Frage: Selbst wenn es technisch möglich ist - halten Sie das Projekt für richtig?
Schuster: Vielleicht wird es ethische Bedenken geben, aber im Fall des Mammuts sehe ich keine Probleme. Zum einen geht von Mammuts keine Gefahr aus, das sind gut kontrollierbare Tiere. Und die ökologische Nische, die das Mammut hinterlassen hat, ist bis heute unbesetzt. In Sibirien ist viel Platz. Die russische Regierung hat ein riesiges Areal für einen Paläopark bereitgestellt, in dem alte eiszeitliche Pflanzen angesiedelt werden. Das Ziel ist, eine artgerechte Umwelt für das Mammut aufzubauen. Alle beteiligten indigenen Stämme Sibiriens würden davon profitieren, zum Beispiel durch Tourismus.
Frage: Ein Mammut allein wäre wohl zu wenig...
Schuster: Es wäre unendlich traurig, wenn da ein einsames Mammut im Park herumliefe. Man muss genetisch diverse Herden erzeugen, die erfolgreich weitergezüchtet werden können.
Frage: Versprechen Sie uns, keine Neandertaler in die Welt zu setzen?
Schuster: George Churchs Argument ist hier: Sollten wir tatsächlich schuld daran gewesen sein, dass die Neandertaler ausgestorben sind, dann hätten wir jetzt eine großartige Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Aber im Ernst: Ich bin der Ansicht, dass die ethischen Einwände in diesem Fall überwiegen. Schließlich müsste man dafür ein Menschengenom in eines vom Neandertaler umwandeln.
Frage: Könnte man nicht auch Schimpansen neandertalisieren?
Schuster: Ja, dieser Vorschlag wurde schon gemacht, und auch der ist höchst bedenklich. Sobald wir technisch in der Lage sind, das Mammut zurückzubringen, werden mit derselben Technik unheimliche Dinge möglich - wie zum Beispiel Mensch-Affe-Hybriden. Das wiederauferstandene Mammut ist da wohl das kleinste Problem.
Frage: Wenn man Ihre anderen Projekte betrachtet, könnte man vermuten, Sie wollten einen ganzen Paläozoo eröffnen.
Schuster: Wir arbeiten an mehreren ausgestorbenen Arten: dem Wollnashorn, dem Tasmanischen Tiger und dem Moa. So wollen wir zeigen, dass unsere Methode der Genomrekonstruktion aus Haaren generell anwendbar und robust ist und verlässliche Ergebnisse liefert. Damit können wir Material aus der tiefen Vergangenheit für die Evolutionsforschung bereitstellen. Momentan können wir 60.000 bis 100.000 Jahre alte Erbmoleküle untersuchen.
Frage: Dinosaurier sind also nicht drin?
Schuster: Dinosaurier sind auf jeden Fall sehr viel schwieriger. Wir werden so schnell keinen Jurassic Park sehen. Aber einen Pleistozän-Park schon. Ich gehe davon aus, dass ich das noch erleben werde. Wir werden jetzt systematisch erforschen, wie alt DNA sein darf, um noch rekonstruiert werden zu können. Alle Labore, die sich damit beschäftigen, arbeiten daran, diese Altersgrenze immer weiter nach hinten zu schieben.
Frage: Sie wollen auch Tierarten vor dem Aussterben retten - wie den Tasmanischen Teufel. Wovon werden die Tiere bedroht?
Schuster: Von Krebs. Die Tiere leiden an einer Form von ansteckendem Hautkrebs im Gesicht. Dass es Tumore gibt, die ansteckend sind, war eine Überraschung für die Wissenschaft.
Frage: Was weiß man über diesen Krebs?
Schuster: Entartete Hautzellen werden von einem Tier zum anderen übertragen, setzen sich im Gesicht fest und wachsen zu einem Tumor. Die Krankheit hat eine hundertprozentige Infektionsrate und Letalität. Das ist die mit Abstand vernichtendste Seuche, die wir uns ausmalen können. Seit 1996 hat sie fast zwei Drittel der Tasmanischen Teufel ausgerottet.
Frage: Wie können Ihre Genuntersuchungen den Tieren helfen?
Schuster: Ein paar Exemplare an der Westküste Tasmaniens sind offenbar teilweise resistent gegen den Krebs. Wir entschlüsseln jetzt das Genom eines dieser Tiere und vergleichen es dann mit dem Genom eines an Krebs gestorbenen Tiers. In den genetischen Unterschieden suchen wir nach Resistenzfaktoren. Die Ergebnisse werden außerdem dazu genutzt, Zuchtprogramme so zu lenken, dass eine größtmögliche biologische Diversität erhalten bleibt. Vielleicht gelingt es sogar, Resistenzfaktoren zu finden, die man gezielt weitervererben kann.
Frage: Könnte so ein infektiöser Krebs eines Tages auch den Menschen ausrotten?
Schuster: Beim Menschen ist so ein Krebs Gott sei Dank bislang noch nie aufgetreten. Stellen Sie sich vor, man würde sich nur die Hand schütteln, und dabei wird der Krebs schon übertragen. Es könnte die größte anzunehmende Katastrophe auslösen. Dagegen wäre Aids ein kleines Problem.
Das Interview führte Ulrich Bahnsen
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