damit vergeudet, nur für andere (respektive Arbeitgeber, Auftraggeber, ...) dazusein, wer Glück in [...]
Zitat von sysopPermanent glücklich sein? Viele würden das gar nicht wollen, sagt der Philosoph Thomas Metzinger - vielmehr ist der Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen. Denn die Evolution lässt ihm keine andere Wahl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,627576,00.html
Der Mensch hat schlichtweg verlernt, Mensch (und damit glücklich) zu sein. Kurz und knapp. Wer die meisten Jahre seines Lebens damit vergeudet, nur für andere (respektive Arbeitgeber, Auftraggeber, ...) dazusein, wer Glück in der Anhäufung von Reichtümern sucht, wer glaubt, Besitz und Macht würde glücklich machen - der hat aufgehört, ein Mensch zu sein. Der glückliche Mensch ist zufrieden mit dem, was er hat. Er ist nicht darauf erpicht, mehr zu bekommen. Und dennoch ist der glückliche Mensch nicht faul, denn Glück will gewahrt, verteidigt und erarbeitet werden. Unsere Gesellschaft mit all ihren Zwängen, Pflichten, Verboten usw verhindert effektiv das Glücklichsein. Noch Fragen? PS: Mein persönliches Glück finde ich in der eigenen Familie. Hoffentlich irgendwann mal.
fintenklecks 03.06.2009
Wir erkennen erst, dass wir im Paradies gewesen sind, wenn wir aus ihm vertrieben wurden. Sowohl Unglück und Glück bringt uns in unserer Entwicklung weiter. Voraussetzung ist das Mensch sein und ein klarer Geist, wie mein [...]
Zitat von sysopPermanent glücklich sein? Viele würden das gar nicht wollen, sagt der Philosoph Thomas Metzinger - vielmehr ist der Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen. Denn die Evolution lässt ihm keine andere Wahl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,627576,00.html
Wir erkennen erst, dass wir im Paradies gewesen sind, wenn wir aus ihm vertrieben wurden. Sowohl Unglück und Glück bringt uns in unserer Entwicklung weiter. Voraussetzung ist das Mensch sein und ein klarer Geist, wie mein Vorredner beschrieb. Glück kann man nicht hinterher jagen, es kommt unverhofft. "Das haltbare Glück ahnt der Mensch fernab von sich selbst, das unhaltbare Glück lehrt ihn den Augenblick zu lieben.
Fritz Katzfuß 03.06.2009
sind doch alesamt Sozialdarwinisten, oder? jetzt wollen sie aus ihrer absurden Theorie sogar ableiten, dass der Mensch nicht glücklich sein kann. sie übershen aber, dass sie das so sehen, weil er nicht glücklich sein darf.
sind doch alesamt Sozialdarwinisten, oder? jetzt wollen sie aus ihrer absurden Theorie sogar ableiten, dass der Mensch nicht glücklich sein kann. sie übershen aber, dass sie das so sehen, weil er nicht glücklich sein darf.
+Beobachter- 03.06.2009
Echtes, tiefes Glück ist zweifelsfrei ein anzustrebender Zustand, insbesondere dann, wenn es auf Unabhängigkeit beruht. Meistens wird "Glück" nur in Abhängigkeit empfunden, was auch nach engagiertester Diskussion [...]
Zitat von sysopPermanent glücklich sein? Viele würden das gar nicht wollen, sagt der Philosoph Thomas Metzinger - vielmehr ist der Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen. Denn die Evolution lässt ihm keine andere Wahl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,627576,00.html
Echtes, tiefes Glück ist zweifelsfrei ein anzustrebender Zustand, insbesondere dann, wenn es auf Unabhängigkeit beruht. Meistens wird "Glück" nur in Abhängigkeit empfunden, was auch nach engagiertester Diskussion nicht wirklich erstrebenswert sein kann, da auf diese höchst oberflächliche Emotion nur allzu oft Enttäuschung und Frustration folgen. Der wichtigste und zugleich disputivste Aspekt in dem Artikel ist demnach das Argument "Wahrheit", welches meiner Meinung nach eine völlig andersartige Definition von "Glück" erlebbar macht. Die Hingabe an eine unpersönliche Wahrheit führt zweifelsfrei zu schmerzhaften Erfahrungen für die Person, darüber hinaus aber auch zu sich dadurch eröffnende innere Räume, die parallel z.B. Trauer, Schmerz und Wut fühlbar machen, welche weitläufig nicht mit der etablierten Definition von "Glück" vereinbar sind, und dennoch durch ein bewusstes Einverständnis zu Dankbarkeit und somit zu echtem Glück führen können. Jede erlebbare Situation hat das uneingeschränkte Potential zur bewußten Wahrnehmung - das Problem ist die mangelnde Bereitschaft zur uneingeschränkten Reflektion. Und somit ist als Folge der transzendierende Glückliche niemals nur eine auf Dumpfheit basierende Emotionsmaschine.
Michael Giertz 03.06.2009
So sieht's aus. Unsre gesamte Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, dass niemand wirklich "glücklich" ist. Nur der unglückliche Mensch sucht sein Heil im Konsum, im Geldausgeben bzw -verdienen, im Anhäufen von [...]
Zitat von Fritz Katzfußsind doch alesamt Sozialdarwinisten, oder? jetzt wollen sie aus ihrer absurden Theorie sogar ableiten, dass der Mensch nicht glücklich sein kann. sie übershen aber, dass sie das so sehen, weil er nicht glücklich sein darf.
So sieht's aus. Unsre gesamte Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, dass niemand wirklich "glücklich" ist. Nur der unglückliche Mensch sucht sein Heil im Konsum, im Geldausgeben bzw -verdienen, im Anhäufen von Reichtümern und Macht. Glücklich wird er trotzdem nicht. So. Wenn ich, ein Agnostiker, unbeleckt von spirituellen Erfahrungen und ähnliches, weder besonders gebildet oder gescheit, das weiß, warum dann tun sich die ach so Weisen so schwer damit?
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