Mittwoch, 10. Februar 2010

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17.06.2009
 

Wüstenstrom

Die Sonne über der Sahara löst das Energieproblem

Von Jens Lubbadeh

Unerschöpflicher Strom aus der Wüste Nordafrikas, klimafreundlich erzeugt von gigantischen Spiegelkraftwerken. Deutsche Firmen wollen diese Vision Wirklichkeit werden lassen - doch noch sind einige Hürden zu nehmen.

Jeder, der einmal mit einer Lupe Löcher in Papier gebrannt hat, versteht das Konzept sofort: Gebündelte Sonnenstrahlen sind konzentrierte Energie. Denselben Effekt kann man auch mit Parabolspiegeln erreichen, um Wasser zu erhitzen und mit Dampf Turbinen anzutreiben, die wie ein Fahrraddynamo Strom erzeugen.

Solarthermie nennt man diese Form der Energiegewinnung, oder auch Concentrated Solar Power (CSP). Nicht zu verwechseln mit Photovoltaik, die mit Solarzellen arbeitet, welche aus Sonneneinstrahlung direkt Strom erzeugen.

Parabolrinnen-Kraftwerk "AndaSol 1": Low-tech, seit Jahrzehnten erprobt
DPA

Parabolrinnen-Kraftwerk "AndaSol 1": Low-tech, seit Jahrzehnten erprobt

Um mit Spiegeln Strom zu erzeugen, muss man dahin gehen, wo die Sonne ständig scheint: nach Nordafrika, in die Sahara. Dort regnet es förmlich Energie - ungenutzt. "In sechs Stunden geht auf die Wüsten der Erde so viel Sonnenenergie nieder, wie die gesamte Menschheit innerhalb eines Jahres verbraucht", sagt Gerhard Knies. Er hat das Desertec-Konzept mit entwickelt, seit Jahren kämpft er mit Gleichgesinnten für seine Vision. Und die geht so: In der Sahara baut man riesige Spiegelkraftwerke, erzeugt umwelt- und klimafreundlich Strom und exportiert ihn.

"Es ist die Lösung unseres Energieproblems", sagt Knies.

Wenn Gerhard Knies seine Vision präsentiert - und er hat dies in den vergangenen Jahren oft getan - beobachtet man unter den Zuhörern meistens immer die gleichen Reaktionen: Faszination. Dann Sprachlosigkeit. Und dann eine immer wiederkehrende große Frage:

Warum tut man es nicht einfach?

"Schon in den achtziger Jahren hat man Solarthermie-Kraftwerke in den US-Bundesstaaten Kalifornien und Nevada gebaut", erzählt Hans Müller-Steinhagen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er hat im Jahr 2005 das Desertec-Konzept auf Machbarkeit geprüft und genauere Kostenkalkulationen angestellt. "Die Kraftwerke waren eine Reaktion auf die ersten beiden Ölkrisen."

Die Kraftwerke laufen heute noch - ohne Probleme. Aber sie sind in Vergessenheit geraten. "Öl wurde nach den Ölkrisen wieder gnadenlos billig, keiner interessierte sich danach mehr für Solarthermie", sagt Müller-Steinhagen.

Die goldenen Zeiten sind vorbei, der Ölpreis steigt unaufhörlich, die Reserven gehen zur Neige. Auch bei der Kohle sehen Experten den Zeitpunkt der maximalen Förderung bald erreicht.

Nun offenbar ist die Zeit des Handelns gekommen: Ein Konsortium von 20 deutschen Firmen hat sich zusammengetan, um Desertec zu verwirklichen. Es sind keine Start-ups, keine Mittelständler, sondern Schwergewichte der deutschen Wirtschaft: Die Deutsche Bank, die Münchener Rück, Siemens und RWE wollen in die Wüstensonne investieren. Und es ist anzunehmen, dass weitere große Energieproduzenten ebenfalls mit an Bord sind.

Will man sich wirklich von Nordafrika abhängig machen?

Das Ziel: 15 Prozent des gesamteuropäischen Strombedarfs sollen bis zum Jahr 2050 solarthermisch erzeugt werden. Die Gesamtkosten dafür belaufen sich laut DLR-Kalkulation auf 400 Milliarden Euro. Nicht pro Jahr, sondern bis zum Jahr 2050. Allerdings nicht inflationsbereinigt - die Endsumme wird höher ausfallen.

STROM AUS DER WÜSTE

Sonnenkraft

Die Energie der Sonne bietet ein riesiges Potential: Pro Jahr gehen 630.000 Terawattstunden an ungenutzter Sonnenstrahlen-Energie auf die Wüsten in Nahost und Nordafrika nieder. Zum Vergleich: Ganz Europa verbraucht pro Jahr etwa 4000 Terawattstunden.

Desertec-Konzept

Solarthermie

Versorgungssicherheit

Leitungsnetz

Kosten

Vorteile

Nachteile

Nun endlich wird gehandelt - aber bezeichnenderweise tut es nicht die Politik, sondern die Konzerne. Nicht, um die Klimakatastrophe zu stoppen, sondern um ihr Geschäftsmodell zu erweitern, oder wie bei Stromgiganten, um es zu sichern. "Nun ist der Leidensdruck offenbar hoch genug", sagt Müller-Steinhagen. "Man hat erkannt, dass die Energiepreise weiter steigen werden, dass fossile Energieträger endlich sind." Die Energiekonzerne sehen in Desertec eine Erweiterung ihres Kerngeschäfts, so Müller-Steinhagen. "Sie wollen auch in 50 Jahren noch Strom bereitstellen, nur eben anders als heute."

Das aber zwingt sie zu neuen und nicht unbedingt willkommenen Partnerschaften: Tunesien, Marokko, Libyen, Sudan, Algerien, Ägypten, Palästina, Israel, Jordanien und Jemen heißen die Länder, in denen man Solarthermie-Kraftwerke errichten müsste. Dort gibt es viel Sonne, aber wenig politische Stabilität. Das schreckt Investoren ab und wird gemeinhin von Desertec-Kritikern ins Feld geführt. Will man seine Energieversorgung wirklich von solchen Ländern abhängig machen?

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