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06.07.2009
 

Trittin über Vattenfall

"Diese Firma scheint nicht zuverlässig zu sein"

Harsche Kritik an Vattenfall, spöttische Zustimmung für Umweltminister Gabriel: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Amtsvorgänger Jürgen Trittin, welche Konsequenzen der Störfall im Atomkraftwerk Krümmel haben sollte - und wie Atomaufsicht besser funktionieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Wird das Atomkraftwerk Krümmel jemals wieder ans Netz gehen?

Trittin: Daran bestehen zurzeit berechtigte Zweifel. Der Betreiber hat es innerhalb von zwei Jahren nicht geschafft, das Problem mit den defekten Transformatoren in den Griff zu bekommen. Es stellt sich die Frage, ob jemand wie Vattenfall überhaupt in der Lage ist, die komplexe Technologie eines Atomkraftwerks zu betreiben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen muss Vattenfall aus den Vorfällen ziehen?

Trittin: Wenn Vattenfall nicht weiß, dass man bei einer Schnellabschaltung nicht die Polizei, sondern die Atomaufsicht unterrichten muss, dann muss man die Frage stellen, ob nicht auch die anderen Kraftwerke der Firma vom Netz müssen. Diese Firma scheint nicht zuverlässig zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Sollte der Bund die Aufsicht über die Atomkraftwerke übernehmen?

Trittin: Das fordern wir seit sechs Jahren. Wir haben dafür aber in der rot-grünen Regierung keine Zustimmung von der SPD bekommen. Nun hat Umweltminister Gabriel diese alte grüne Forderung neu entdeckt. Da, wo er Richtiges von den Grünen übernimmt, kann man ihm nur zustimmen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Gabriels Vorschlag, die Energiekonzerne durch eine Gesetzesänderung dazu zu verpflichten, ältere Reaktoren sofort vom Netz zu nehmen?

Trittin: Es ist überfällig, die älteren Reaktoren vom Netz zu nehmen. Auch hier übernimmt Herr Gabriel eine grüne Position, die er vor noch nicht einmal einem Jahr im Bundestag scharf angegriffen hat. Nun scheint bei ihm die späte Erkenntnis zu reifen, dass die Grünen wohl recht hatten.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen dem Umweltminister Populismus vor.

Trittin: Gabriel könnte seinen Aktionismus durchaus mit Glaubwürdigkeit unterlegen. Dazu müsste er das sogenannte Kerntechnische Regelwerk, das die Sicherheit dieser Anlagen regelt, verbindlich machen. Das könnte er noch in dieser Legislaturperiode machen, er bräuchte noch nicht einmal eine Ressortabstimmung dafür. Bisher hat er es den Atomkraftwerksbetreibern und den Aufsichtsbehörden der Länder überlassen, ob sie den neuesten Stand der Technik oder den veralteten Standard anwenden wollen. Das halte ich für unverantwortlich.

"Ich freue mich nicht über Zwischenfälle"

SPIEGEL ONLINE: Zynisch gesprochen müssen die Vorfälle in Krümmel für Sie doch ein Geschenk sein. Bessere Unterstützung für den Bundestagswahlkampf gibt es doch gar nicht.

Trittin: Ich freue mich nicht über Zwischenfälle. Die Vermutung, dass man daraus wahlpolitischen Profit schlagen kann, hat sich schon 1986 erledigt. Damals haben die Grünen geglaubt, dass sie im Wind von Tschernobyl ein besonders gutes Ergebnis holen können. Bekanntermaßen war das nicht der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Trotz aller Zwischenfälle beharrt die Union weiterhin darauf, die AKW-Laufzeiten zu verlängern…

Trittin: Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Krümmel ist das unverantwortlich. Anlagen, die offensichtlich in zwei Jahren nicht reparaturfähig sind, die wie Brunsbüttel, Biblis oder Neckarwestheim jeweils 400 Störfälle im Laufe ihres bisherigen technischen Lebens aufzuweisen haben, sind Fossilien der Technik. Sie dürfen keine Laufzeitverlängerung bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Union verweist darauf, dass die Kernkraftwerke für eine stabile Energieversorgung notwendig seien.

Trittin: Das ist falsch. Deutschland hat zuletzt Strom in Höhe der Jahresleistung von sieben laufenden AKW netto exportiert. Eine Studie der Landesbank Baden-Württemberg, die explizit für die Nutzung von Atomenergie ist, hat deutlich gemacht, was eine Laufzeitverlängerung für die Bilanzen der Atomkraftwerksbetreiber bedeutet. Sie würde zwischen 38 und 200 Milliarden Euro in die Kassen von Vattenfall, RWE und Co. spülen.

SPIEGEL ONLINE: Wird ein mögliches schwarz-grünes Bündnis an der Atomdebatte scheitern?

Trittin: Ich sehe zurzeit überhaupt keine Grundlage für schwarz-grüne Spekulationen - weder arithmetisch, noch politisch. Auf jeden Fall kann sich jeder, der ernsthaft überlegt, mit den Grünen zu koalieren, alle Gedanken an eine Laufzeitverlängerung hinter den Spiegel stecken.

Atomkraftwerke in Deutschland

Zahlen

Getty Images
In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.

Geografische Verteilung

Das Interview führte Christoph Seidler

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10.11.2009 von _gimli_:

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