Stammzellforschung
Zell-Reprogrammierung jetzt noch effizienter
MPI Münster / Holm Zaehres
Maus-iPS-Zellen: Drei Chemikalien erhöhen die Ausbeute bei der Reprogrammierung enorm
Noch mehr und noch schneller: Stammzellforscher können seit wenigen Jahren normale Körperzellen in Alleskönner-Stammzellen verwandeln. Allerdings war das ganze mühselig und ineffizient. Nun gelang es Forschern, die Ausbeute auf das 200-Fache zu steigern - durch Zugabe von drei einfachen Chemikalien.
Sheng Ding ist der Mann, dem vor wenigen Monaten ein wichtiger Fortschritt bei der Verwandlung von Zellen in ihren Alleskönner-Urzustand gelang: Brauchten die Stammzellforscher bis dato noch Gene, um aus einer Körperzelle eine Stammzelle zu machen,
schafften Ding und seine Kollegen das Kunststück nur noch mit einem Protein-Cocktail.
Nun der nächste Streich aus dem Labor der Forscher vom Scripps Research Institute in La Jolla/Kalifornien: Sie fanden einen Weg, um die Ausbeute bei der Reprogrammierung wesentlich zu erhöhen. Und zwar gewaltig: Im Fachmagazin "
Nature Methods" berichten Ding und seine Kollegen von einer 200-fachen Steigerung der Effizienz bei der Herstellung menschlicher Stammzellen. Allerdings verbesserten sie nicht ihre neue Proteinmethode der Reprogrammierung sondern den klassischen Weg durch Einschleusung von Genen.
Um einen Körper- in eine sogenannte induzierte pluripotente Stammzelle (iPS) zu verwandeln, müssen Forscher mit Hilfe eines Virus oder eines Plasmids vier Gene in die Zelle bringen: Sie heißen Sox2, Klf4, c-Myc und Oct. Aber nur bei einer von 10.000 Zellen gelingt im Schnitt die Verwandlung, die entstandenen iPS-Zellen müssen aus dem Zellgemisch herausgefiltert werden. Ein mühevoller Prozess, der insgesamt rund vier Wochen dauert.
Ding und seine Kollegen probierten mehrere Chemikalien durch, um die Ausbeute der klassischen Reprogrammierungsmethode zu erhöhen. Mit drei Chemikalien hatten sie den gewünschten Erfolg: SB431542, PD0325901 und Thiazovivin. SB431542 hemmt den Wachstumsfaktor TGF beta, der bestimmte Zellreifungsprozesse steuert. PD0325901 wiederum unterdrückt ein Enzym, das bei zellinternen Signalketten zur Veränderung von Genaktivität führt. Und Thiazovivin ist eine Substanz, die bei der Kultivierung von embryonalen Stammzellen eingesetzt wird und deren Überlebensdauer verlängert, wenn sie mit dem Verdauungsenzym Trypsin behandelt werden. Es verhindert, dass sich die Stammzellen in Kultur aneinander und an die Wände der Kulturbehälter heften.
Ding und seine Kollegen berichten, dass die Chemikalien die Zellen in ihrer Funktion nicht beeinträchtigten. So konnten sie in den iPS-Zellen sowohl nachweisen, dass typische Pluripotenz-Gene aktiv waren. Und sie ließen die iPS-Stammzellen zu Haut-, Knochen- und Muskelzellen reifen - ebenfalls ein gängiger und wichtiger Nachweis für die Alleskönner-Fähigkeiten von Stammzellen.
Der nächste Schritt wird sein, die Ausbeute auch bei der von Ding entwickelten Proteinmethode zu erhöhen. Denn dort war die Ausbeute noch geringer als bei der Genmethode.
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STAMMZELLEN - DIE ZELLULÄREN MULTITALENTE
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
MPI Münster / Jeong Beom Kim
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese germline derived pluripotent stem cells (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens.
In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.
CHRONIK DER STAMMZELLFORSCHUNG
Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.
Im August 2006 präsentieren die Japaner Kazutoshi Takahashi und
Shinya Yamanaka eine erste Lösung. Sie versetzen Schwanzzellen von
Mäusen mit Hilfe von vier Kontrollgenen in eine Art embryonalen
Zustand zurück. Das Produkt nennen sie induzierte pluripotente
Stammzellen (iPS-Zellen). Der Nachteil: Die eingesetzten Gene können
das Krebsrisiko bei einem späteren medizinischen Einsatz erhöhen.
Im Jahr 2007 gibt es entsprechende Erfolge mit menschlichen
Hautzellen. Nach und nach können die Forscher auf ein Kontrollgen
nach dem anderen verzichten, um die iPS-Zellen herzustellen.
Im Februar 2009 präsentiert der Münsteraner Professor Hans Schöler
iPS-Zellen von Mäusen, die er nur mit Hilfe eines Kontrollgens aus
Nervenstammzellen gewonnen hatte.
Anfang März 2009 stellen zwei Forscherteams schließlich iPS-Zellen vor, die keinerlei Kontrollgene mehr im Erbgut enthalten. Sie hatten die Kontrollgene in das Erbgut von menschlichen Hautzellen eingefügt und nach der Arbeit wieder aus dem Erbgut herausgeschnitten.
Ende März 2009 veröffentlicht der US-Forscher James Thomson eine
Arbeit, bei der er die Kontrollgene nicht einmal mehr ins Erbgut der
Zellen einschleusen muss. Er gab sie nur in einem Ring (Plasmid) in
die Zelle und zog sie später wieder heraus.
Ende April 2009 kommt ein US-amerikanisches Forscherteam um Sheng Ding mit Beteiligung von Hans Schöler ganz ohne Gene aus und nutzt nur noch Proteine, um die Hautzellen von Mäusen zu reprogrammieren. Damit ist das zusätzliche Krebsrisiko ausgeschlossen, das beim Einsatz von eingeschleusten Genen generell besteht.
Einem südkoreanisch-US-amerikanischem Team um Robert Lanza gelingt die
Reprogrammierung menschlicher Hautzellen nur durch Zugabe von Proteinen.
Warum den Umweg über Stammzellen gehen? Einem Forscherteam um Marius Wernig von der Stanford University School of Medicine gelang es, Hautzellen von Mäusen
direkt in einen anderen Zelltyp zu verwandeln. Die Forscher schleusten drei Gene in die Zellen und verwandelten die Hautzellen in weniger als einer Woche in voll funktionstüchtige Nervenzellen.
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