Washington - Auf den ersten Blick erscheint der Vorwurf widersinnig: Kranken- und Lebensversicherer in den USA, Kanada und Großbritannien sollen gewaltige Anteile an Tabakkonzernen besitzen, obwohl deren Produkte die Kosten für die Assekuranzen eigentlich erhöhen müssten. Doch genau das ist der Fall, wie drei US-Mediziner jetzt im renommierten Fachblatt "New England Journal of Medicine" (NEJM) schreiben.
Wesley Boyd, David Himmelstein und Steffie Woolhandler rechnen vor, dass sieben große Versicherer in den Ländern derzeit Aktien von Zigarettenherstellern im Wert von über 4,4 Milliarden Dollar (3,1 Milliarden Euro) halten. Die meisten der genannten Unternehmen wiesen die Vorwürfe zurück.
Der britische Versicherer Prudential
etwa besitze Anteile für 1,4 Milliarden Dollar, berichten die Mediziner unter Berufung auf die Datenbank "Osiris", die täglich aktualisierte Zahlen über Unternehmen aus dem Bereich der Zigarettenindustrie bereithält. Prudential sei allein an der weltweiten Nummer zwei auf dem Markt für Tabakprodukte, der British American Tobacco (BAT)
mit Sitz in London, mit 871 Millionen Dollar beteiligt. Dem Konzern gehörten unter anderem die Marken Lucky Strike, Dunhill und Pall Mall. Der ebenfalls britische Wettbewerber Standard Life hält laut dem Bericht BAT-Aktien im Wert von rund 641 Millionen Dollar. Sein gesamtes Portfolio an Tabak-Titeln umfasse knapp 948 Millionen Dollar.
Der kanadische Versicherer Sun Life habe alleine 890 Millionen Dollar in den zum Tabakgiganten Altria
gehörenden Hersteller Philip Morris USA investiert, der für die Zigarettenmarken Marlboro und L&M bekannt ist. Insgesamt halte der Versicherer Tabak-Aktien im Wert von rund einer Milliarde Euro. Der US-Versicherer Prudential Financial investierte der Studie zufolge ebenfalls in Philip Morris USA sowie noch in zwei weitere Tabakkonzerne einen Gesamtbetrag von rund 264 Millionen Dollar (siehe Tabelle).
| Anteile von Versicherern an Tabak-Konzernen (Stand 26. März 2009) | ||||||
| Versicherer | Reynolds American | Imperial Tobacco | British American Tobacco | Lorillard | Philip Morris | Total |
| Prudential PLC | 513,2 | 871,4 | 1384,6 | |||
| Prudential Financial | 69,4 | 8,8 | 186,1 | 264,3 | ||
| Mass Mutual | 17,3 | 155,4 | 412,6 | 585,3 | ||
| New York Life | 13,0 | 0 | 13,0 | |||
| Northwestern Mutual | 22,8 | 10,8 | 202,2 | 235,8 | ||
| Standard Life | 307,0 | 641,2 | 948,2 | |||
| Sun Life | 125,7 | 889,9 | 1015,6 | |||
| Gesamt | 122,5 | 820,2 | 1512,6 | 300,7 | 1690,8 | 4446,8 |
| In Millionen Dollar; Quelle: Osiris / NEJM | ||||||
Die Autoren der Studie werfen den Versicherern vor, dass es ihnen nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern lediglich um Profite gehe. Obwohl es auf den ersten Blick widersprüchlich erscheine, verdienten die Konzerne sowohl mit dem Verkauf von Versicherungen als auch am Gewinn der Tabakkonzerne. Zwar mache der Tabakkonsum Menschen krank und erhöhe so die Kosten für die Versicherer. Zugleich aber würden Raucher häufig von Versicherungen ausgeschlossen oder müssten höhere Beiträge bezahlen, so die Autoren.
Die meisten Versicherer dementieren
Das US-Unternehmen Prudential Financial räumte seine Beteiligung an den Tabakkonzernen ein. Die Gesamtsumme von 264 Millionen Dollar sei "einigermaßen genau", sagte ein Unternehmenssprecher dem US-Magazin "Time". Die anderen Versicherer widersprachen den Vorwürfen dagegen teils heftig. Ein Sun-Life-Sprecher bezeichnete die Summe von mehr als einer Milliarde Dollar, die sein Unternehmen an Tabakkonzernen halten soll, als falsch. Tabak-Aktien machten nur 0,005 Prozent des insgesamt rund hundert Milliarden Dollar schweren Investment-Portfolios von Sun Life aus.
Auch die in dem Bericht kritisierten US-Versicherer Northwestern Mutual und MassMutual haben die jetzt veröffentlichten Daten in Frage gestellt. Eine Northwestern-Sprecherin sagte dem "Time Magazine", ihr Unternehmen habe nur 24 Millionen Dollar in Tabakkonzerne investiert - und nicht, wie das "NEJM" berichtet, 235 Millionen. MassMutual gab sogar an, lediglich 548.000 Dollar in Beteiligungen aus dem Tabak-Bereich investiert zu haben - und nicht 585 Millionen.
Wie diese gewaltigen Diskrepanzen zustande kommen, bleibt einstweilen offen. Studienautor Boyd vermutet, dass die "Osiris"-Datenbank alle Zahlen aus jeder Abteilung eines Unternehmens wie etwa Northwestern sammele, während die Firma selbst nur einen Teil der gesamten Beteiligungen nenne. Die Forscher haben 1995 bereits eine ähnliche Studie durchgeführt, bei der die gleichen Fragen auftauchten. Am Ende behielten die Mediziner recht.
mbe/AFP
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Sag ich auch immer. Aber wer hört schon auf mich? ;o) mehr...
War das schonmal anders? Ausser seit ein paar Jahren auf dem Papier? mehr...
Und wen wundert das jetzt? Etwa alle die, die am liebsten alle Infrastruktur privatisiert sehen wollen? Wenn man die Gesundheitsfürsorge für Menschen in die Hände von Konzernen legt, muss man damit rechnen, dass sie diese [...] mehr...
Auf den Punkt! Wir haben der Ökonomie schon das Primat über die Politik gelassen. Jetzt sind wir gerade dabei, auch noch die Moral zu schleifen - wenn Gewinnstreben und der Erfolg darin das einzige Kriterium für das Handeln von [...] mehr...
"Die Autoren der Studie werfen den Versicherern vor, dass es ihnen nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern lediglich um Profite gehe." Wieso "Vorwurf" in diesem Zusammenhang? Die Versicherer legen das [...] mehr...
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