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03.07.2009
 

Stammzellen

Hodenzellen verwandeln sich von selbst in Alleskönner

Es könnte eine neue, unbedenkliche Quelle für Stammzellen sein: Hodengewebe. Wissenschaftlern aus Münster haben aus den Hoden von Mäusen Alleskönner-Zellen erzeugt - nur durch spezielle Zuchtbedingungen.

Münster - Bestimmte Zellen können sich auch von ganz allein zu einer Art embryonaler Stammzellen entwickeln. Lässt man den speziellen Hodenzellen viel Platz in der Kulturschale und genügend Zeit, dann versetzten sich einige von ihnen von selbst zurück in einen embryonalen Zustand. Das berichteten Wissenschaftler um Kinarm Ko und Hans Schöler vom Max-Planck-Institut (MPI) für molekulare Biomedizin in Münster. Die neuen Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift " Cell Stem Cell" veröffentlicht.

"Jedes Mal, wenn wir ungefähr 8000 Zellen in die einzelnen Gefäße der Zellkultur-Platten gefüllt hatten, haben sich einige der Zellen nach zwei Wochen selbst reprogrammiert", erklärte Kinarm Ko.

Normalerweise können die Keimbahn-Stammzellen im Hoden nur immer wieder neue Spermien bilden. Nachdem Ko und Schöler die Zellen durch die Zuchtbedingungen in Alleskönner-Zellen verwandelten, ließen sich daraus unter anderem Herz- und Nervenzellen züchten.

Die Alleskönner-Fähigkeiten der Zellen wiesen die Forscher auch dadurch nach, dass sie sie in Mäuse-Embryonen spritzten. Anschließend integrierten sich die Zellen in den wachsenden Organismus und es entstanden Mäuse mit gemischtem Erbgut, sogenannte Chimären. Die Zellen enthielten ein Fluoreszenz-Gen, sodass die Forscher deren Entwicklung verfolgen konnten. Die fremden Zellen integrierten sich auch in die Keimbahn der Chimären-Mäuse und wurden an die Nachkommen weitergegeben.

Der automatischen Reprogrammierung waren die Wissenschaftler bei Routine-Grundlagenforschungen auf die Spur gekommen. Weil im Mäusehoden verschiedene Zelltypen existieren, suchten sie einen klar definierten - und fanden dabei die sehr agilen Keimbahn-Stammzellen. Die daraus erzeugten Zellen nennen die Forscher gPS-Zellen, was für germline derived pluripotent stem cells steht - aus der Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen.

Die Reprogrammierung von Körperzellen in pluripotente Alleskönner-Stammzellen hatten mehrere Forschergruppen immer weiter verfeinert - anfangs war es noch nötig, mit Viren vier bestimmte Gene in die Zellen einzuschleusen. Die Zahl der Gene wurde schrittweise immer weiter reduziert, auch auf Viren konnte man verzichten. Zuletzt war es einer Gruppe gelungen, Zellen nur noch mit Proteinen zu verwandeln (siehe Chronologie unten). Nun gelang die Reprogrammierung den Münsteraner Wissenschaftlern an Keimbahn-Stammzellen aus dem Hoden von Mäusen nur noch durch geeignete Wachstums-Bedingungen.

Fortschritte dieser Art in der Stammzell-Technik könnten die bisher für die Forschung noch so wichtigen, aber umstrittenen embryonalen Stammzellen irgendwann ersetzen. "Das Hauptziel ist, nur mit einem Substanz-Cocktail auszukommen", sagte Schöler.

Der in Münster entdeckte selbstständige Neustart der Keimbahn- Stammzellen sei ein erster Schritt auf dem Weg, auch Körperzellen ohne größere Eingriffe in eine Art embryonale Stammzelle zurückzuverwandeln.

Mit Blick auf einen späteren Einsatz der Zellen zu medizinischen Therapiezwecken sei der nächste Schritt, auf diese Art und Weise auch menschliche Zellen zu reprogrammieren, sagte Schöler. "Körperzellen von reprogrammierten Keimbahn-Stammzellen von Menschen abzuleiten ist deswegen so interessant, weil sie fast keine Erbgutschäden tragen."

Chronik der Stammzellforschung

1998 - Embryonale Stammzellen

Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.

2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)

2007 - Menschliche iPS-Zellen

Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen

März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt

März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut

April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen

Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen

Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln

Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen

Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen

Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen

lub/dpa

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