Von Joachim Hoelzgen
Vor noch nicht allzu langer Zeit fuhren die Fischerboote auf dem Tanganjikasee an einem afrikanischen Idyll vorüber - vor allem an den Ufern Sambias mit ihren Sandstränden, Granitfelsen und grünen Marschlandschaften.
Hier, am südlichen Ende des mit 673 Kilometern längsten Süßwassersees der Welt, konnten sich die Fischer stets auf einen guten Fang verlassen: Buntbarsche, die Speisefische des tropischen Afrika, gingen in die Netze, Hechte, Karpfen und nicht selten große Welse.
All das aber hat sich geändert, weil vor Sambia eine wilde Art des Fischens um sich greift, berichtet der Uno-Informationsdienst Irin. Illegale Fischer, deren Anzahl immer größer wird, werfen auf dem See nicht etwa die Maschennetze der Seefischer aus, sondern Moskitonetze, in deren feinem Gewebe sich Fische aller Größen und jeden Alters verfangen. Das aber gefährdet den Artenreichtum des Tanganjikasees, in dem sich 350 Fischarten tummeln.
Die Folgen des Moskitonetz-Wilderns sind nahe der sambischen Hafenstadt Mpulungu zu beobachten. "Früher konnten wir schon zehn Meter vom Ufer entfernt etwas fangen", erzählt der Fischer Justin Mambwe laut Irin, "nun aber müssen wir weit hinausfahren, und auch dort fallen die Fänge kleiner aus."
Wahlloses Fischen
Manche der Fischer seien gezwungen, mit ihren Booten bis in die Gewässer des östlichen Anrainerstaats Tansania und sogar des Kongo zu schippern, berichtet Wilfred Sikanyika. Er war früher für das Landwirtschaftsministerium in der sambischen Hauptstadt Lusaka tätig. "Wir sind wegen des wahllosen Fischens tief besorgt. Die Leute kommen mit Moskitonetzen und allem, mit dem man Fische fangen kann", sagt Sikanyika.
Doch den Häschern ist auf dem zweitgrößten See Afrikas nicht beizukommen. Sie rücken zumeist nachts mit den Moskitonetzen an und locken die Fische mit dem Schein von Lampen, die sie an den Kähnen befestigt haben. Die Beute bringt ihnen eine Tageseinnahme von 20.000 Kwachas ein, umgerechnet knapp drei Euro. In Sambia, das zu den ärmsten Ländern der Region gehört, ist das viel Geld. Monatlich verdient ein Moskitonetz-Fischer damit immerhin die Hälfte dessen, was etwa ein Richter oder Regierungsbeamter in Lusaka erhält.
Viele der Männer freilich lockt nicht etwa die Aussicht auf Kwacha-Banknoten hinaus auf den Tanganjikasee. Auch Hunger-Desperados sind dabei, die ihre Familien irgendwie mit Essen versorgen müssen - vorzugsweise mit Tanganjikasee-Sardinen, den sogenannten Kapentas. Diese Heringsart ist auf den Märkten am See überall zu finden. Die Sardinen werden eingesalzen, an der Sonne getrocknet und so haltbar gemacht. Das ist wichtig für arme Familien in diesem Teil der Welt, da für sie ein Kühlschrank unerschwinglich ist.
Fluch der guten Tat
Die Tanganjikasee-Sardinen sind auch deshalb zu einer bedeutenden Proteinquelle in Sambia geworden, weil dem Land wegen der hohen Preise für Getreide und Mais eine Ernährungskrise droht. Auf dem Welthunger-Index der Welternährungsorganisation FAO nimmt Sambia Platz 72 ein, hinter Ost-Timor und gerade noch vor dem Jemen und der Zentralafrikanischen Republik.
Auch der Reichtum an Kupfer, dem mit Abstand wichtigsten Exportartikel Sambias, kann daran nichts ändern, obwohl sich der Kupferpreis seit Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise wieder erholt. Tausende von Minenarbeitern sind vergangenes Jahr arbeitslos geworden, und auch das Anfahren einer neuen Kupferhütte durch den chinesischen Konzern NFCG bessert die Lage nur wenig.
Da sich Sambia kein Ausgabenprogramm leisten kann, um die Konjunktur wieder auf Vordermann zu bringen, hat die Regierung wenigstens viel Kunstdünger eingekauft, um die Produktion der Landwirtschaft zu steigern. Und sie hat in großem Stil Moskitonetze angeschafft, um die Geisel der Malaria bekämpfen zu können.
Dass ein Teil der Netze auf dem Tanganjikasee zum Fischfang zweckentfremdet wird, erweist sich nun aber als Fluch der guten Tat. Schon habe auch der Bestand an Sardinen "drastisch abgenommen", beobachtet Justina Zimba von der Fischereibehörde Mpulungus. Der See sei zu einem Niemandsland geworden, "und die Leute fischen, wo sie wollen", zitiert sie der Uno-Informationsdienst.
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