Von Benjamin Bidder, Moskau
Wenn Lembergs Bürgermeister Andri Sadowyj Gäste in seinem Kabinett empfangen will, streift er jetzt immer eine weiße Atemschutzmaske über, sicher ist sicher. "Über die Stadt wurde Quarantäne verhängt, das ist das effektivste Mittel, damit sich die Leute nicht mit der Schweinegrippe anstecken", sagt Sadowyj.
Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Flugblätter informieren die Bevölkerung, wie sie sich während der Pandemie zu verhalten hat. In Bussen, Bahnen und Taxis werden die Bürger dazu angehalten, Mundschutz zu tragen. "Wir haben jetzt viermal so viele Notrufe wie sonst", sagt Bürgermeister Sadowyi. "Normal sind 300, jetzt sind es 1200 am Tag. Und auch die Ärzte fallen aus, jeder zehnte Mediziner ist krank."
Landesweit haben sich 200.000 Menschen infiziert, melden staatliche Stellen. Mehr als 60 sollen bereits gestorben sein. Am schwersten getroffen: die Region Lemberg ganz im Westen der Ukraine, der von Grippewelle regelrecht überrollt wird. 70.000 Menschen sind hier erkrankt, tausend werden in Krankenhäusern behandelt.
Die von der Wucht der Epidemie überraschte Führung reagiert hektisch: Neun Provinzen wurden unter Quarantäne gestellt, doch die Maßnahme könne "jederzeit auch auf andere Landesteile ausgeweitet werden", mahnt Gesundheitsminister Wassili Knjasewitsch.
In einem dramatischen Appell hat Präsident Wiktor Juschtschenko am Wochenende das Ausland um Beistand gebeten. Die Ukraine könne nicht aus eigener Kraft der Gefahr entgegentreten, die das Virus für die "nationale Sicherheit" darstelle. Polen und die Slowakei haben schon reagiert und 200.000 Atemschutzmasken zugesagt.
Wer dennoch keine Maske mehr ergattern könne, dem empfahl Premierministerin Julia Timoschenko, sich selbst einen Mundschutz zu basteln. Ein Rat, den offenbar viele Ukraine befolgen: So berichtet die Zeitung "Kommersant" von ungewöhnlich leeren Straßen auch in der Hauptstadt Kiew, von Bürgern, die mit Tüchern oder Mullbinden Mund und Nase verhüllen. Schon gibt es auch Überlegungen, das für Mittwoch angesetzte Champions-League-Spiel zwischen dem heimischen Club Dynamo und Inter Mailand vor leeren Rängen auszutragen - damit sich die Zuschauer im Gedränge nicht gegenseitig anstecken.
WHO ist ratlos
"Im Moment kommen zwei Grippewellen zusammen: zum einen die normale, saisonale Grippe, zum anderen die Schweinegrippe", sagt Tatjana Bachtejewa, Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Parlaments in Kiew, zu SPIEGEL ONLINE. "Hunderttausende sind schon erkrankt, 7000 werden in Krankenhäusern behandelt, die Hälfte davon sind Kinder. 67 Menschen sind bereits gestorben, allein sieben am heutigen."
Wie viele der Todesfälle und Infektionen allerdings tatsächlich auf den neuen Erreger H1N1 entfallen, ist schwer nachzuvollziehen. Auch bei der Weltgesundheitsorganisation WHO ist man ratlos. "Wir müssen uns erst ein Bild von der Lage machen", sagte eine Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE. Am späten Montagabend wird eine WHO-Delegation in Kiew erwartet und umgehend in die betroffenen Gebiete reisen.
"Der Westen ist deshalb so stark betroffen, weil es dort schon Ende September den ersten Frost gegeben hat", erklärt Bachtejewa, die selbst der vor allem in der Ostukraine verwurzelten "Partei der Regionen" angehört. "Der Kälteeinbruch hat die Menschen unvorbereitet getroffen, viele Zentralheizungen waren damals noch nicht in Betrieb, und selbst heute sind noch viele Wohnungen kalt."
Außerdem verdingten sich viele Westukrainer den Sommer über als Gastarbeiter in Polen und Rumänien, bei ihrer Rückkehr hätten sie den Erreger wohl eingeschleppt, mutmaßt Bachtejewa - und beschwört die nationale Einheit. Jetzt, so die beschwörenden Worte der Abgeordneten, müssten alle politischen Kräfte zusammenstehen. Gleichwohl keilt Bachtejewa wenig später unverdrossen gegen Präsident und Premier in Kiew, die das Land trotz rechtzeitiger Warnungen im Sommer nicht auf die Krise vorbereitet hätten: "Die Regierung ist schuld. Jetzt sind die Apotheken leer."
"Die Regierung ist schuld"
Gut zwei Monate vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen ist es mit der nationalen Geschlossenheit in der Ukraine nicht weit her. Zwar wurden wegen der Ansteckungsgefahr auch viele Auftritte der Kandidaten abgesagt. Doch die setzen den Wahlkampf, der bislang eher einer Schlammschlacht denn einer politischen Auseinandersetzung glich, ungeachtet der dramatischen Lage im Land fort.
Timoschenko habe noch Ende Oktober ihre Anhänger verantwortungslos zu Parteikundgebungen gerufen, obwohl sie bereits von der Ansteckungsgefahr gewusst habe, poltert der Wiktor Janukowitsch, aussichtsreicher Kandidat der "Partei der Regionen". Präsident Juschtschenko und die Premierministerin, die selbst nach dem höchsten Staatsamt strebt, suchen sich derweil selbst als tüchtige Krisenmanager zu profilieren.
Timoschenko eilte in der Nacht auf Montag zum Kiewer Flughafen Borispol, um eine Antonow-Frachtmaschine persönlich in Empfang zu nehmen, die tonnenweise das Grippe-Medikament Tamiflu aus der Schweiz lieferte. Prompt zog Staatschef Juschtschenko nach - und ließ auf seiner Web-Seite verbreiten, er "gratuliere heute der Ukraine dazu, dass es uns in einer sehr knappen Zeit gelungen sei, die Fracht zu liefern, die wir sehr dringend benötigen".
Manche Beobachter glauben hingegen, den wahlkämpfenden Lagern komme die Aufregung um die massenhafte auftretende Erkrankung durchaus gelegen. Vermutlich sei die derzeitige Krankheitswelle kaum schlimmer als die normale saisonale Grippe, zitiert die russische Zeitung "Trud" Konstantin Bondarenko, Politologe und Leiter des Kiewer "Instituts für Verwaltungsprobleme". Es gebe allerdings viele politische Kräfte, so Bondarenko, die danach strebten, sich als Retter der Nation zu profilieren.
Auf anderen Social Networks posten:
Kein Wunder, einer von denen wurde auch schon beim Thema Finanz"krise" sehr kleinlaut. mehr...
Das ist nicht die Alternative. Wie wir bisher gesehen und gelernt haben, werden durch die mit der Industrie verbandelten Gesundheitsbehörden seit Jahren Impfungen empfohlen und zugelassen, die höchstens für gewisse [...] mehr...
Uns? Wen meinen Sie mit "Uns"? mehr...
Falls Sie selbst nicht an eine Bedrohung glauben, soll uns das recht sein. Dann dürfte es Ihnen ja auch nichts ausmachen zu versprechen, die Kosten für die eigene Schweinegrippe privat zu übernehmen. Ihr Fauchen deutet [...] mehr...
Nein. Völlig falscher Ansatz. Sicherlich bekommt Ihr Kassenarzt sogar weniger als 40 Euro pro Patient im Quartal. Egal ob der Patient nun Schweinegrippe oder Keuchhusten oder Masern oder eben alles zusammen hat. Ein [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
| alles zum Thema Schweinegrippe | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH