Von Dirk Husemann
Zunächst erkannte Majcherek nur eine Reihe rechteckiger Räume, jeder mit einem eigenen Eingang zur ehemaligen Straße und mit einer hufeisenförmigen Steintribüne in der Mitte. Bei Bekanntgabe der Entdeckung geisterte die Idee herum, die Bibliothek Alexandrias sei wiedergefunden. Bei einer Pressekonferenz in Kalifornien im Mai 2004 erklärte Zahi Hawass, Präsident der ägyptischen Altertumsbehörde, die Ruinen gehörten zu einer Bibliothek, vermutlich jener legendären Einrichtung, die als Wissenspool der antiken Welt galt: "Ein solcher Komplex von Lehrräumen aus der griechisch-römischen Zeit ist nie zuvor im Mittelmeerraum entdeckt worden." 5000 Studierende fanden in den Räumen Platz. "Vielleicht die älteste Universität der Welt", so Hawass.
Aber erst 2009 war die Struktur komplett freigelegt und die Verbindung zur legendären Bibliothek musste schließlich doch relativiert werden: Bei den Lehrsälen handelt es sich nicht um Teile des Museions, aber um eine ähnliche Einrichtung, die auf die Zeit um 500 n. Chr. datiert werden konnte. Das sagenumwobene Museion bleibt verschwunden.
Das Wissen der Antike scheint verloren. Selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass eine der Schriftrollen aus der Bibliothek von Alexandria bis heute überdauert hätte, wäre sie mittlerweile unlesbar geworden. Doch diese Hürde wüssten einige Forscher dank neuester Technik bereits zu nehmen. In Italien und den USA arbeitet eine Hand voll Experten derzeit daran, die größte Herausforderung der modernen Papyrologie zu meistern: Sie rekonstruieren verkohlte Schriftrollen aus Herculaneum (heute Ercolano) - jenem Ort am Golf von Neapel, den eine pyroklastische Wolke beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. gemeinsam mit Pompeji verschüttet hat.
Der Katastrophe ist zu verdanken, dass bis heute eine Momentaufnahme antiken Lebens festgehalten ist. Die einige hundert Grad Celsius heiße Glut ließ die in den Häusern der Herculaner liegenden Papyrusrollen zu schwarzen Würsten zusammendampfen - damit war das organische Material vor Verfall geschützt. Nach der Wiederentdeckung der Stadt im 18. Jahrhundert kamen annähernd 1800 Papyrusrollen zu Tage. Die schwarzen Klumpen lagen im Raum eines Gebäudes, das seither den Namen Villa dei Papiri trägt - eine Schatzkammer der antiken Wissenschaftsgeschichte.
Hitze und Dampf hatten den Dokumenten zwar stark zugesetzt, aber die Substanz ist noch erhalten. Das Problem: Wer den Text auf einem alten Papyrus lesen will, läuft Gefahr, ihn für immer zu zerstören. Das rein pflanzliche Material droht schon unter der leichtesten Berührung zu Staub zu zerfallen. Bei den Rollen aus Herculaneum kommt die Schwierigkeit hinzu, die verkohlten Reste nicht einfach aufrollen zu können. Und selbst, wenn das vereinzelt gelingt, gibt es nur wenig zu lesen. Papyrus besitzt die Eigenschaft, im Lauf der Jahre nachzudunkeln. Zugleich wird die Tinte - in der Antike meist aus Ruß angerührt - blasser. Wo sich Schriftzeichen erhalten haben, sind sie mit dem bloßen Auge nicht erkennbar, selbst unter dem Mikroskop offenbaren sich meist nur noch Fragmente von Buchstaben, Wörtern und Sätzen.
So sind der wissenschaftlichen Neugier bereits unzählige Papyri zum Opfer gefallen. Die meisten Gelehrten, die versuchten, die zusammengebackenen Wülste zu öffnen, scheiterten - mit verheerenden Resultaten. Die Forscher des 18. und 19. Jahrhunderts waren den Rollen mit Leim oder Quecksilber auf die Pelle gerückt, in der Hoffnung, das Material wieder geschmeidig machen und abrollen zu können. Als das nicht funktionierte, griffen sie zum Messer, zerschnitten die Papyri und höhlten sie von Innen aus, bis genug Raum war, um beim Hereinblicken das Innere der äußeren Schichten erkennen zu können. Dutzende der einmaligen Funde wurden dabei zerstört.
Heute kursieren solche Methoden freilich nur noch als Schauergeschichten unter Papyrologen. In den 1980er Jahren entwickelten die Norweger Knut Kleve und Brynjulf Fosse von der Universität Oslo eine Technik, bei der eine leimartige Substanz auf die Rollen aufgetragen wird, die den Papyrus durchdringt. Nach einer Weile festigt sich das Material und lässt sich vorsichtig abrollen.
Auch beim Entziffern der schwarzen Seiten wurden enorme Fortschritte erzielt: Den Augen der Papyrologen kommt seit einigen Jahren die Infrarottechnik zu Hilfe. Physiker von der Università degli Studi di Milano entwickelten eine hochauflösende Digitalkamera, die mit Hilfe von Infrarotstrahlen Linien und Zeichen erkennt, die das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann. Dabei absorbieren die mit Rußtinte geschriebenen Lettern die Strahlen, während der Papyrus sie reflektiert. Auf diese Weise werden sogar überschriebene Zeichen und Korrekturen wieder sichtbar, wie sie in antiken Schreibstuben an der Tagesordnung waren.
Dank dieser Verfahren wurden mittlerweile über 150 Funde aus Herculaneum wieder lesbar gemacht. Darauf entzifferten die Forscher bis dahin unbekannte Texte des Philosophen Philodemos von Gadara (um 110-40 v. Chr.). Sie gewähren Einblick in die noch ältere Schule des Zenon von Elea - eines berühmten Denkers aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., welcher als Erfinder der bis heute grundlegenden philosophischen Methode gilt: der Argumentation. Philodemos war überdies ein Bekannter von Vergil, Cicero, Lukrez und anderen heute noch prominenten antiken Zeitgenossen. Ob sich Einflüsse dieser Gelehrten in den wiederentdeckten Texten aufspüren lassen, müssen altphilologische Analysen aber erst noch zeigen.
Die neuen Techniken wecken die Hoffnung, das vermeintlich verlorene Wissen aus Alexandria eines Tages wieder ans Tageslicht holen zu können. Doch ist sie berechtigt? "Wohl kaum", meint Andrea Jörgens, Direktorin des Instituts für Papyrologie in Heidelberg. "In Alexandria herrscht Seeklima, da vergehen Papyri schnell. Überdies ist die Stadt seit Jahrhunderten immer wieder überbaut worden." Andernorts sind die Aussichten größer. "Im trockenen Hinterland Ägyptens finden wir immer wieder Papyri", sagt Jörgens. Einige davon können ihrer Meinung nach mit der Schreibkultur der Metropole in Zusammenhang gebracht werden - darunter alexandrinische Hochpoesie aus Oxyrhynchos, einer altägyptischen Stadt und Grabungsstätte am mittleren Nil. "Es ist vorstellbar, dass jemand im Altertum Kopien solcher Texte in Alexandria entlieh und mit nach Hause nahm, aber sie nie wieder zurückbrachte", vermutet die Forscherin.
Zu den großen Erfolgen der Suche zählt die Entdeckung von Werken des Poseidipos, eines Epigrammdichters, der bislang nur dem Namen nach bekannt war. Auch der Fall des antiken Geografen Artemidor von Ephesus gehört zu den Meilensteinen der Papyrusforschung. Wie viele seiner Zeitgenossen wirkte auch er um 100 v. Chr. in Alexandria, wo seine Arbeiten in der Bibliothek archiviert waren - und später untergingen. Das mehrbändige Werk Artemidors war nur noch aus Zitaten anderer antiker Gelehrter bekannt. Bis vor etwa zehn Jahren die Papyrologin Bärbel Kramer von der Universität Trier Reste eines Papyrus entdeckte, der aus dem Kunsthandel kam. Er war Teil einer antiken Mumienmaske und vermutlich als Füllmaterial verwendet worden. Schäfer und ihr Mailänder Kollege Claudio Gallazi puzzelten die Schnipsel zusammen. Vor zwei Jahren präsentierten sie das Ergebnis: eine Landkarte des Artemidor und damit die älteste erhaltene Karte des klassischen Altertums.
Die Aussichten, solche Schätze zu finden sind jedoch gering. "Nur fünf Prozent der gefundenen Texte sind Literatur", erklärt Andrea Jörgens, "die übrigen Funde sind Papyri mit Alltagstexten." Darunter verstehen die Forscher Quittungen, Rechnungen, Privatbriefe und Handelslisten - wichtige Zeugnisse für die Rekonstruktion antiker Lebensverhältnisse, von der romantischen Sehnsucht nach verlorenen Wissensschätzen jedoch weit entfernt. Einer, der das mit Inbrunst beklagte, war Johann Joachim Winckelmann. Der Ahnherr der Kunstgeschichte und Archäologie erwartete, in den Rollen aus Herculaneum Hochkaräter wie Aristoteles, Sophokles oder Euripides wiederzufinden. Als stattdessen ein Traktat über die Musik des bis dahin noch unbekannten Philodemos entziffert werden konnte, seufzte Winckelmann: "An einer hypochondrischen und zerstümmelten Klage wider die Music ist uns nicht viel gelegen."
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