Von Markus Becker
Der Datenschatz von Kleinbergs Team hält weitere interessante Einblicke bereit - etwa welche Medien am schnellsten auf Nachrichten reagieren und welche die wichtigsten Meldungen am treffsichersten herausfilterten. Das Ergebnis ist durchaus überraschend. Demnach kann man auf "Hotair.com" Top-Zitate im Durchschnitt 26,5 Stunden vor ihrer maximalen Verbreitung erstmals lesen. Damit ist die Website das schnellste der beobachteten Medien, lässt es aber an Treffsicherheit mangeln: Nur 42 von 100 der wichtigsten Meldungen tauchten auf "Hotair.com" auf.
Wer nun glaubt, die Bedeutendsten unter den US-Medien könnten es besser, sieht sich getäuscht. Eines der besten Verhältnisse zwischen Schnelligkeit und Zuverlässigkeit hat der kleine Newsdienst "Breitbart.com": 89 Prozent der wichtigsten Nachrichten waren dort im Mittel 16 Stunden vor ihrer maximalen Verbreitung zu finden. Ebenfalls weit vorne sind lokale Medien wie die "StarTribune" aus St. Paul im US-Staat Minnesota - die Website der Zeitung brachte es auf 14 Stunden Vorsprung und 93 Prozent Treffsicherheit. Auch die "Huffington Post" der Bloggerin Arianna Huffington gehört mit 18 Stunden und 73 Prozent Trefferquote zu den Top-Angeboten.
Die "Washington Post" bringt es nur auf 10,5 Stunden Vorsprung und 78 Prozent - und ist damit noch der Spitzenreiter unter den großen, nationalen US-Medien - dicht gefolgt von CNN mit elf Stunden und 72 Prozent. Für andere Mainstream-Medien fiel das Ergebnis weniger schmeichelhaft aus: Die britische Website der Nachrichtenagentur Reuters etwa lieferte Meldungen im Schnitt elf Stunden vor der maximalen Verbreitung und hatte nur 32 Prozent der wichtigsten Nachrichten. Auch unter den etablierten Blogs ist nicht alles Gold, was glänzt: Der vielbeachtete "Drudge Report" etwa war mit zwölf Stunden Vorsprung nicht besonders schnell und erwischte ebenfalls nur 32 Prozent der Top-News.
Langsamer bedeutet nicht zuverlässiger
Ein weiteres erstaunliches Resultat ist, dass die Treffsicherheit - anders, als man erwarten könnte - nicht spürbar steigt, je langsamer die Websites sind. Das "Time"-Magazin etwa bringt Nachrichten im Schnitt sieben Stunden vor deren Höhepunkt und hat eine Treffsicherheit von nur 43 Prozent. Auch der britische "Daily Telegraph" sieht mit fünf Stunden und 41 Prozent nicht gerade gut aus, ebenso wie die Website der berühmten BBC: Hier findet man nur 46 Prozent der Top-News, und selbst die nur fünf Stunden vor der größten Verbreitung - mit der transatlantischen Zeitverschiebung allein lässt sich das nicht mehr erklären.
Die Website der "New York Times" ist in der Tabelle übrigens nicht aufgeführt. Kleinbergs Mitarbeiter Jure Leskovec erklärte das mit der Tatsache, dass die Adresse "NYTimes.com" nicht im für die Studie verwendeten Datensatz vorhanden war, sondern lediglich die von der Zeitung angebotenen Blogs - darunter "The Caucus", der aber mit elf Stunden Vorsprung und 43 Prozent Trefferquote ebenfalls nur einen sehr durchwachsenen Wert erreichte.
Unabhängige Experten messen der Studie dennoch große Bedeutung bei. Eric Horvitz, Forscher bei Microsoft und Präsident der Association for the Advancement of Artificial Intelligence, sprach von einem "Meilenstein" bei der Untersuchung des globalen Nachrichtenflusses. Sreenath Sreenivasan von der Columbia Journalism Schoolin New York glaubt, dass ein solcher Ansatz "die Tür zu einem neuen Verständnis des Nachrichtenzyklus" öffnen könnte.
Natürlich müsse das mathematische Modell noch verfeinert werden, betonen Kleinberg und seine Kollegen ein. Doch Informatiker Leskovec zeigte sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE optimistisch: Schon jetzt ermöglichten die Ergebnisse, "eine Reihe von intuitiven Vorstellungen über Nachrichtenmedien zu konkretisieren, indem wir sie direkt messen können".
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