Von Carola Kleinschmidt
Peter Kraft ist ein Job nicht genug. Neben seiner Tätigkeit als Bankkaufmann arbeitet er zweimal pro Woche nachmittags als Mentor für junge Menschen mit Migrationshintergrund, die gerade im Berufsleben Fuß fassen. Er berät sie, hilft bei Bewerbungsschreiben und Schwierigkeiten.
Kraft ist 64. An Rente denkt er aber noch lange nicht. Seit einem Jahr tritt er in seinem ursprünglichen Job als Finanzexperte kürzer, zugunsten seiner neuen Tätigkeit. Die macht ihm so viel Spaß, dass er sich vorstellen kann, in größerem Umfang Menschen in Berufsfragen zu beraten, wenn er in drei Jahren bei seiner Bank ganz aufhört. Bei seiner Nachbarin hat er gesehen, wie so eine zweite Berufsphase aussehen könnte. Sie ist 72, war zuletzt als Arzthelferin beschäftigt und betreut heute an ein bis zwei Tagen pro Woche die Website einer Praxisgemeinschaft.
So oder so ähnlich könnten in Deutschland bald viele Lebensläufe aussehen. Die Stichworte in der Debatte lauten: demografischer Wandel, Vergreisung, Rente mit 67. Denn die Menschen leben immer länger. Im Jahr 2030 wird fast jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein, prognostiziert das Statistische Bundesamt in einem Bericht von 2007. Auf 100 Personen im Erwerbsalter kämen dann 50 Personen im Rentenalter - heute sind es nur 32, im Jahr 1970 waren es noch 25.
Das Arbeitsleben wird und muss sich entsprechend verändern. Wie genau, darüber haben sich drei Jahre lang 23 Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen Gedanken gemacht. In der Arbeitsgruppe "Altern in Deutschland" haben sie alle Facetten der alternden Gesellschaft zusammengetragen. Sie haben herausgearbeitet, was passieren muss, damit der demografische Wandel für Deutschlands Gesellschaft und Wirtschaft nicht, wie so oft befürchtet, zum Desaster wird.
Deutschland muss Gas geben
Es ist das bisher größte interdisziplinäre Forschungsprojekt zum demografischen Wandel in der Bundesrepublik. Im April legten die Wissenschaftler dem Bundespräsidenten die Quintessenz ihrer Arbeit vor: Ein hundert Seiten starker Band mit dem Titel " Gewonnene Jahre". In Berlin präsentierten sie nun ihre Empfehlungen zum Thema "Arbeit und Altern".
Der demografische Wandel werde gelingen, so das Fazit der Experten, wenn Deutschland sich zu einer Gesellschaft entwickelt, in der Arbeit bis ins hohe Alter dazugehört - und damit ist sowohl Erwerbsarbeit als auch gesellschaftliches Engagement gemeint. Nur dann ist es möglich Wohlstand und Wohlfahrt in Deutschland auch mit einer älteren Bevölkerungsstruktur zu erhalten.
Ein hochgestecktes Ziel. Aus Sicht der Experten aber realistisch - vorausgesetzt, Deutschland gibt Gas.
Denn im Durchschnitt steigen die Bundesbürger derzeit mit 62 Jahren aus dem Berufsleben aus. Die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen liegt gerade einmal bei 54 Prozent. In Schweden oder der Schweiz liegt die Quote hingegen bei knapp 70 Prozent. Die Folge: Im Vergleich zu anderen EU-Ländern investieren die Deutschen 17 Prozent weniger Arbeitskraft in ihre Volkswirtschaft, im Vergleich zu den USA sogar 26 Prozent weniger.
"Wenn wir bei diesem Status quo bleiben, sinkt unser Lebensstandard im Vergleich zu einem Land wie Dänemark in den nächsten Jahren um über zehn Prozent", erklärt Axel Börsch-Supan, Direktor des Mannheim Research Institute für the Economics of Aging. Nach Ansicht des Ökonomen müsste die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen in den nächsten Jahren mindestens auf 65 Prozent ansteigen.
"Die Dreiteilung in Bildung, Arbeit und Ruhestand ist nicht mehr zeitgemäß"
Aber was heißt das in der Praxis? Schleppen wir uns bis zum bitteren Ende an den gleichen Schreibtisch oder an die gleiche Maschine wie heute? "Ein verlängertes Arbeitsleben bedeutet nicht die schlichte Verlängerung von Arbeitsbiografien, wie sie heute in Deutschland üblich sind", stellen die Forscher klar. Die Lösung liegt viel mehr in einem grundsätzlich neuen Verständnis von beruflicher Entwicklung. "Die typische Dreiteilung der Lebensabfolge in Bildung, Arbeit und Ruhestand ist nicht mehr zeitgemäß", erklärt Ursula Staudinger, Psychologin und Vizepräsidentin der Jacobs University Bremen. Vielmehr müsste Weiterbildung und berufliche Entwicklung über die gesamte Lebensspanne hinweg eine zentrale Rolle spielen. Man müsse bei Bedarf die Tätigkeit im Berufsleben wechseln können - und es am besten sogar wollen.
Persönliche Entwicklung, das Entwickeln von Kompetenzen, Gesundheit - all das ist eng mit Aktivität und Engagement verbunden. Wenn man bedenkt, dass die Deutschen heute im Schnitt 45 Jahre länger leben als noch vor 150 Jahren, dann sei es höchste Zeit für eine Anpassung der Lebensentwürfe. "Wenn Lernen, Arbeit und Freizeit stärker durchmischt werden und sich in kürzeren Abständen abwechseln, könnte dies einen längeren Verbleib im Erwerbsleben erleichtern und die persönliche Entwicklung und Produktivität befördern", sagt Expertin Staudinger.
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