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02.07.2009
 

Tabakatlas Deutschland

Im Norden rauchen mehr Menschen als im Süden

Von Florian Gathmann und Heike Le Ker

Im Norden fordert das Rauchen mehr Todesopfer als im Süden, Hauptschüler greifen eher zum Glimmstengel als Gymnasiasten: Das sind Erkenntnisse des ersten deutschen Tabakatlas, den die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing jetzt präsentiert hat.

Berlin/Hamburg - 11.27 zeigt die Digitaluhr im großen Raum der Bundespressekonferenz, aber Sabine Bätzing redet bereits. Dabei war ihr Auftritt erst für halb zwölf geplant. Doch drei Minuten können eine Menge Zeit in der Karriere einer Politikerin sein, die noch einiges vorhat. Bätzing, 34, ist seit November 2005 Drogenbeauftragte der Bundesregierung, deshalb darf sie an diesem Donnerstagmorgen Deutschlands ersten Tabakatlas präsentieren.

Bei der Lektüre der Übersicht werde dem Leser klar, "warum wir nicht nachlassen dürfen", sagt Bätzing. Nicht Nachlassen im Kampf gegen das Rauchen in Deutschland, neben dem Kampf gegen Alkoholkonsum Bätzings Haupt-Aktionsfeld. "110.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen des Rauchens", sagt sie. 300 pro Tag.

Am liebsten wäre es Bätzing wohl, man würde das Rauchen in Deutschland komplett verbieten.

Dass sie das wenigstens für öffentliche Räume fordert, damit war Bätzing am Mittwoch von der "Rheinischen Post" zitiert worden - doch dann relativierte die Drogenbeauftragte ihre Aussage. Sie habe sich nur auf ein striktes bundesweites Rauchverbot in Gaststätten bezogen, sagte Bätzing. An einen Fehler beim Autorisieren, wie ihr Büro die nachträgliche Korrektur erklärt, will allerdings kaum einer glauben. Eher daran, dass die Sozialdemokratin mitunter sogar der eigenen Partei zu weit geht. Dabei lag Bätzing zumindest auf EU-Linie - die Kommission hatte erst am Dienstag ein Rauchverbot in öffentliche Räumen gefordert.

Dass sie sich mit hochpolitischen Themen beschäftigt, weiß die Drogenbeauftragte. Aus "wahlkampftaktischen Gründen" sei der bundesweite Anti-Raucher-Aktionsplan im Kabinett gescheitert, sagt Bätzing bei der Vorstellung des Tabakatlas - wegen des Widerstands der CDU. Ihr Zurückrudern vom Vortag, laut Bätzing eine "Klarstellung", habe mit Wahlkampf jedenfalls nichts zu tun.

Lieber redet Bätzing an diesem Morgen ohnehin über die Erstausgabe des deutschen Tabakatlas - der unter Federführung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) nach dem Vorbild des internationalen Tabakatlas entstanden ist. Das Werk mache deutlich, sagt der neben Bätzing sitzende DKFZ-Chef Otmar Wiestler, dass "es kaum eine größere Bedrohung in Deutschland" gibt. Ein "Handbuch zum Handeln" nennt er die Publikation.

Auf gut 120 Seiten gibt der Atlas, erschienen im Steinkopff-Verlag, einen Überblick über Tabakprodukte, den Konsum und seine gesundheitlichen Folgen. Das Problem des Passivrauchens wird genauso dargestellt wie die individuellen und staatlichen Gesundheitskosten. Der Leser bekommt zudem Einblicke in die Tabakindustrie und -politik. "Eine ungeheuer starke Lobby ist da am Werke", sagt Wiestler.

Im Norden wird mehr geraucht

Die beiden wichtigsten Erkenntnisse der Studie: Im Norden Deutschlands wird mehr geraucht als im Süden. Und mit steigendem sozialen Status sinkt die Affinität zu Glimmstengeln.

Durchschnittlich ist zwar fast jeder dritte Bundesbürger (31 Prozent) Raucher. Doch in Norddeutschland greifen der Erhebung zufolge mehr Menschen zur Zigarette als in den südlichen Bundesländern - das zeigt sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Überdurchschnittlich hoch sind die Raucheranteile in den Stadtstaaten Berlin und Bremen sowie in Mecklenburg-Vorpommern.

Anschaulich zeigen die Autoren, wie deutlich sich der Tabakkonsum innerhalb verschiedener sozialer Gruppen unterscheidet. Während bei den 14- bis 17-Jährigen Hauptschülern 42 Prozent der Jungen und 46 Prozent der Mädchen rauchen, sind es bei Gymnasiasten nur 18 und 14 Prozent. Zudem seien die sozialen Unterschiede mittlerweile größer als die Geschlechtsunterschiede.

Interessant auch die Geschlechtsdifferenzierung: Männer rauchen der Analyse zufolge im Durchschnitt mehr Zigaretten pro Tag als Frauen. Während bei den Frauen zwischen 50 und 59 Jahren 28 Prozent mehr als 20 Zigaretten pro Tag rauchen, sind es bei den Männern derselben Altersstufe 46 Prozent. Je älter Raucher werden, desto mehr rauchen sie: Während der Anteil der starken Raucher mit zunehmendem Alter steigt, nimmt die Anzahl der Gelegenheitsraucher ab.

Bei Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren zeigt sich zudem deutlich, dass mehr Mädchen in den neuen Bundesländern rauchen im Vergleich zu den alten Bundesländern. Auch bei Jungen lässt sich ein ähnlicher Trend erkennen, allerdings gibt es hier das bei Erwachsenen beschriebene Nord-Süd-Gefälle.

Während qualmende Frauen noch vor 50 Jahren eher selten waren, holen sie immer deutlicher auf, was sich vor allem bei den Jugendlichen zeigt, bei denen Mädchen in allen Bildungsschichten mehr rauchen als Jungen.

Auch bei den Todesfällen regionale Unterschiede

Bei der Verteilung der Todesfälle, die auf Tabakkonsum zurückzuführen sind, zeigen sich ebenfalls regionale Unterschiede. "Wo viel geraucht wird, wird auch viel gestorben", sagt Martina Pötschke-Langer, Autorin des Tabakatlas. So sterben dem Bericht zufolge in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen die wenigsten Männer an Lungenkrebs und Herzerkrankungen infolge des Rauchens. Die meisten Frauen hingegen sterben an den Folgen ihres Zigarettenkonsums in Nordrhein-Westfalen, Saarland, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie in den drei Stadtstaaten.

Der Report verdeutlicht zudem erneut, wie viele Kinder in Deutschland regelmäßig Zigarettenrauch ausgesetzt sind: Bei den elfjährigen Jungen und Mädchen ist es fast jedes vierte Kind, bei den 17-Jährigen sind es schon knapp zwei von drei Jugendlichen.

Es ist eine düstere Zustandsbeschreibung, die der Tabakatlas zeichnet. Umso mehr dürfte sich Sabine Bätzing darüber freuen, dass sie dieses Instrument nun im Kampf gegen die Raucherlobby einsetzen kann. SPD-Gesundheitsfachmann Karl Lauterbach gibt ihr jedenfalls recht in ihrem harten Kurs. "Eine hohe Glaubwürdigkeit für sich und die SPD" attestiert ihr der Parteifreunden gegenüber sonst so gestrenge Lauterbach.

Und wie sieht Lauterbach die Sache mit den öffentlichen Räumen? Er sei dafür, sagt der SPD-Politiker, dass am Ende "kaum noch ein öffentlicher Raum in Deutschland übrigbleibt, in dem geraucht werden darf".

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insgesamt 1578 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.12.2009 von Silbendrechslerin:

Ich bin selbst Nichtraucherin und halte mich auch lieber in Räumen auf, in denen nicht geraucht wird, so dass ich Ihre Haltung absolut nachvollziehen kann. Sie dürfen von anderen Menschen verlangen, dass die Sie nicht mit [...] mehr...

09.12.2009 von arborea: Ersparen

Sie müssen schon genau lesen. Dann ersparen Sie sich Ihren Beitrag und ich mir die Erwiderung. Ich habe explizit auf die Vorbildfunktion der USA als das El Dorado deutscher Nichtraucher hingewiesen. Nicht mehr und nicht [...] mehr...

09.12.2009 von inci:

in dem volksbegehren ging es um ein absolutes rauchverbot in der gesamten gastronomie. ohne jede ausnahme. also auch keine raucherclubs. selbst wenn die politker das alte gesetz nicht verschlimmbessert hätten, wäre dieses [...] mehr...

09.12.2009 von jolip:

Das wäre wahrscheinlich vom Zeitpunkt eines solchen Volksbegehrens abhängig. mehr...

09.12.2009 von hdwinkel: Umsatz vs. Gesundheit

Meine Aussage war doch eindeutig: Auch Raucher haben weiterhin die Chance in eine Kneipe zu gehen. Sie dürfen dort lediglich nicht rauchen. Nebenbei ist es nicht Aufgabe des Staates dafür zu sorgen, daß jede Kneipe einen [...] mehr...

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