Sonntag, 22. November 2009

Wissenschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
22.07.2009
 

Kampf gegen Schweinegrippe

"Händewaschen schützt viel besser"

Von Veronika Hackenbroch, Rom

Mit Hochdruck arbeitet die Pharmaindustrie an einem Impfstoff gegen die Schweinegrippe. Ist das sinnvoll oder nur ein riesiges Geschäft? Der Influenza-Experte Tom Jefferson kritisiert Warnungen vor der Epidemie als Panikmache - und glaubt, ein probates Mittel gegen die Seuche zu kennen.

Die Schweinegrippe breitet sich immer weiter aus. Doch ist das so schlimm? Wie groß ist die Gefahr wirklich, dass das Virus in einer zweiten Welle im Herbst in einer weitaus gefährlicheren Form zurückkommen wird? Wie gut hilft das Medikament Tamiflu? Und was wird die Impfung bringen?

Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der zu diesen Fragen eine unabhängige Einschätzung geben kann.

Unabhängig von den faszinierten Virologen, die sich über die Pandemie zu freuen scheinen wie Astronomen über eine Sonnenfinsternis im eigenen Land. Unabhängig von der Weltgesundheitsorganisation WHO, deren Bedeutung durch die Schweinegrippe sprunghaft gestiegen ist. Und unabhängig von der Pharmaindustrie, die durch Impfstoff und Grippemedikamente wie Tamiflu jetzt Milliardengewinne einfährt.

Wenn überhaupt jemand zum Thema Schweinegrippe eine unabhängige Einschätzung liefern kann, dann ist es wahrscheinlich Tom Jefferson. Seit 15 Jahren arbeitet der 55-jährige britische Arzt und Epidemiologe für die internationale Cochrane Collaboration, ein von Industrie und Interessenverbänden unabhängiges Netzwerk von Wissenschaftlern. Die Cochrane Collaboration hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu medizinischen Fragen sogenannte Reviews zu erstellen, in denen der durch wissenschaftliche Studien gesicherte Stand des Wissens zusammengefasst ist. Jefferson ist Cochrane-Grippe-Experte. Seine Reviews zu Themen wie Impfung und Tamiflu haben in Fachkreisen einen fast schon legendären Ruf.

Wer Jefferson besuchen will, muss nach Rom fahren. Mitten in der Altstadt, in der Nähe des Quirinal-Hügels, hat er ein winziges Büro. Klimaanlage, Schreibtisch, Computer. "Mehr brauche ich für meine Arbeit nicht", sagt er. An der Wand hängen Kinderfotos. Versucht er eigentlich, sich und seine Familie irgendwie vor der Schweinegrippe zu schützen? "Wir waschen uns die Hände", sagt er. "Möglichst oft. Aber dabei geht es nicht nur um die Schweinegrippe. Händewaschen schützt auch vor anderen Viren, die grippeartige Symptome verursachen, und ebenso vor Magen-Darm-Infektionen."

Obwohl er sich Tag für Tag vor allem mit Zahlen beschäftigt, mit komplizierter Studien-Statistik und Qualitätskriterien, ist Jefferson ohne Frage ein sehr praktisch denkender Mensch. Bevor er anfing, für die Cochrane Collaboration zu arbeiten, war er zehn Jahre lang Hausarzt bei der britischen Armee, er betreute Soldaten und ihre Angehörigen. "Ich denke immer noch wie ein Hausarzt", sagt er. "Ich frage mich immer: 'Was bringt es den Menschen auf der Straße?'"

Als Epidemiologe, der wie ein Hausarzt denkt, fing Jefferson irgendwann an, sich beim Thema Grippe Fragen zu stellen. Warum eigentlich messen Seuchenkontrollbehörden auf der ganzen Welt ständig die Aktivität von Influenza-Viren wie die Windstärke oder Luftfeuchtigkeit? Warum lebt die ganze Welt seit Jahren in Furcht vor der nächsten Grippe-Pandemie? Sind diese Viren wirklich so gefährlich?

Jefferson fing an, Studien auszuwerten, und fand heraus: Von den grippeartigen Erkrankungen, also Erkrankungen mit plötzlich einsetzendem hohen Fieber, Husten, Schnupfen und Gliederschmerzen, werden im Durchschnitt nur sieben Prozent tatsächlich von Influenza-Viren ausgelöst. Die restlichen 93 Prozent dagegen von mehr als 200 verschiedenen anderen Erregern, von denen einige mindestens so gefährlich werden können wie echte Grippeviren. Auch bei den 10.000 bis 30.000 "Grippetoten", die es in Deutschland jedes Jahr Schätzungen zufolge gibt, sind Menschen dabei, die an diesen anderen Erregern verstorben sind.

Insgesamt aber ist diese "Grippesterblichkeit" nach dem Zweiten Weltkrieg aus bislang unbekannten Gründen dramatisch zurückgegangen, sie beträgt heute nur noch einen Bruchteil von damals. Die Grippe-Pandemien von 1957 und 1968/69 sind deshalb in der Todesstatistik kaum noch zu erkennen.

"Natürlich muss man vor Grippeviren, also auch vor dem Schweinegrippe-Virus, auf der Hut sein, weil sie instabil sind und leicht mutieren können", sagt Jefferson. "Trotzdem finde ich es verrückt, welche Katastrophen uns Jahr für Jahr von den Grippeexperten vorausgesagt werden. Manchmal kommt es mir vor, als hätten die WHO, Virologen und Pharmaindustrie geradezu Sehnsucht nach einer Pandemie gehabt."

Jefferson hat dafür keine wissenschaftliche Begründung, sondern nur eine wirtschaftliche. "Gegen Influenza-Viren gibt es, anders als gegen die anderen 200 Erreger der grippeartigen Symptome, einen Impfstoff und auch Medikamente", sagt er. "Dahinter steckt das große Geld der Pharmaindustrie! Die sorgt auch dafür, dass Forschung über Influenza in guten Journalen veröffentlicht wird. So findet sie mehr Beachtung, und das ganze Forschungsfeld wird für ambitionierte Wissenschaftler interessant."

Die Konzentration auf Influenza hält Jefferson nicht nur für falsch, sondern für gefährlich. "Erinnern Sie sich noch an Sars?", fragt er. "Das war eine wirklich gefährliche Krankheit, viele Menschen sind gestorben! Es kam aus dem Nichts, schnell wie ein Meteor, und hat uns völlig überrumpelt, weil es von einem völlig unbekannten Coronavirus ausgelöst wurde."

Doch statt in alle Richtungen hin wachsam zu bleiben, sei um die eine Idee, den einen Gedanken von der drohenden Influenza-Pandemie im Laufe der Jahre eine ganze Maschinerie aufgebaut worden. Geld, Einfluss, Karrieren, ganze Institutionen hingen daran. "Alles, was es jetzt brauchte, um diese Maschinerie in Gang zu bringen, war ein kleines, mutiertes Virus", sagt Jefferson trocken. Auf seiner italienischen Homepage läuft schon seit Jahren ein "Grippe-Pandemie-Countdown", der jedes Jahr am 1. April ausläuft.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




DAS SCHWEINEGRIPPE-VIRUS

Der Erreger

Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.

Die Symptome

Die Gefahr

Antivirale Mittel

Wandlungsfähigkeit von Grippeviren

GRATIS-HOTLINE DER BUNDESREGIERUNG

Unter 0800- 44 00 55 0 können sich Bürger über die Schweinegrippe informieren. Die kostenlose Ministeriums- Hotline ist montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr, freitags von 8 bis 12 Uhr und am Wochenende und an Feiertagen von 10 bis 16 Uhr zu erreichen.








Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern