AKW-Störfall
Vattenfall räumt Versäumnisse in Krümmel ein
Die Betreiberfirma Vattenfall hat eine neue Panne bei der Sicherheitstechnik des defekten Atomkraftwerks Krümmel eingestanden. Ein vorgeschriebenes Messgerät sei nicht installiert gewesen. Der bisherige Kraftwerkschef hat inzwischen seinen Posten aufgegeben.
Kiel - Drei Tag nach der Notabschaltung des Atomkraftwerks Krümmel hat die Betreiberfirma Vattenfall neue Versäumnisse eingestanden: Das Unternehmen erklärte, ein vorgeschriebenes Überwachungsgerät sei am betroffenen Transformator nicht installiert gewesen. Konkret habe es sich um die sogenannnte Teilentladungsmessung gehandelt.
AP
Kernkraftwerk Krümmel: "Für die Metropolregion Hamburg untragbar geworden"
Wegen der Vorkommnisse sei der bisherige Kraftwerkschef Hans-Dieter Lucht nach Vattenfall-Angaben auf eigenen Wunsch von seinen Aufgaben entbunden worden. Der Reaktor war am Samstagmittag per Schnellabschaltung vom Netz genommen worden. Aus bislang unbekanntem Grund war es zu einem Kurzschluss in einem Maschinentransformator gekommen.
Der Unfall hatte Ähnlichkeit mit dem schweren Unfall vor zwei Jahren, als nach einem Brand an einem baugleichen Transformator der Reaktor für zwei Jahre stillstand. Erst am 19. Juni 2009 hatte die Atomaufsicht das Wiederanfahren genehmigt. Die Parallelität der Ereignisse hat zwei Grünen-Politiker nun zu einer Anzeige motiviert: Der schleswig-holsteinische Grünen-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Konstantin von Notz, und der Hamburger Grünen-Bundestagsabgeordnete Manuel Sarrazin stellten bei der Staatsanwaltschaft Lübeck Strafanzeige gegen die Verantwortlichen der Anlage.
"Ein fast identischer Störfall"
"Die Störfälle der letzten Tage und die Parallelität der Geschehnisse zum Transformatorbrand vor zwei Jahren haben die Menschen stark beunruhigt und das Vertrauen in Vattenfall, so es denn je vorhanden war, zerstört", sagte Notz.
Dass sich zwei Jahre nach dem Trafobrand "ein fast identischer Störfall" an einem Transformator ereignet habe, begründe den Verdacht einer groben Verletzung von verwaltungsrechtlichen Vorschriften, sagte Notz. Sarrazin betonte, "das Krümmel-Risiko ist für die Metropolregion Hamburg untragbar geworden". Aufgrund dessen Nähe zur Hansestadt sei es wichtig, "dass dieser Pannenreaktor endlich vom Netz geht".
Die schleswig-holsteinische Atomaufsicht will die Zuverlässigkeit des AKW-Betreibers Vattenfall prüfen lassen. Das Unternehmen hat angekündigt, dass der Reaktor in jedem Fall monatelang abgeschaltet bleiben wird. Bevor das Kraftwerk wieder ans Netz gehen könne, würden beide Transformatoren des Kraftwerks durch neue ersetzt. Die Gesamtkosten dafür lägen bei rund 20 Millionen Euro, wie eine Unternehmenssprecherin sagte.
Schleswig-Holsteins für Atomaufsicht zuständige Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) begrüßte die Entscheidung. Der Austausch der Transformatoren beende "jedoch nicht die grundsätzliche politische Debatte über eine Stilllegung von Krümmel", sagte sie.
"Krümmel ist ein Kraftwerk mit Zukunft"
Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger hat unterdessen für den Fall eines schwarz-gelben Wahlsieges unbegrenzte Laufzeiten für Atommeiler in Aussicht gestellt. "Für alle Kernkraftwerke, die dem Stand der Technik entsprechen, werden wir die Laufzeitbeschränkungen aufheben", sagte der CDU-Politiker dem "Hamburger Abendblatt". Die Reaktoren müssten in Betrieb bleiben, solange sie zuverlässig Strom lieferten. Dies gelte auch für Krümmel: "Wenn die technischen Voraussetzungen stimmen, ist Krümmel ein Kraftwerk mit Zukunft."
ATOMKRAFT - WAS WOLLEN DIE PARTEIEN?
Für CDU und CSU ist die Atomkraft ein vorerst unverzichtbarer Teil im Energiemix. Eine Laufzeitverlängerung der deutscher Atomkraftwerke wird angestrebt, Akw-Neubauten soll es aber nicht geben. Zusatzgewinne der Betreiber aus der Laufzeitverlängerung sollen überwiegend in die Forschung für Energieeffizienz, erneuerbare Energien und zur Senkung der Strompreise genutzt werden. Fossile Energien wie Gas und Kohle sollen weiter genutzt, aber zum Beispiel durch die CCS-Technik zur Abscheidung und Speicherung von CO2 langfristig umweltfreundlicher werden. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung soll bis 2020 auf 30 Prozent steigen, der deutsche CO2-Ausstoß bis dahin gemäß den Zusagen der Bundesregierung um 40 Prozent sinken.
Die SPD hält an dem Ziel fest, den Atomausstieg bis 2021 abzuschließen. An den Sanierungskosten der maroden Atommülllager Asse und Morsleben soll sich zudem die Atomindustrie beteiligen. Bis 2020 soll die Stromversorgung zu 35 Prozent aus erneuerbaren Quellen kommen, bis 2030 zu 50 Prozent. Allerdings soll es auch neue Kohlekraftwerke geben. Zugleich sollen bis 2030 im Umweltsektor bis zu 800.000 neue Jobs entstehen. Auch die SPD bekennt sich zum Ziel der Regierung, CO2-Emissionen in Deutschland bis 2020 um 40 Prozent zu verringern. Durch eine Effizienzoffensive sollen bis 2020 elf Prozent des derzeitigen Stromverbrauchs eingespart werden.
Die Grünen bekennen sich ebenfalls klar zum Atomausstieg und lehnen längere Akw-Laufzeiten ab. Alte, besonders riskante Atomkraftwerke sollen vorzeitig vom Netz genommen werden. Über die Klimaziele der Regierung hinaus sollen bis 2020 mindestens 40 Prozent des Stroms und ein Drittel der Wärmeenergie erneuerbar erzeugt werden. Der CO2-Grenzwert für Neuwagen soll bis 2020 auf 80 Gramm pro Kilometer sinken, auf Autobahnen ein Tempolimit 120 gelten. Neue Kohlekraftwerke werden abgelehnt. Durch umfassende Investitionen in den Umweltschutz und andere Zukunftsbereiche wollen die Grünen eine Million neue Jobs schaffen, davon 280.000 im Bereich erneuerbarer Energien.
Die FDP lehnt den Atomausstieg ab und will die Laufzeiten der
bestehenden Atomkraftwerke verlängern. Im Gegenzug sollen die
Akw-Betreiber einen Teil der finanziellen Vorteile an eine neue
"Deutsche Stiftung Energieforschung" abführen. Der Anteil
erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch soll bis 2020 auf
20 Prozent steigen. Auch fossile Energien sollen weiter genutzt
werden, langfristig möglichst in Verbindung mit der CCS-Technik.
Die FDP bekennt sich zu den EU-Klimazielen und fordert einen Ausbau
des internationalen Emissionshandels.
Die Linke fordert die unverzügliche Stilllegung aller Atomanlagen sowie die Abkehr von fossilen Energien wie Öl und Kohle. Erneuerbare Energien sollen konsequent gefördert werden. Die Treibhausgasemissionen in Deutschland sollen bis 2020 um 50 Prozent und bis 2050 um mindestens 90 Prozent sinken. Im Strombereich soll der Anteil erneuerbarer Energien 2020 mindestens die Hälfte, bei Wärme ein Viertel betragen. Für Elektrogeräte sollen hohe Effizienzstandards vorgeschrieben werden. Der öffentliche Verkehr soll massiv ausgebaut und preiswerter werden. Auf Autobahnen soll Tempo 120 gelten.
Damit geht Oettinger über die bisherigen Ankündigungen von CDU und CSU hinaus. In ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl bezeichnet die Union die Kernenergie lediglich als "Brückentechnologie". Die Laufzeiten sicherer Kernkraftwerke sollen demnach verlängert werden, bis es genügend klimafreundliche und kostengünstige Alternativen gibt. Ein Termin dafür wird allerdings nicht genannt.
SPD-Fraktionschef Peter Struck warf Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Union und der FDP unterdessen vor, sie seien mit ihrer "sturen Forderung nach längeren Laufzeiten auf einem hochgefährlichen Kurs". Nach der Pannenserie in Krümmel müssten selbst die verbohrtesten Kernkraftbefürworter einsehen, dass Laufzeitverlängerungen oder gar der Neubau von Atomkraftwerken der falsche Weg sei, sagte Struck der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". "In Wirklichkeit knickt Frau Merkel hier vor der Atomlobby ein." Abgeschriebene Kernkraftwerke seien Gelddruckmaschinen für die Betreiber. "Es geht um Profit und um sonst nichts", sagte Struck.
ATOMKRAFTWERKE IN DEUTSCHLAND
In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.
Die meisten Atomkraftwerke gibt es in Bayern. Dort gibt es fünf AKW: Isar 1 und 2, Gundremmingen B und C, sowie Grafenrheinfeld. In Baden-Württemberg gibt es vier Atomkraftwerke: Neckarwestheim 1 und 2, sowie Philippsburg 1 und 2. Je drei Anlagen stehen in Schleswig-Holstein (Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel) und in Niedersachsen (Unterweser, Grohnde, Emsland). In Hessen stehen Biblis A und Biblis B.
chs/AP/ddp/dpa