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04.06.2009
 

Studie

Krankenversicherer sollen Milliarden in Tabakfirmen investiert haben

Eine Studie rückt große angelsächsische Kranken- und Lebensversicherer ins Zwielicht. Die Unternehmen halten demnach milliardenschwere Anteile an Tabakfirmen - und profitieren gleich doppelt. Eine Assekuranz bestätigt das Investment, andere Konzerne dementieren energisch.

Washington - Auf den ersten Blick erscheint der Vorwurf widersinnig: Kranken- und Lebensversicherer in den USA, Kanada und Großbritannien sollen gewaltige Anteile an Tabakkonzernen besitzen, obwohl deren Produkte die Kosten für die Assekuranzen eigentlich erhöhen müssten. Doch genau das ist der Fall, wie drei US-Mediziner jetzt im renommierten Fachblatt "New England Journal of Medicine" (NEJM) schreiben.

Zigarette: Versicherer sollen in großem Umfang an Tabakkonzernen beteiligt seinZur Großansicht
dpa

Zigarette: Versicherer sollen in großem Umfang an Tabakkonzernen beteiligt sein

Wesley Boyd, David Himmelstein und Steffie Woolhandler rechnen vor, dass sieben große Versicherer in den Ländern derzeit Aktien von Zigarettenherstellern im Wert von über 4,4 Milliarden Dollar (3,1 Milliarden Euro) halten. Die meisten der genannten Unternehmen wiesen die Vorwürfe zurück.

Der britische Versicherer Prudential Chart zeigen etwa besitze Anteile für 1,4 Milliarden Dollar, berichten die Mediziner unter Berufung auf die Datenbank "Osiris", die täglich aktualisierte Zahlen über Unternehmen aus dem Bereich der Zigarettenindustrie bereithält. Prudential sei allein an der weltweiten Nummer zwei auf dem Markt für Tabakprodukte, der British American Tobacco (BAT) Chart zeigen mit Sitz in London, mit 871 Millionen Dollar beteiligt. Dem Konzern gehörten unter anderem die Marken Lucky Strike, Dunhill und Pall Mall. Der ebenfalls britische Wettbewerber Standard Life hält laut dem Bericht BAT-Aktien im Wert von rund 641 Millionen Dollar. Sein gesamtes Portfolio an Tabak-Titeln umfasse knapp 948 Millionen Dollar.

Der kanadische Versicherer Sun Life habe alleine 890 Millionen Dollar in den zum Tabakgiganten Altria Chart zeigen gehörenden Hersteller Philip Morris USA investiert, der für die Zigarettenmarken Marlboro und L&M bekannt ist. Insgesamt halte der Versicherer Tabak-Aktien im Wert von rund einer Milliarde Euro. Der US-Versicherer Prudential Financial investierte der Studie zufolge ebenfalls in Philip Morris USA sowie noch in zwei weitere Tabakkonzerne einen Gesamtbetrag von rund 264 Millionen Dollar (siehe Tabelle).

Anteile von Versicherern an Tabak-Konzernen (Stand 26. März 2009)
Versicherer Reynolds American Imperial Tobacco British American Tobacco Lorillard Philip Morris Total
Prudential PLC 513,2 871,4 1384,6
Prudential Financial 69,4 8,8 186,1 264,3
Mass Mutual 17,3 155,4 412,6 585,3
New York Life 13,0 0 13,0
Northwestern Mutual 22,8 10,8 202,2 235,8
Standard Life 307,0 641,2 948,2
Sun Life 125,7 889,9 1015,6
Gesamt 122,5 820,2 1512,6 300,7 1690,8 4446,8
In Millionen Dollar; Quelle: Osiris / NEJM

Die Autoren der Studie werfen den Versicherern vor, dass es ihnen nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern lediglich um Profite gehe. Obwohl es auf den ersten Blick widersprüchlich erscheine, verdienten die Konzerne sowohl mit dem Verkauf von Versicherungen als auch am Gewinn der Tabakkonzerne. Zwar mache der Tabakkonsum Menschen krank und erhöhe so die Kosten für die Versicherer. Zugleich aber würden Raucher häufig von Versicherungen ausgeschlossen oder müssten höhere Beiträge bezahlen, so die Autoren.

Die meisten Versicherer dementieren

Das US-Unternehmen Prudential Financial räumte seine Beteiligung an den Tabakkonzernen ein. Die Gesamtsumme von 264 Millionen Dollar sei "einigermaßen genau", sagte ein Unternehmenssprecher dem US-Magazin "Time". Die anderen Versicherer widersprachen den Vorwürfen dagegen teils heftig. Ein Sun-Life-Sprecher bezeichnete die Summe von mehr als einer Milliarde Dollar, die sein Unternehmen an Tabakkonzernen halten soll, als falsch. Tabak-Aktien machten nur 0,005 Prozent des insgesamt rund hundert Milliarden Dollar schweren Investment-Portfolios von Sun Life aus.

Auch die in dem Bericht kritisierten US-Versicherer Northwestern Mutual und MassMutual haben die jetzt veröffentlichten Daten in Frage gestellt. Eine Northwestern-Sprecherin sagte dem "Time Magazine", ihr Unternehmen habe nur 24 Millionen Dollar in Tabakkonzerne investiert - und nicht, wie das "NEJM" berichtet, 235 Millionen. MassMutual gab sogar an, lediglich 548.000 Dollar in Beteiligungen aus dem Tabak-Bereich investiert zu haben - und nicht 585 Millionen.

Wie diese gewaltigen Diskrepanzen zustande kommen, bleibt einstweilen offen. Studienautor Boyd vermutet, dass die "Osiris"-Datenbank alle Zahlen aus jeder Abteilung eines Unternehmens wie etwa Northwestern sammele, während die Firma selbst nur einen Teil der gesamten Beteiligungen nenne. Die Forscher haben 1995 bereits eine ähnliche Studie durchgeführt, bei der die gleichen Fragen auftauchten. Am Ende behielten die Mediziner recht.

mbe/AFP

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