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26.12.2009
 

Netzwerkforschung

So tickt das Wir

Von Max Rauner

Wie entsteht Börsenpanik - wie Nächstenliebe? Netzwerkforscher wollen die Gesellschaft verstehen, indem sie unsere Verbindungen erforschen. Sie sammeln digitale Spuren, die wir täglich hinterlassen, und stellen nun fest: Viele scheinbar komplexe Phänomene folgen einem verblüffend einfachen Gesetz.


Zuerst tauchte George in Dayton, Ohio auf, er sah noch jung aus. Zwei Monate später wurde er in einem Restaurant in Kentucky gesehen, dann an einer Tankstelle in Tennessee. In Dallas fand man ihn auf dem Boden eines Bordells. Drei Jahre nach seinem ersten Auftritt verliert sich seine Spur in Michigan. "Er sieht ziemlich alt aus", notierte sein letzter Besitzer im Internet.

George ist eine Dollarnote. Dass man heute weiß, wie er durch die USA reiste, ist Hank Eskins Verdienst. Vor elf Jahren stellte er die Webseite WheresGeorge.com ins Netz, benannt nach George Washington, dessen Konterfei die Ein-Dollar-Scheine schmückt. Eskin wollte den Weg von Geldscheinen verfolgen, nur so zum Spaß. Auf der Webseite kann jeder die Seriennummer und Position eines Dollarscheins eingeben. 18 Millionen Scheine wurden bereits mehr als einmal gesichtet, für den Rekordhalter aus Dayton sind 15 Besitzer dokumentiert, er legte 6700 Kilometer zurück.

Für Eskin war WheresGeorge ein Spiel, für den Physiker Dirk Brockmann eine Offenbarung. Brockmann suchte nach einem Weg, die Ausbreitung von Seuchen vorherzusagen, und dafür musste er wissen, wie die Menschen sich durch die Welt bewegen. Eskins Seite war die Lösung. Denn wo Geld von Hand zu Hand geht, werden auch Viren übertragen. Als Brockmann mit zwei Kollegen vom Max-Planck-Institut für Selbstorganisation die Daten analysierte, entdeckten sie eine Art Naturgesetz für das Bewegungsmuster der Amerikaner.

Die Forschungsarbeit steht für einen neuen Trend. Die einen nennen ihn Computational Social Science, die anderen Sozialphysik oder Netzwerkforschung. Wissenschaftler aller Disziplinen mischen dabei mit, ihr Ziel ist ambitioniert: Sie wollen soziale Phänomene mit naturwissenschaftlichen Methoden beschreiben. Ob Panikverkäufe an der Börse, die Verbreitung von Gerüchten und Krankheiten oder Glücksgefühle in einer Gruppe - die Wissenschaftler suchen nach einfachen Gesetzmäßigkeiten im sozialen Gewusel.

Wie Menschen reisen, sei auf den ersten Blick eine komplizierte Angelegenheit, sagt Dirk Brockmann. Die meisten legen kurze Wege zur Arbeit oder zur Schule zurück, andere fahren auf Dienstreise oder in den Urlaub. Die Forscher hatten mit einem statistischen Durcheinander gerechnet. Doch dann stellten sie fest, dass dieses Verhalten einer einfachen Regel folgte: Die Anzahl derjenigen, die eine bestimmte Strecke am Tag reisen, nimmt mit zunehmender Reisestrecke ähnlich ab wie die Schwerkraft, wenn man sich von der Erde entfernt - Potenzgesetz, Mathematik achte Klasse. "Das hat uns alle überrascht ", sagt Brockmann. "In der Physik sind das die einfachsten Gesetzmäßigkeiten, die man kennt." Die Simulation der Seuchenausbreitung wurde dadurch enorm vereinfacht. Brockmann ist heute Professor in Illinois und ein gefragter Experte für die Vorhersage der Schweinegrippe in den USA. Als Nächstes will er die Bewegungsmuster in Deutschland mithilfe von Geocaching erforschen, eine Art Schatzsuche mit GPS-Geräten.

Die Gesellschaft als Netzwerk sozialer Atome

Doch wie berechenbar ist eine Gesellschaft, deren Mitglieder Gefühle und einen freien Willen haben? "Als Physiker kann man davon ausgehen, dass ein Elektron wie das andere ist, während Sozialwissenschaftler auf diesen Luxus verzichten müssen", stellte der Quantenphysiker Wolfgang Pauli einst fest. Vergeblich versuchten große Gelehrte wie Adam Smith, Friedrich Engels und Auguste Comte, die Gesellschaft zu beschreiben wie andere eine Maschine oder das Sonnensystem. Comte wollte die Soziologie ursprünglich sogar "Sozialphysik " nennen. Die modernen Sozialnaturwissenschaftler nehmen nun einen neuen Anlauf. Sie betrachten die Gesellschaft als Netzwerk sozialer Atome. So wie man den Siedepunkt von Wasser berechnen kann, ohne jedes Atom zu verfolgen, versuchen sie, die Gesellschaft zu verstehen, ohne die Beweggründe jedes Einzelnen zu kennen.

Das Projekt ist nicht so verrückt, wie es klingt. Schon auf begrenztem Raum lässt sich feststellen, dass Menschen sich in manchen Situationen wie berechenbare Teile einer Masse verhalten. Der Physiker Dirk Helbing hat mit seinem Doktoranden Anders Johansson die Massenpaniken während der Pilgerrituale in Mekka erforscht. Sie konnten zeigen, dass kurz vor einer Panik zunächst Stop-and-go-Wellen in der vorwärtsstrebenden Masse auftreten. Nimmt das Gedränge weiter zu, wird die Bewegung turbulent, und die in der Menge eingekeilten Menschen werden ruckartig hin und her geworfen. Der eben noch flüssige Menschenstrom verhält sich so, als wäre er einem Erdbeben ausgesetzt. Um das zu verstehen, muss man nicht wissen, welche Ängste jeder Einzelne gerade aussteht. Automatische Videoanalysen sollen nun helfen, die Gefahr frühzeitig zu erkennen.

Auch für Staus, Fußgängerströme und Vogelschwärme konnten die Wissenschaftler realitätsgetreue Modelle entwickeln. Nun wollen sie einen Schritt weiter gehen und gesellschaftliche Phänomene auf Gesetzmäßigkeiten untersuchen. Der Physiker Helbing forscht heute an der ETH Zürich - als Soziologieprofessor. Er simuliert am Computer die Entstehung von Normen und Altruismus in der Gesellschaft und fordert "ein Apollo-Programm für die Sozialwissenschaften ". Er sagt: "Wir geben Milliarden von Dollar aus, um den Ursprung des Universums zu verstehen, aber wir kennen immer noch nicht die Bedingungen für eine stabile Gesellschaft, eine funktionierende Ökonomie oder Frieden."

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insgesamt 41 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.01.2010 von lachender lemur: Modellrelevanz

Viele, mag sein - jedoch die in den sozialwissenschaften relevanten Netzwerke eben oft gerade nicht. z.B. epidemiologisch relevante sexuelle Kontaktnetzwerke, oder für 'opinion dynamics' relevante Freundschaftsnetzwerke, oder [...] mehr...

02.01.2010 von lampeauftisch: Zeit der Synthese

Ich bin überzeugt, dass es Zeit für eine im Artikel angedeutete Synthese ist. Nach Jahrhunderten der Wissenschaft der Unterteilung und Zerlegung in Einzelteile (und der wachsenden Überzeugung, dass dies nicht zur letzten [...] mehr...

31.12.2009 von heinrichp: transdisziplinäre Integrationsmethode:

Vielleicht hilft uns das weiter Allgemeine Systemtheorie als transdisziplinäre Integrationsmethode: http://www.itas.fzk.de/tatup/052/ropo05a.htm von Günter Ropohl, Karlsruhe mehr...

30.12.2009 von lampeauftisch: Realistischere Modellannahmen in der Komplexitätsforschung

Richtig. Modelle sollten sowohl auf der Seite der Annahmen als auch auf der Seite der Resultate empirisch untermauert sein. Ich verstehe allerdings nicht warum gerade scale-free Netzwerke dafür ein Problem darstellen. Fakt [...] mehr...

29.12.2009 von lachender lemur: Complexity Science Unmasked

Ja. ---Zitat--- Ist es nicht gut, dass die (erstmals so klar formalisierte) Netzwerktheorie oder auch Komplexitätswissenschaft (Complexity Science) weitergehen will als die Kybernetik? ---Zitatende--- Auch Ja. Das Problem [...] mehr...

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Glück

Glücksgefühle stecken an: Das Bild links zeigt ein Netzwerk von 1020 Menschen, eine Momentaufnahme aus der Kleinstadt Framingham im Jahr 2000. Jedes Quadrat steht für einen Mann, jeder Kreis für eine Frau. Gelb heißt: Diese Person ist glücklich; Blau: Sie ist unglücklich; Grün: dazwischen; rote Linien: verheiratet oder befreundet; schwarze Linien verbinden Geschwister. Glückliche und unglückliche Menschen bilden oft Cliquen. Sie ziehen sich nicht nur gegenseitig an, sagen Forscher, sondern infizieren ihre Freunde und sogar die Freunde von Freunden von Freunden.

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Wenn Menschen panisch aus einem Raum fliehen, drängeln und schubsen sie. Dadurch verkeilen sie sich an Türen und Engstellen, es bildet sich ein Pfropfen. Würden sie langsamer gehen, wäre der Raum schneller evakuiert. Eine Säule in der Nähe des Ausgangs kann die Situation entschärfen, fanden Panikforscher heraus.

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