Aus Kapstadt berichtet Corinna Arndt
Von seinem spartanisch eingerichteten Büro im zweiten Stock schaut van Cutsem auf einen kleinen Marktplatz und auf Hütten aus Holz und Pappe. Jeder dritte Mensch dort unten trägt das HI-Virus in sich. Für Ärzte ohne Grenzen hat das Aids-Programm in Khayelitsha Modellcharakter und bietet so etwas wie einen Blick in die Zukunft Afrikas.
Gerade hat die Organisation neue Daten erhoben. Thembisa Mkhosana ist Teil dieser Statistik, den Zahlen zufolge entwickeln 16 Prozent aller Patienten Resistenzen gegenüber der Ersttherapie. Ein Viertel dieser Menschen spricht nach weiteren zwei Jahren auch auf die Folgetherapie nicht mehr an.
Die in Khayelitsha dokumentierten Resistenzen mit Todesfolge - ironischerweise eine Folge gut funktionierender Aids-Programme - drohen nun auch dem Rest des Kontinents. Eine ähnliche Situation gab es vor rund zehn Jahren, als die ersten Aids-Medikamente noch ein Vermögen kosteten und selbst Experten eine flächendeckende Behandlung in Afrika für utopisch hielten.
"Pharmaunternehmen müssen die Preise senken"
Denn am Grundproblem hat sich wenig geändert: Pharmaunternehmen lassen neue Medikamente patentieren und verkaufen sie in der Regel zum höchstmöglichen Preis. Das arme Afrika ist als Kunde uninteressant, und so lassen sich viele Konzerne alle Jahre wieder um Preissenkungen bitten und haben keine Eile mit der Zulassung ihrer Tabletten in Entwicklungsländern, sagt van Cutsem. Das bedeutet nicht nur den Tod von Patienten; es treibt auch die Kosten für die Aids-Programme in die Höhe. Am Ende zahlt die internationale Gemeinschaft drauf, die diese Programme überwiegend finanziert.
"Es ist höchste Zeit, dass Pharmaunternehmen mit Patenten auf die am dringendsten benötigten Aids-Medikamente die Preise in Afrika drastisch senken", sagt van Cutsem. "Und sie müssen ihre Tabletten auch in Ländern registrieren lassen, in denen sie bis heute nicht zugelassen sind."
Laut Stephan Grosserüschkamp, Sprecher von Médecins Sans Frontières, gilt das vor allem für Medikamente, deren Patente gehalten werden von Konzernen wie Gilead (Tenofovir), Merck (Raltegravir, Efavirenz), Abbott (Lopinavir/Ritonavir) und anderen.
Beispiel Tenofovir: Das Medikament wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Erstbehandlung empfohlen. In Staaten, in denen nur das patentierte Originalmedikament erhältlich ist, liegen die Kosten bei mehr als tausend US-Dollar pro Person und Jahr. Doch selbst in Ländern, in denen ein Generikum erhältlich ist, also eine wirkstoffgleiche Kopie des Markenmittels, kosten die Tabletten mindestens doppelt so viel wie die wissenschaftlich überholte und mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehende 80-US-Dollar-Alternative namens Stavudine, die in den meisten afrikanischen Ländern noch immer Standard ist. Besserer und billigerer Zugang zu Tenofovir würde nicht nur die Kosten der Aids-Programme in erheblichem Maße senken und armen Patienten die extremen Nebenwirkungen längst überholter Medikamente ersparen - es würde auch dafür sorgen, dass weniger Menschen später Resistenzen entwickelten, so van Cutsem.
Konzerne wollen "wettbewerbsfähige Preise"
Der Pharmakonzern Gilead, der Tenofovir patentiert hat, verweist darauf, dass er bereits seit 2005 Rabatte für Entwicklungsländer anbiete und in einzelnen Staaten mit Generika-Produzenten kooperiere. Mehr als 500.000 Patienten in ärmeren Ländern erhielten derzeit Tenofovir unter dem Markennamen Viread. "Das sind circa 13 Prozent derer, die Tabletten benötigen", so Gilead-Sprecher Polly Ruettgers. Angesichts der harten Position des Unternehmens reagierte Ärzte ohne Grenzen mit Erleichterung, als nach Brasilien nun auch Indien das beantragte Patent für Tenofovir verweigerte. Zumindest auf diesen Märkten können Patienten nun auf sinkende Preise durch die Produktion von Generika hoffen.
Beispiel Lopinavir/Ritonavir: Die Tablettenkombination ist in Südafrika patentiert und laut Hersteller Abbott in allen 69 afrikanischen Ländern erhältlich zum Preis von 500 US-Dollar für einen erwachsenen Patienten im Jahr. Das sei ein "wettbewerbsfähiger Preis", so Sprecherin Franziska Theobald gegenüber SPIEGEL ONLINE, die gleichzeitig erklärt, der Zugang zu Aids-Medikamenten für arme Patienten zum geringstmöglichen Preis sei heute "mehr denn je unsere Priorität." Zu möglichen weiteren Preissenkungen könne sie sich allerdings nicht äußern.
Ähnlich der Konzern Merck, der mit seinem Medikament Raltegravir eine der wichtigsten Neuentwicklungen im Kampf gegen Aids in den Händen hält. Laut Sprecherin Michele Rest möchte Merck "derzeit nicht über weitere Preissenkungen spekulieren". Schließlich sei Raltegravir in Ländern mit mittlerem Einkommensniveau - dazu gehört auch Südafrika aufgrund seiner extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich - bereits verbilligt erhältlich. In den ärmsten Ländern mache der Konzern keinen Gewinn beim Verkauf der Tabletten.
Kein Geld für Tabletten
Gilles van Cutsem freut sich über jeden dieser "Schritte in die richtige Richtung". Doch das Problem bedürfe einer langfristigen Lösung und beschränke sich auch nicht auf die hier beispielhaft zitierten Firmen. So fordert Ärzte ohne Grenzen, dass alle derzeit von der WHO empfohlenen Aids-Medikamente sowie die wichtigsten Neuentwicklungen künftig in einem internationalen Patent-Pool Organisation Unitaid gesammelt werden, der es Herstellern in aller Welt erlaubt, sie nachzubauen.
Für die großen Konzerne hieße das, lukrative Patentrechte dauerhaft aufzugeben und sich mit geringeren, aber fairen Gewinnen aus Lizenzgebühren zufriedenzugeben. Gilead und Merck zeigen sich bisher vorsichtig an dem Projekt interessiert; Abbott legt Wert darauf, dass die Teilnahme freiwillig sein müsse. Konkrete Zusagen wollte keine der drei Firmen machen. Van Cutsem hingegen hält den Patent-Pool für absolut notwendig: "Wenn wir das nicht schaffen, dann fürchte ich, dass wir nächstes Jahr wieder protestieren müssen, damit irgendein Unternehmen den nächsten kleinen Schritt geht, und in fünf Jahren wieder, und in zehn Jahren."
Seine Patienten aber können so lange nicht warten. Thembisa Mkhosana etwa, die kein Einkommen hat, um sich die Tabletten selbst zu kaufen, die sie zum Überleben benötigen würde, war dabei, als Aids-Aktivisten vor Wochen auf einer internationalen Konferenz in Kapstadt der Pharmaindustrie Preistreiberei vorwarfen. Die Mitarbeiter der Konzerne, denen angeblich das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, schwiegen pikiert. Manche verschwanden diskret hinter leuchtenden Werbetafeln, bis auch dieser Proteststurm vorübergezogen war. Und danach galt, davon ist Thembisa Mkhosana fest überzeugt, was schon seit Jahren gilt: Nach der Demo ist vor der Demo - Business as usual.
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