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25.06.2009
 

Sexualverhalten

Mediziner wollen Kinderporno-Konsumenten therapieren

Von Christoph Seidler

Einer von hundert Männern in Deutschland fühlt sich von kindlichen Körpern angezogen, ergaben Forschungen Berliner Ärzte. Für Nutzer von kinderpornografischem Material im Internet gibt es nun ein neues Therapieangebot. Das leidet jedoch an Finanzschwäche.

Das Foto baut sich langsam auf, wird jede Sekunde ein bisschen größer. Zentral im Bild ein Mann im Unterhemd. Er hat seinen Arm um einen kleinen Jungen mit freiem Oberkörper gelegt. "Haben Sie den Wunsch, im Internet Kinderpornografie anzuklicken?", fragt eine Stimme aus dem Off. "Ihr Wunsch ist kein Missbrauch, aber das Anklicken ist Missbrauch." Mit einem Kino- und TV-Spot will ein Projekt an der Berliner Charité ab sofort für ein neues Hilfsprojekt werben (siehe Kasten unten).

In dem Pilotversuch sollen zunächst 24 Nutzer von Kinderpornografie lernen, ihre gefährlichen Neigungen unter Kontrolle zu bekommen, für mehr reicht das Geld nicht. "Wir betreten mit dem Projekt wissenschaftliches und therapeutisches Neuland", sagt Klaus Baier, der Chef des Institutes für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin. Doch immerhin kann der medienerfahrene Mediziner mit der dicken, randlosen Brille auf wichtige Erfahrungen in dem delikaten Bereich verweisen. Vor rund vier Jahren startete er mit seinem Team ein Hilfsangebot für Männer mit pädophilen Neigungen ("Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?"). Seitdem hatten die Mitarbeiter an der Charité Kontakt mit 936 Betroffenen, 212 von ihnen begannen bis heute eine konkrete Therapie.

Nun wollen die Mediziner und Psychologen einen Schritt vorher ansetzen. "Wir müssen noch früher versuchen, potentielle Täter zu erreichen", sagt Baier. "Wir haben da ein Riesenproblem." Rund ein Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland seien "ansprechbar für den kindlichen Körper", sagt Baier in einem seiner stets präzisen und doch sehr vorsichtig formulierten Sätze. Er beruft sich auf eigene Forschungen.

Das Interesse an Kinderpornografie sei keine Krankheit, sondern ein sogenanntes Problemverhalten. Mit wachsendem Alter, so hätten die Untersuchungen seines Instituts ergeben, steige aber die Wahrscheinlichkeit für die Nutzung von kinderpornografischem Material an - und auch die für konkrete Übergriffe. "Kinderpornografie ist keine Bagatelle. Wir müssen klarmachen, dass hinter jedem Bild eine konkrete Missbrauchshandlung an einem Kind steht", sagt Baier. Das Ganze sei ein "grundlegendes Problem der Gegenwart".

Zu der aktuellen Diskussion um Internet-Blockaden für kinderpornografisches Material, wie sie ein vergangene Woche vom Bundestag verabschiedetes Gesetz vorsieht, mag sich der Mediziner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nur ungern äußern. Er will vor allem über sein Projekt sprechen, das es aus der politischen Diskussion herauszuhalten gilt.

Ein Großteil der Finanzierung für das neue Vorhaben kommt schließlich aus dem Familienministerium. Dessen Chefin Ursula von der Leyen (CDU), sie ließ sich bei der Projektvorstellung mit einer Videobotschaft zuschalten, war die prominenteste Anwältin der umstrittenen Internet-Filter mit den geplanten markanten Stopp-Schildern. "Ich würde lieber eine konstruktive Variante wählen", sagt Baier schließlich nach einigem Überlegen. Statt der Filter sei es vielleicht besser, wenn sich die Experten der Internet-Community überlegten, wie sich die Verbreitung von kinderpornografischem Material unterbinden ließe.

"Für die Neigung kann man nichts"

Potentielle Nutzer von Kinderpornografie im Netz müssten verstehen: "Für die Neigung kann man nichts, für das eigene Verhalten ist man aber voll verantwortlich." Das Charité-Angebot setzt voll auf Freiwilligkeit. Interessenten sollten allerdings nicht in der Bewährungszeit wegen einer einschlägigen Vorstrafe sein. Auch Männer, gegen die derzeit ein Ermittlungsverfahren läuft, sollen einstweilen nicht in das Programm aufgenommen werden, weil die Charité-Mitarbeiter nicht wollen, dass sie sich auf diese Weise Vorteile in ihrem Verfahren verschaffen wollen.

Die Therapeuten wollen erreichen, dass es potentiellen Nutzer von kinderpornografischem Material gelingt, ihren sogenannten Handlungsimpuls unterdrücken. Das ist der Moment, in dem eine Phantasie in die Realität umgesetzt wird. Um das Ziel zu erreichen, gibt es bis zu 50 Therapiesitzungen von je 90 Minuten.

Die beteiligten Mediziner und Psychologen unterliegen der Schweigepflicht. "Wenn wir Patienten anzeigen, dann machen wir uns strafbar", wirbt Baier um Vertrauen. Die Therapie besteht aus Einzel- und Gruppengesprächen, in manchen Fällen verordnen die Ärzte aber auch Medikamente, um die fatalen sexuellen Impulse zu dämpfen. Beim vor vier Jahren gestarteten Projekt, so sagt Klaus Baier, habe etwa jeder dritte Teilnehmer auch entsprechende Tabletten erhalten.

Am Ende der Therapie ist niemand geheilt

Am Ende der Therapie, so erklären die Charité-Mitarbeiter, ist niemand geheilt. Pädophilie ist nicht heilbar. "Diese Neigung entwickelt man im Jugendalter und hat sie bis an sein Lebensende", sagt Baier. Im Idealfall ist es den Männern aber durch die Therapie gelungen, ihr Verhalten anzupassen - und nicht der vermeintlichen Verführung zu erliegen, kinderpornografisches Material zu konsumieren - oder sich sogar an Kindern zu vergehen.

In dem neuen Therapieprojekt sollten auch verstärkt die Angehörigen von Betroffenen einbezogen werden. Man habe aus dem ersten Projekt gelernt, dass die Mehrheit der Männer Menschen aus ihrem Umfeld über ihre Neigungen informiert hat. Für eine bessere soziale Kontrolle könne man den Therapieteilnehmern unter anderem raten, ihren Computer ins Wohnzimmer zu stellen.

Das Problem: Wer nicht in Berlin wohnt, wer nicht zu den 24 Ausgewählten für das neue Angebot zählt, der bleibt - allen Bemühungen zum Trotz - noch zu oft allein: "Wir haben keine flächendeckende Versorgung", beklagt Mediziner Baier. Barbara Schäfer-Wiegand, die Chefin der Kinderschutzstiftung "Hänsel + Gretel" bestätigt das. Sie fordert Beratungs- und Behandlungszentren für Pädophile in allen Bundesländern. Doch neben Berlin gibt es bisher nur in Kiel ein entsprechendes Angebot. "Pädophile Männer sind wahre Tretminen für die Kinder unserer Gesellschaft", sagt Schäfer-Wiegand.

Im Werbespot für das Therapieprojekt wirbt die Stimme: "Kinder haben ein Recht auf Schutz. Ihre Familie auch." Das Bild hat sich inzwischen ganz aufgebaut. Die andere Hand des Mannes hält die seiner Frau, die zu seinen Füßen sitzt, neben sich die blonde, lachende Tochter. Das ganze ist ein ganz normales Urlaubsbild - auch wenn es auf den ersten Blick ganz und gar nicht so aussah.

Bleibt ein Problem: Es gibt keinen Media-Etat für die Versendung der Spots. Nur, wenn sich Fernsehsender oder Kinoketten aus gutem Willen dazu bereit erklären, wird der Film also überhaupt öffentlich zu sehen sein.

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02.07.2009 von skudde: immer weiter so...

Einige der geäußerten Meinungen sind mehr als nur traurig. Jeder Mensch ist für sich und sein Handeln verantwortlich, wer derartige Gelüste verspürt sich an Kindern zu vergehen sollte diese im Griff haben und sich stets bewusst [...] mehr...

30.06.2009 von sganarelle: Begrüßenswertes Projekt

Ich befürworte eindeutig Projekte wie dieses. Menschen mit einer solchen Veranlagung, für die sie selber nichts können, kann man nicht per se verurteilen. Jene, die selbst darunter leiden und mit dieser Neigung umzugehen lernen [...] mehr...

29.06.2009 von Fritz Motzki: Als Alternative....

kann sich der Mann ja die Hände verkleinern lassen. mehr...

28.06.2009 von ChrisGropper: ^^

Ach ja, 1988, vor der erstaunlich erfolgreichen generellen Verteuflung der Pädophilie durch "Kinderschützer"-Gutmenschen, da wurden noch (auch durchaus wissenschaftliche) Bücher zum Thema Pädophilie und Pädosexualität [...] mehr...

28.06.2009 von Oi!Olli: Titel

So traurig das ist damit haben sie Recht. Bei Kindern hält man es für unmöglich und wenn es Jugendliche sind dann heißt es sie haben ja so ein Glück während man einen erwachsenen Mann dafür am liebsten aufhängen würde. Aber [...] mehr...

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