ThemaSchweinegrippeRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.12.2009
 

Erste Bilanz aus England

H1N1-Virus ist viel harmloser als Spanische Grippe

Von Cinthia Briseño

H1N1: Alles nur Klamauk?Zur Großansicht
AFP

H1N1: Alles nur Klamauk?

Neue Zahlen aus England zeigen: Nur 0,026 Prozent der H1N1-Infektionen verlaufen tödlich, viel weniger als bei der Spanischen Grippe. War die Hysterie um die Schweinegrippe also nur Panikmache? Wissenschaftler verteidigen die Impfung weiterhin, denn das Virus kann sich immer noch verändern.

Eine neue Studie könnte wieder einmal die Frage aufwerfen: Macht eine Impfung gegen H1N1 überhaupt Sinn? Britische Mediziner haben die Sterberate bei Schweinegrippe in England erfasst und kommen zu dem Ergebnis: Nur 26 von 100.000 H1N1-Infektionen führen zum Tod, das entspricht 0,026 Prozent.

Demnach verläuft die erste Influenza-Pandemie des 21. Jahrhunderts weitaus weniger tödlich als befürchtet - und die vorhergesagte Katastrophe ist bisher ausgeblieben. Die Reaktionen auf die länderübergreifende Infektionskrankheit in den letzten Monaten schwankte zwischen Extremen: Zwischen denjenigen, die es kaum erwarten konnten, sich mit einer Impfung vor dem gefährlichen Erreger zu schützen. Denjenigen, die den Ausbruch der Schweinegrippe total verharmlosten. Und denjenigen, die angesichts der Massenimpfkampagne hinter der ganzen Hysterie um die Schweinegrippe einen Riesencoup der Pharmaindustrie ausmachten.

Die Wahrheit über die H1N1-Welle wird irgendwo dazwischen liegen. Und die Studie, die ein Forscherteam um Liam Donaldson vom britischen Gesundheitsministerium jetzt im Fachmagazin "British Medical Journal" veröffentlicht hat, liefert neue Fakten und Erkenntnisse, die helfen, die Gefährlichkeit der Schweinegrippe einzuordnen.

Kinder am wenigsten gefährdet

In England war die Sterberate unter Kindern im Alter von vier bis 15 Jahren am geringsten: 11 von 100.000 erlagen dem Virus, das sind 0,011 Prozent. Allerdings steckten sie sich auch am häufigsten an. Ganz anders sah es in der Gruppe der über 65-Jährigen aus: Weitaus weniger ältere Menschen wurden mit H1N1 infiziert, dafür verliefen 980 von 100.000 Infektionen in dieser Gruppe tödlich. Das macht einen Anteil von knapp einem Prozent aus.

Zum Vergleich: An der Spanischen Grippe, der Pandemie, die zwischen 1918 und 1920 von einem Abkömmling des H1N1-Virus verursacht wurde, starben weltweit mehr als 20 Millionen Menschen. Experten errechneten eine Sterberate von zwei bis drei Prozent. Bei anderen schweren Influenzapandemien wie etwa im Winter 1967/68 lag sie dagegen bei nur 0,2 Prozent. Die Sterberate der aktuellen H1N1-Influenza in England ist demzufolge nur etwa ein Hundertstel so groß wie die der Spanischen Grippe.

Fakt ist auch, dass die H1N1-Influenza harmloser verläuft als die gewöhnliche saisonale Grippe. Das Robert-Koch-Institut (RKI) gibt für Deutschland bisher 192.348 gemeldete Fälle von Schweinegrippe an (Stand 8.12.2009), die Dunkelziffer liegt aber wohl viel höher, da die Ärzte seit einiger Zeit die Fälle nicht mehr melden müssen. An Schweinegrippe gestorben sind laut RKI seit Ausbruch der Infektionskrankheit 94 Menschen. Die normale saisonale Influenza fordert dagegen allein in Deutschland jährlich zwischen 10.000 und 30.000 Todesopfer.

Viel Lärm um nichts?

Angesichts der Zahlen könnte man sich fragen: Sehr viel Lärm um nichts? Ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mal wieder zu voreilig vorgegangen? Noch ist völlig unklar, inwieweit die Massenimpfungen dazu beigetragen haben könnten, die Verbreitung des Erregers und damit die Zahl der Todesfälle zu unterbinden. Und nicht nur das. Je weniger Wirte das H1N1-Virus befällt, desto weniger Chancen bestehen, dass es zu einer weitaus gefährlichen Variante mutiert.

Dem Thema Schweinegrippe jedenfalls konnte in den vergangenen Wochen und Monaten kaum einer entgehen. Allerdings hatten und haben die Debatten um die Nebenwirkungen einer Impfung sowie deren Wirkverstärker ihre Berechtigung. Und es ist in jedem Fall angebracht, den tatsächlichen Nutzen einer Impfung im Einzelfall abzuwägen. Die deutsche Bevölkerung ist bei dieser Impfkampagne offensichtlich zu einer eigenen Schlussfolgerung gekommen: Lediglich fünf Prozent haben sich bisher gegen den H1N1-Erreger impfen lassen.

Die Ergebnisse der britischen Studie sind für Gérard Krause, Leiter der Abteilung für Epidemiologie am RKI, keine Überraschung. Sie deckten sich weitestgehend mit den Daten aus Deutschland, sagt er. Allerdings sei es "zu früh, um eine abschließende Bilanz zu ziehen".

Sicherheitshalber den ganzen Löschzug

Es sei auch noch nicht möglich, einen vernünftigen Vergleich der epidemiologischen Gesamtbelastung in England und der Situation in Deutschland zu ziehen, so Krause. "In England ist bereits die zweite Welle mit inländischer Ausbreitung seit einer Weile rückläufig, wir hingegen haben gerade den Scheitelpunkt einer ersten Welle mit einheimischer Übertragung erreicht", erklärt Krause. Wie sich die Krankheit weiterhin entwickeln werde, könne man noch nicht abschätzen.

In jedem Fall sei es richtig gewesen, derartige Vorsorgemaßnahmen zu treffen, wie es in der Bundesrepublik der Fall war, so Krause. "Wenn es um ein brennendes Gebäude geht, dann fährt man vorsorglich auch mit einem ganzen Löschzug hin und nicht bloß mit einem kleinen Wagen." Er erkenne im Nachhinein nichts, was man in Sachen Vorsorge hätte auslassen sollen. "Wir sind aber froh, dass die Situation doch nicht so schlimm ist, wie wir befürchtet hatten." "Ansonsten hätten wir ein echtes Problem."

Auch die Autoren der britischen Studie jedenfalls sehen die Impfkampagne als gerechtfertigt an. Donaldson, der Chief Medical Officer Englands, betont, es sei vor allem wichtig, etwa chronisch Kranke oder Senioren zu impfen. Der Auswertung zufolge gehörten zwei Drittel der Todesopfer zu Risikogruppen, denen eine Impfung gegen H1N1 angeraten wird.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 60 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.12.2010 von craxor: HAHAHA So ein Mist!

Also mal erlich, eigentlich erwarte ich von den deutschen Medien zumindest im Nachhinein Fehler zuzugeben, ob nun Große Zeitschriften wie Der Spiegel oder andere Medien! Was soll man denn den "unabhängigen" ;) *Grins* [...] mehr...

30.12.2009 von prenzberger: naja

"Die Wahrheit über die H1N1-Welle wird irgendwo dazwischen liegen. " Super Erkenntnis, dafür brauche ich aber kein Nachrichtenmagazin. Es wäre nun an der Zeit, die Verflechtungen von Politikern, UN- und [...] mehr...

30.12.2009 von SpieFo: Der Hai ist viel gefährlicher als der Weisse Hai, oder

Der Tiger ist viel harmloser als der Bengal-Tiger, oder Das Auto ist viel Schneller(langsamer, teurer, billiger) als der (Marke einsetzen) Themenstellung verfehlt, setzen: Die Grippeviren werden in Typen klassifiziert, [...] mehr...

30.12.2009 von Izmir.Übül: .

Sicher, aber die spannende Frage ist doch, ob die Impfung gegen den aktuellen Virenstamm dann immer noch immunisiert. Und was die Spanische Grippe betrifft: Damals traf der Erreger auf eine durch den 1. Weltkrieg und [...] mehr...

30.12.2009 von Izmir.Übül: Brille aufsetzen

Und genau so steht's doch auch im Artikel (0,011%). mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch
alles zum Thema Schweinegrippe

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen

Acht Fragen zur Schweinegrippe

Klicken Sie auf eine Frage, um mehr zu erfahren

Wie kann man sich schützen?

Wie verbreitet sich das H1N1-Virus?

Welche Symptome treten auf?

Was tun bei Verdacht auf Schweinegrippe?

Helfen Medikamente nach einer Ansteckung?

Ist ein Mundschutz sinnvoll?

Wie weist man das Virus nach?

Kann sich der H1N1-Erreger verändern?


Schweinegrippe-Impfung

Klicken Sie auf eine Frage, um mehr zu erfahren

Wer wird geimpft?

Womit wird geimpft?

Wann wird geimpft?

Wo wird geimpft?

Was kostet das?

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Was tun bis zur Impfung?

Hotline der Bundesregierung






TOP



TOP