Mittwoch, 10. Februar 2010

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19.11.2009
 

Traumforschung

"Nachts offenbart sich unsere tierische Seite"

Schlafende Frau: "Während des Traums sind all unsere emotionalen Schaltkreise aktiv"
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DDP / DAK / Schlaeger

Schlafende Frau: "Während des Traums sind all unsere emotionalen Schaltkreise aktiv"

Träume geben uns Einblicke in unsere elementare emotionale Persönlichkeit, glaubt der Neurowissenschaftler Mark Solms. Im SPIEGEL-WISSEN-Gespräch erklärt er die tiefere Bedeutung unserer Träume - und erzählt, was er aus seinen eigenen Träumen gelernt hat.

SPIEGEL: Herr Professor Solms, Sie sind erst heute morgen aus Kapstadt gelandet, dafür sehen Sie ziemlich frisch aus.

Solms: Na ja, immerhin gibt es keine Zeitverschiebung. Und zum Glück schlafe ich gut im Flieger.

SPIEGEL: Haben Sie etwas Besonderes geträumt?

Solms: Da muss ich passen, ich erinnere mich an nichts.

SPIEGEL: Führen Sie kein Traumtagebuch?

Solms: Nein. Aber ich sagen Ihnen, was die beste Voraussetzung ist, um zu träumen: schlechter Schlaf. Wenn ich denke: Oh Gott, ich darf den Zug nicht verpassen, hoffentlich höre ich den Wecker; ich habe zu schwer gegessen, oder es herrscht Lärm - all diese Störungen provozieren anscheinend Träume.

SPIEGEL: Und wie schafft man es, sich an das Geträumte zu erinnern?

Solms: Der entscheidende Faktor ist das Aufwachen: Wenn man mit dem Wecker aus dem Bett springt, Licht anmacht, in die Dusche rennt, da hat man spätestens beim Frühstück alles vergessen. Man muss mit geschlossenen Augen liegen bleiben, daran denken, was man geträumt hat, sich den Inhalt selbst erzählen und vielleicht sogar einen Titel für die Geschichte finden.

SPIEGEL: Warum ist es so schwer, die Bilder der Nacht zu bewahren?

Solms: Wenn wir träumen, ist unser Gehirn in einem anderen, ursprünglicheren Zustand als tagsüber. Daher werden Träume anders codiert als unser Wach-Erleben. Es ist eine relativ primitive Art zu denken, in Bildern, voller Emotionen und Instinkte und weniger in Sprache und Vernunft. Unsere Logik ist dabei so inaktiv, wie es nur geht.

SPIEGEL: Sollen wir unsere Träume vielleicht sogar vergessen?

Solms: Würden wir uns an zahllose Dinge erinnern, die nie wirklich stattgefunden haben, könnte das unseren Realitätssinn untergraben und damit schädlich sein. Es gibt also gute biologische und evolutionäre Gründe, warum wir unsere Träume selten im Gedächtnis behalten. Weil Träume nichts Reales kommunizieren, muss man sich auch nicht an sie erinnern.

SPIEGEL: Wozu sind sie dann da?

Solms: Das ist die zentrale Frage, auf die wir immer noch keine Antwort haben. Eine Funktion des Traums tritt aber immer deutlicher hervor: Er ist da, um den Schlaf zu schützen.

SPIEGEL: Wie schon Freud sagte: Der Traum ist der Hüter des Schlafs?

Solms: Ja. Es ist beeindruckend: Während des Traums sind all unsere emotionalen Schaltkreise aktiv. Vor allem ein System ist auf den Computertomographien hell erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum: das Dopamin-System. Es schüttet den Botenstoff aus, der uns motiviert, in die Welt zu gehen und zu suchen, was unsere Bedürfnisse befriedigt - Essen, Trinken, Sex, Anerkennung. Aber wie können wir schlafen, wenn dieses System so hellwach ist? Ich glaube, der Traum regelt genau das: Er erlaubt dir, virtuell alles zu tun, was du willst, anstatt aufzuwachen und es wirklich zu tun.

SPIEGEL: Nach einer anderen These hilft der Traum, das Gedächtnis zu festigen.

Solms: Ich vermute eher, dass dies die Funktion des REM-Schlafs ist und nicht die des Träumens. Vor allem, weil Patienten, die nicht mehr träumen, keine Probleme haben, sich Dinge zu merken. Wir beginnen aber gerade erst zu verstehen, wie die verschiedenen Schlafstadien mit Lernen und Gedächtniskonsolidierung zusammenhängen.

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ZUR PERSON

Muir Vidler
Mark Solms - Mit seiner Entdeckung, dass REM-Schlaf und Traum voneinander unabhängige Vorgänge sind, leitete der Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker eine internationale Freud-Renaissance ein. Der 48-Jährige, in Namibia geboren, lehrt als Professor Neuropsychologie in London und New York; er lebt in Kapstadt, wo er die neurologische Abteilung des Groote-Schuur-Hospitals leitet. Nebenbei übersetzt er Freuds Werke neu und verzeichnet erste Erfolge als Winzer auf seiner Farm, deren Angestellte er zu 50 Prozent am Gewinn beteiligt hat.









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