Was sich in den letzten Stunden der "Polar Mist" zutrug, weiß niemand so recht. Unstrittig ist, dass der kleine Fischkutter mit der offiziellen Registrierungsnummer 7946289 am 14. Januar den Hafen Punta Quilla im Süden Argentiniens verließ, mit Kurs auf Punta Arenas in Chile. Unstrittig ist auch, dass die acht Besatzungsmitglieder nur kurze Zeit nach dem Start der Reise in einen schweren Sturm gerieten - und ihr Quartier auf dem Schiff nach einer Hubschrauberrettungsaktion gegen eine Fahrt auf einem Boot der argentinischen Küstenwache eintauschten.
Doch was dann mit der 1980 gebauten "Polar Mist" geschah, ist nicht recht klar. Die Besatzung hatte das sturmgebeutelte Wasserfahrzeug in der Magellanstraße mit laufenden Motoren verlassen und auf einen Kreiskurs gesetzt. So sollte der an Bord befindliche Treibstoff aufgebraucht werden, um eine Umweltkatastrophe zu vermeiden. Nach rund einem Tag erreichte der chilenische Schlepper "Beagle" das Schiff, um es an die Leine zu nehmen. Doch nach einem missglückten Rettungsmanöver 40 Kilometer vor der Küste sank das Schatzboot, die Details sind nicht ansatzweise klar.
Pikant wird die Geschichte dadurch, dass sich an Bord des kleinen Schiffes eine Tonne Gold und achteinhalb Tonnen Silber der Minenunternehmen Cerro Vanguardia und Minera Triton befanden - mit einem Gesamtwert, der sich irgendwo zwischen 16 und 22 Millionen Dollar bewegt. Nach dem Untergang des Schiffs erfuhr die Welt zunächst rund einen Monat gar nichts von dem Vorfall. Doch nun ist die "Polar Mist" geortet worden; sie liegt 22 Seemeilen vor Cabo Vírgenes (siehe Karte unten).
Eine Inspektion des Wracks könnte Aufschluss darüber geben, was mit den Edelmetallen an Bord geschehen ist, die nach einem Bericht der "Neuen Zürcher Zeitung" eigentlich über Santiago de Chile zur Verfeinerung und zum Verkauf in die Schweiz gebracht werden sollten.
War die Bergungsaktion ein abgekartetes Spiel?
Bereits im April hatte es einen ersten Bergungsversuch gegeben. Er war jedoch wegen Streitigkeiten mit den Besatzungen mehrerer Bergungsschiffe, allen voran der "Skandi Patagonia", abgebrochen worden. Im Kern ging es um die Bezahlung der Seeleute.
Eine neuerliche Suchaktion nach dem versunkenen Schatzfrachter war dann von der Versicherungsgesellschaft Lloyds initiiert worden, die die wertvolle Ladung versichert hatte. Ihre Manager trieb der Verdacht um, dass die angeblich missglückte Bergungsaktion in Wirklichkeit ein abgekartetes Spiel gewesen sein könnte.
In diesem Fall würde also in 80 Metern Wassertiefe vor der patagonischen Küste ein ausgeplündertes Schiff liegen. Die fehlgeschlagene Schleppaktion wäre demzufolge nur ein Täuschungsmanöver gewesen, um den Diebstahl der Barren zu vertuschen.
Doch auch nach der Ortung der "Polar Mist" durch das Suchschiff "C Sailor" der holländischen Firma Maommet ist die entscheidende Frage noch nicht zu beantworten: Wo ist der Schatz? Laut argentinischen Medienberichten mussten die Sucharbeiten wegen schwerer See wieder unterbrochen werden. Eigentlich sollte ein Tauchroboter zu dem versunkenen Schiff hinabgelassen werden, der den Versicherungsmanagern Gewissheit bringen würde. Erst in den kommenden Tagen soll es einen neuen Versuch geben. Bis dahin müssen sich die Schatzsucher mit Sonarbildern zufriedengeben.
Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE bei Llloyds blieb zunächst unbeantwortet.
chs
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